Länderberichte

Toronto | F***ing Fantastic

Manuela Imre
Geschrieben von Manuela Imre

Mit knapp über 150 Jahren Stadtgeschichte ist die Boomtown Toronto ein Teenager unter den Weltmetropolen. Kanadas größte Stadt wird also gerade erst erwachsen und entdeckt ihre eigene Coolness: Kunst, Kultur und Kulinarik. Nicht nur Touristen lieben die Vielfalt, auch die Einheimischen lassen sich vom neuen Weltstadt-Charme bezirzen – wie unsere Autorin Manuela Imre

Idris Elba, britischer Schauspieler („Luther“), schreit sein „Toronto is fucking fantastic!“ so laut ins Mikrofon, dass Kate Winslet neben ihm zuerst zusammenzuckt, dann in die Hände klatscht und dabei glucksend lacht. Das wiederum geht im tosenden Gebrüll der Menge unter. Die tobt und freut sich. „Sag’ ich doch schon immer“, ruft eine junge Frau mit Dreadlocks im Publikum und erntet ebenfalls Applaus. Es ist Filmfestzeit in Toronto. Jährlich wandeln beim Toronto International Film Festival zehn Tage lang Hollywood-Stars, Regisseure und Filmemacher über die roten Teppiche der kanadischen Stadt.

Toronto sieht sich als „Canada’s Downtown“

Toronto ist trendy, nicht nur zu Zeiten des Filmfests. Die Touristenströme erreichten in den vergangenen drei Jahren beständig neue Höchstzahlen, die Stadt poliert und wienert das Image als „Canada’s Downtown“ beflissen auf. Will heißen: in „Kanadas Innenstadt“ trifft sich die Welt, alle sind herzlich willkommen und alle scheinen plötzlich heiß zu sein auf das offene, internationale, unprätentiös-coole Image, das die Stadt am riesigen Lake Ontario ausstrahlt. Eben der perfekte Gegenpol zum polternden Nachbarn Donald Trump.

Trends setzen und sich dabei treu bleiben

Galeriekonglomerate wie das 401 Richmond Building sind Treffpunkte für den stetig wachsenden Künstlernachwuchs. Musiktrendsetter wie die Alternative-Band „the Beaches“ nutzen den – wie Elsaesser es nennt – „herrlich unbelasteten kreativen Nährboden“ der Stadt für frische Ideen. „aber“, so die Designerin, „wir bleiben uns dabei treu. Und schön kanadisch.“

Übersetzt heißt das: nett, freundlich, weltoffen. Mehr noch als New York ist Toronto mit seinen vielfältigen Stadtteilen ein Patchwork aus unterschiedlichen Vierteln, die von einem kollektiven Spaß-an-Kunst-und-Kulinarik-Ethos und einer lebendigen Straßenkultur miteinander verbunden sind. „Jeder Stadtteil hat seinen ganz eigenen Charakter. Trotz Großstadt ist es heimelig und man wird Teil seiner Neighborhood“, sagt Steve, in London aufgewachsen und ein bekennender West-Queen-Westler, während er die Milch für meine Latte to go aufschäumt.

Kein Platz für Hater und Rassisten

Das winzige „Major Treat Café“ ist Teil des „Town Barber“ in der Queen Street, einem im 50er-Jahre-Stil eingerichteten Herrenfrisör. „Wenn du voreingenommen, rassistisch, ausländerfeindlich, gegen Lesben oder Schwule bist …, kannst du gleich wieder umdrehen“ steht auf einem großen Schild am Eingang, dahinter werden lange Hipster-Bärte und Man-Buns mit Sorgfalt von voll tätowierten Frisören getrimmt, denen der cremefarbene Boxer „Benny“ um die Beine streicht.

Mich hat die Verbundenheit, von der Steve spricht, ebenfalls ins Viertel West Queen West verschlagen. Vor gut 14 Jahren habe ich hier ein paar Monate gewohnt und mich, obwohl die Gegend damals elendig heruntergekommen und weder von schicken Barber-Shops noch coolen Cafés beseelt war, wohl gefühlt. Nun bin ich zurück und baff, was sich in einem Jahrzehnt auf der Queen Street getan hat.

Ein hipper Laden hier, ein trendy Restaurant dort. Zwischendrin Cafés, Boutiquen, Cocktail-Bars, Musikschuppen und eine beeindruckende Ansammlung modisch gewagter, international und multikulturell aussehender Leute. Es steppt, gelinde und kanadisch gesagt, ganz schön der Elch.

Einmal rund um die Welt futtern

„Habibi, noch ein bisschen Zatar auf dem Manaeesh?“, fragt Husam Soufi mit einem Augenzwinkern. Der Syrer verstreut eine Kräutermischung auf dem dampfenden, pizzaähnlichen arabischen Gericht. 2015 immigrierte er mit seiner Frau Shahnaz und drei Töchtern nach Toronto, zwei Jahre später eröffnete die Familie das kleine Stehrestaurant in der Queen Street.

Einheimische wie Immigranten sind stolz darauf, das Aushängeschild zu kultivieren, das US-Städte wie New York, San Francisco oder Los Angeles lange vor sich hergetragen haben, das in Trump-Zeiten aber bröckelt: Schmelztiegel der Kulturen und Ethnien zu sein. Am deutlichsten zeigt sich die Vielfalt beim Essen: Man kann sich quasi einmal um die Welt futtern.

Aber auch optisch ist das Stadtbild bunt und international. Sikhs, Muslime oder tibetische Buddhisten tragen ihre Glaubensrichtung durch Kleidung oder Kopfbedeckungen zur Schau und mischen sich problemlos unter Mitbürger afrikanischer, karibischer, südamerikanischer und europäischer Herkunft.

Im ältesten Teil der Stadt rund um die Front Street im Osten ist der historische St. Lawrence Market unangefochtener Dreh- und Angelpunkt: Hinter den riesigen gusseisernen Tore wartet ein kunterbunter Gemüse-, Obst- und Gourmet-Markt. Seit 1803 verkaufen Ontarios Bauern in dem markanten Backsteingebäude ihre Waren – nirgendwo sonst in der Stadt gibt es ein ähnliches Überangebot an Käse-, Wurst-, Back- und Fischspezialitäten. Wohin kann ich mit der fetten Beute dem Markttrubel entfliehen?

„Geh schnell an den Strand“, empfiehlt mir Robert Biancolin, Chef der „Carousel Bakery“, während er ein unglaublich gut duftendes Peameal-Bacon-Sandwich mit einer Schicht hausgemachtem Pfeffersenf überzieht. Mit dem Daumen weist der rundliche Herr im weißen Kittel, der seit drei Jahrzehnten im Markt Lunchsnacks kreiert, hinter sich.

Ganz so nah ist Sugar Beach zwar nicht, aber zehn Minuten später stehe ich am See und – tatsächlich – an einem kleinen Sandstrand. Die weißen Holzstühle sind zu dieser Jahreszeit unbelegt, die großen rosa Sonnenschirme bieten sogar bei Windschutz.

Für Wasserratten und Sonnenanbeter

Sugar Beach ist nur einer der vielen Beach-Spots der Torontonians. Östlich und westlich der Stadt verwandelt sich im Sommer das Seeufer tatsächlich in ein kleines Strandparadies – im Osten genannt „The Beaches“.

Hier und auf den vorgelagerten City Islands, einer Inselgruppe, die man in zehn Minuten per Fähre erreicht, erholen sich die Kanadier mit den Füßen im warmen Sand vom rauen Winter – über den ab November jeder und ab April keiner mehr spricht.

Nicht, dass das Leben hier bei minus 30 Grad stillstehen würde! Mit Weihnachtsmarkt und „Light Festival“ im Distillery District, einem alten Areal mit Schnapsbrennerei, das in liebevoller Renovierungsarbeit zu einem der hübschesten Viertel umgebaut wurde, unzähligen Winter-Installationen, Lagerfeuer-Festen und Eislaufbahnen spielt sich viel draußen ab. Tief im Herzen ist jeder Kanadier eben doch ein Präriekind, Großstadt-Coolness hin oder her. Gut, dass in Toronto die Natur stets nah und greifbar ist.

Das kann auch einer der mehr als 1.500 Parks sein, wie Trinity Bellwoods, High Park und Edwards Gardens, oder auch die rauen Felsen der Scarbourough Bluffs, eine Felsformation, die an Irland erinnert, sich nach Urlaub anfühlt und dabei nur 30 Autominuten von der Innenstadt entfernt ist.

Für Tagesausflüge oder Wochenendtrips peilen Einheimische Niagara- on-the-Lake an, eine Weinbauregion unweit der Niagarafälle. Die sind tatsächlich nur knapp zwei Stunden vom Großstadtrummel entfernt und erwarten einen mit dem Getöse ihrer Wassermassen, die aus einer Höhe von 57 Metern in die Tiefe stürzen.

Zurück in der Stadt, kommt das Holzfällerhemd an den Haken. Trendsetter tingeln abends in eng anliegenden T-Shirts mit „Home is Toronto“-Slogans durch das momentan angesagteste Viertel „The Junction“. Hier hat Ende 2018 das Museum of Contemporary Art (MOCA) eröffnet. in den Graffiti-Hintergassen übertrumpfen sich die kunstvoll verschnörkelten City-Logos an Größe und Aufwand. Und in Gedanken klopft mindestens jeder Zweite Torontos Lieblingssohn, dem Rapper Drake, als „Best Buddy“ auf die Schultern.

Seit Drake 2015 über „The 6ix“ sang – eine Anspielung auf die sechs Bezirke – hat Toronto ein neues, cooles Label. „Drake get’s this city“, sagt Sharmaine, dunkel gelockte Barista im „Dark Horse café“, und zeigt mir stolz ihr „i Love the 6ix“-Tattoo am Oberarm, der bleibende Beweis ihrer tiefen Liebe für Toronto.


Info

Anreise

Nonstop in 8,5 Stunden mit Lufthansa/AirCanada oder mit einem Stopp in Island macht Icelandair (dort auch Stopover-Programm). Ticket ab 450 Euro

Gut schlafen

The Drake Hotel

Rock ‘n‘ Roll trifft auf Boutiquehotel! Lassen Sie sich vom Party-Gedöns im vorderen Bereich des Gebäudes nicht abschrecken, die Zimmer sind gut isoliert. Vor allem sind sie aber mit wunderbarer Kunst und in einfallsreichem Design individuell eingerichtet. Tipp: Am Wochenende wegen des speziellen Brunch-Menüs vorbeischauen und unbedingt die „Chicken Waffles“ probieren. DZ ab 175 Euro

The Hazelton
Eine Mischung aus Old Hollywood, Art-déco-Style und James-Bond- Set: Die 77 Zimmer sind luxuriös, schick und dank der neuesten High- Tech-Gadgets stylish. Die Zimmer mit ultratiefen Badewannen aus grünem Granit sind besonders opulent. Hier haben schon Oprah Winfrey, Ben Affleck und Blake Lively übernachtet. DZ ab 460 Euro

Essen und Trinken

Kojin 

In New York ist Gastro-Unternehmer David Chang bereits legendär, in Toronto hatte er sich vor ein paar Jahren mit den Restaurants „Daisho“ und „Shoto“ kulinarische Freunde gemacht. Seit Sommer 2018 geht Chang mit „Kojin“ neue Wege – die weniger japanisch, dafür kolumbianisch angehaucht sind.
Ins Boot geholt hat er Chefköchin Paula Navarrete, die täglich wechselnde deftige Gerichte kreiert. Was alle gemeinsam haben? Viel Fleisch, viel Maismehl und viel Aroma. Unbedingt probieren: Der Easton Blend Burger ist, verfeinert mit Gruyere, karamellisierten Zwiebeln und Knoblauch-Mayo, ein Burger- Traum. Gehobenes Preisniveau

Soufi’s

Husam Soufi und seine Frau Shahnaz Al-Soufi kochen hier authentische Rezepte aus ihrer Heimat Syrien, aus der sie 2015 fliehen mussten. Unbedingt Manaeesh (auch als vegetarische Option auf der Speisekarte zu finden), ähnlich einer Pizza, bestellen. Als Nachtisch ist Knafeh eine leckere, nach Orangenblüten duftende Option mit Käse. Niedriges Preisniveau

Lesen

City Trip Toronto“ von Reise Know-How mit Stadtplan zum Herausnehmen (2018, 144 Seiten, zwölf Euro)

Web

City Trip Toronto
ontariotravel.net
seetorontonow.com


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Über diesen Autor

Manuela Imre

Manuela Imre

Den Fuß in die Schreiberei bekam Manuela mit 15 bei der Lokalzeitung. Heute lebt sie in New York, reist aber am liebsten um die Welt. Luxus? Ist schön, muss aber nicht sein. Am spannendsten sind letztendlich immer die unerwarteten Entdeckungen in verwinkelten Seitenstraßen, die spontanen Gespräche mit Einheimischen und die atemraubenden Ausblicke auf den Spitzen kleiner Bergdörfer. Auf wuseligen Märkten, an Straßenständen und in versteckten Suppenküchen verbergen sich zudem oft die köstlichsten Gerichte – die dürfen gern scharf und würzig sein. Die besten Mitbringsel aus fernen Ländern sind sowieso lokale Rezepte wie Amok aus Kambodscha, Laksa aus Malaysia oder Tom Yum aus Thailand. Die schmecken nachgekocht zwar meist nicht ganz so perfekt wie auf Reisen, machen aber die schönsten Erinnerungen wieder lebendig. Wenn die Journalistin nicht gerade auf Booten, Fahrrädern oder in Flugzeugen unterwegs ist, lässt sie es mit Yoga etwas ruhiger und rückenschonender angehen...der nächste lange Flug kommt bestimmt.