Länderberichte

Japan | Kyoto sieht Rot

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Lässt der Herbst das Laub der Ahorn- und Gingkobäume in allen denkbaren Rot-, Gelb- und Orangetönen explodieren, bläst Japan zur Rote-Blätter-Jagd alias Momojigari. Dank Verstärkung aus China und Korea platzt dann die alte Kaiserstadt Kyoto aus allen Nähten. Tipps für einen dennoch ungetrübten Besuch.

Keine Ahnung, wie viele Japaner, Koreaner, Chinesen und Amerikaner Kyoto zum Indian Summer jeden Tag fluten. Aber es müssen Hunderttausende sein. Die Vorzeigestücke unter den insgesamt 300 Schreinen und 1.600 Tempeln der alten Kaiserstadt sind rund um die Uhr überlaufen. An einigen Tempel wie dem Eikan-dō Zenrin-ji oder dem Nanzen-ji werden die herbstbun­ten Bäume nachts illuminiert. Dann kann man nochmals nach Herzenslust Schlange stehen, um „Rot zu sehen“.

#1  Raus aus Kyoto: Adashino Nenbutsu-ji

Der erste Tag. Was tun? Sparen Sie sich die Very Important Temples für später auf. Es gibt keinen besseren und schöneren Auftakt als den Besuch des Tempels Adashino Nenbutsu-ji in Ara­shiyama, 25 Bahnminuten westlich vom Stadtzentrum. Er ist viel schöner, deutlich kleiner, ungewöhnlicher und mit tollerem Blick auf die Stadt gelegen als seine 1.599 Konkurrenten. Man erreicht ihn in rund 30 Minuten Fußmarsch vom berühmten Sagano Bamboo Grove über die Saga Toriimoto Street, die von traditionellen Holzhäusern gesäumt ist.

Über 8.000 Buddhasteine stehen im Garten des Tempels, dahinter wiegt sich ein kleiner Bambuswald im Wind. Kontemplativer kann der Kyoto-Aufenthalt nicht starten. Zumal die Bäume der Umgebung und im Tempelbezirk beim Wettbewerb „Wer treibt’s bunter“ weit vorn mitmischen. Zehn Gehminuten weiter liegt der Tempel Otagi Nenbutsu-ji mit 1.200 Raka-Statuen.

Wer den ganzen Tag in Arashiyama verbringen will, schaut noch beim sehenswerten Zen-Tempel Tenryū-ji und der populären Togetsukyō Bridge vorbei. Im Som­mer können Besucher beobachten, wie auf dem Fluss Hozu mit dressierten Kormoranen gefischt wird.

Die erste Nacht bucht man sich am besten im „Kyoto Arashiyama Onsen Ryokan Togetsutei“ unweit der To­ge­tsukyō Bridge ein. Für eines der 25 Tatami-Zimmer, in denen man auf Futons schläft, zahlt man pro Nacht ab 370 Euro pro Kopf inklusive Onsen-Nutzung und Halbpension mit klassischem Kaiseki-Dinner und japanischem Frühstück. Arashiyama erreicht man in 25 Bahn-Minuten von der Kyoto Main Station, Ausstieg in der JR-Station Saga Arashiyama.

#2  Rein ins pralle Leben

Entspannt? Erholt? Beseelt? Dann geht es vom Tempel Adashino Nenbutsu-ji wieder den Berg runter und einmal durch den Bambuswald Sagano Bamboo Grove. Am besten nachmittags, wenn die biegsamen, hohen Bambusstämme beleuchtet sind und die Besuchermassen ein wenig nachlassen. Staunen, spazieren – und nochmals Luft holen. Dann zurück ins Zentrum von Kyoto und ein wenig durchs Altstadtviertel Higashiyama bummeln.

Den Bambuswald Sagano Bamboo Grove besucht man am besten nachmittags, wenn die biegsamen, hohen Bambusstämme beleuchtet sind und die Besuchermassen ein wenig nachlassen

Abendstimmung in den Altstadtgassen von Gion

Sattmacher: Ramen mit Schweinebauch, schön scharf

Tempel Adashino Nenbutsu-ji

Tausende Buddhasteine stehen im Tempel Adashino Nenbutsu-ji

Ahorn im Garten des Daitoku-ji

Hunger bekommen? Würzige Hühnerspieße gibt es im kleinen, gemütlichen „Yakitori Tarokichi“ in Gion. Das Grilllokal liegt rund 150 Meter von der Station Gion-Shijo. Die Spieße mit saftig-zartem Hühnerfleisch kosten 160 bis 240 Yen, dazu gibt’s Bier oder Sake. Unser Tipp: Yakitori mit Rote-Bohnen-Paste und Wasabi.

#3  Zeit für eine Bergtour: Fushimi Inari

Der Fushimi Inari-Taisha ist ein wichtiger Shinto-Schrein im südlichen Teil Kyotos. Hauptattraktion: der Weg Senbon Torii zum Gipfel des 233 Meter hohen Mount Inari, der unter Tausenden von zinnoberroten, mit Kalligrafien verzierten hölzernen Torii-Toren hindurchführt. Auf den ersten 300 bis 400 Metern bis zur Plattform Okusha Hohaisho mit ihren berühmten Steinlaternen und weiter bis zum Teich Kodamagaike geht es im Tippelschritt dicht gedrängt voran – für Besucher mit einschlägigen Psychosen ein Horrortrip. Wer Kondition hat und Zeit mitbringt, hat den Rest des Wegs zum Gipfel fast für sich.

Auf dem Weg Senbon Torii geht es zum Gipfel des 233 Meter hohen Mount Inari

#4  Menbakaichidai: Japans heißeste Nudel

Auf den ersten Blick wirkt das Lokal „Fire Ramen Menbakaichidai“ nördlich der Burg dunkel, fettig und abgerissen. Auf den zweiten Blick ist es das auch. Vor Beginn der pyromanen Pasta-Show bemüht sich der grimmig dreinblickende Chef Masamichi Miyazawa (der verblüffend dem Kabarettisten Wilfried Schickler ähnelt), den Gästen Angst zu machen. „Abstand halten!“ „Hände hinter den Rücken!“ „Keine Fotos!“ Dann bereitet er zusammen mit seinem Assistenten die Green Onion Ramen in einer riesigen Feuerwolke zu: Die Nudeln werden mit brennendem Öl flambiert. Dabei geht es heiß, wild und ölig zu. Der Geschmacksgewinn rechtfertigt den Aufwand und die Kosten von 1.250 Yen zwar nicht, aber die Show ist schon eine Nummer.

Lokal „Fire Ramen Menbakaichidai“: heiße Pasta-Show unter Ägide von Chef Masamichi Miyazawa

#5  Nishiki Ichiba: Fugo, Bohnen, Luxus-Pilze

Den Nishiki-Markt muss man sehen, es ist der lustbetonte Bauch der Stadt. Über 100 Shops und Lokale liefern genügend Stoff für zwei, drei Stunden Bummeln, Verkosten und Staunen. Man kann zusehen, wie Tofu hergestellt wird, oder Shibori Kuramame,  delikat geröstete Black Beans, knabbern. Die werden zu Apothekenpreisen verkauft: 8 Euro für 80 Gramm. Man sieht echten Wasabi und dazugehörige Haifischhaut-Wasabihobel, feinste Tees, hochwertige Messer von Aritsugu, Yaki Mochi mit Rote-Bohnen-Paste oder in Sake marinierte Fugoflossen für 130 Euro – der Markt bietet alles!

Nishiki-Markt: Fugo-Fisch-Händler

 

Snacks vom Grill im Nishiki-Markt

#6  Burg Nijo-jo: Des Shoguns singender Boden

Eine riesige Gartenanlage umgibt den großzügigen, von den Shogunen errichteten Ninomaru-Palast. Dessen Böden wurden aus Angst vor heimlich heranschleichenden Meuchelmördern, die dem Herrscher und seiner Entourage an den Kragen wollten, so ver­legt, dass sie bei jedem Schritt und Tritt „singen“ und quietschen. Die Japaner nennen die Dielen Nachtigallenböden. Schmankerl für Buntlaubsucher: die knallgelben Gingkobäume und deren farbenprächtigen Laubteppiche in der weitläufigen Gartenanlage rund um die Burg.

Ninomaru-Palast: prächtige Gartenanlage rund um die Burg

Laub von Gingko-Bäumen im Garten der Burg Nijo-jo

Eine riesige Gartenanlage umgibt den großzügigen, von den Shogunen errichteten Ninomaru-Palast

Der Ninomaru-Palast hat Böden, die so ver­legt wurden, dass sie bei jedem Schritt und Tritt „singen“ und quietschen

#7  Ab ins Gedränge: Philosophenweg

Einer der bekanntesten Tempel ganz Kyotos ist der Ginkaku-ji, auch Jisho-ji genannt. Dieser „Silber-Pavillon“ markiert den Startpunkt des sogenannten Philosophenwegs entlang eines kleinen Baches. Unser Spaziertipp: Abends nach Schließung der Tempel um 17 Uhr ist so gut wie nichts mehr los. Allerdings haben dann auch alle Cafés und Shops entlang des während der Kirschblüte überfüllten Fuß­wegs geschlossen. Nach gut 20 Minuten erreicht man den Tempel Eikan-dō Zenrin-ji.

Tempel Eikan-dō Zenrin-ji an einem Novemberabend

#8  Flammende Farben: Eikan-dō Zenrin-ji und Nanzen-ji

Der Tempel Eikan-dō Zenrin-ji zu Füßen der Higashiyama-Berge geht auf das 9. Jahrhundert zurück und wurde nach Zerstörungen im desaströsen Onin-Krieg von 1472 bis 1497 neu erbaut. Er zieht abends die „Leafpeeper“ in Heerscharen an: Sie stehen geduldig Schlange, um das illuminierte Buntlaub zu bestaunen. 700 Meter weiter steht der Nanzen-ji.

Abendstimmung bei der Yasaka Pagoda

Der Haupttempel der Rinzai-Sekte ist einer der bedeutendsten Zen-Tempel ganz Japans und bekannt für seinen kunstvollen Garten. Der akribisch gerechte und geharkte Hojo-Steingarten gilt als ein Höhepunkt meditativer Kieselpflege. Im Schatten des imposanten Holzturms des San-mon Gate stehen sich Leafpeeper abends ebenfalls geduldig die Füße platt.

Vor dem San-mon Gate stehen sich Leafpeeper die Füße platt

#9  Grüner Tee und teure Kimonos

Maiko-san Tomitsuyu ist eine junge Frau, die sich im vierten Jahr ihrer Ausbildung zur Geisha befindet. Für uns zelebriert sie „Ochaya Asabi“: klassische Teezeremonie, Gesang und Tanz. Die Bewegungsabläufe bei der Teezeremonie Chado sind hyperakurat und extrem ritualisiert. Wie ein Roboter führt Tomitsuyu, die aus einer Dynastie bekannter Kimono-Hersteller stammt und vor ihrer Ausbildung acht Jahre in Neuseeland lebte, die sorgsamst einstudierten Handgriffe aus. Zum sämigen, fast suppenhaften Tee reicht sie uns süße Snacks – und ein Einblicke in ihren Alltag im „Ochaya Tomikiku“ unweit des Yasaka-Tem­pels.

Maiko-san Tomitsuyu ist im vierten Jahr ihrer Ausbildung zur Geisha. Für uns zelebriert sie beim „Ochaya Asabi“ die klassische Teezeremonie „chado“

„Schon auf der Junior Highschool wusste ich, dass ich Geiko werden will. Die Ausbildung in Tanz, Gesang, Lauten- und Flötenspiel ist hart, die meisten Freundschaften liegen auf Eis. Ich habe im Jahr nur zwei-, dreimal eine Woche Urlaub, nur dann kann ich meine Familie und Freundinnen treffen.“ Handys sind in dem Ochaya im Viertel Gion Higashi verboten, Internet auch. Jeden Tag verbringen die Maikos eine Stunde mit Schminken: „Die aufwendige Frisur wird geschont, indem wir auf einem Holzgestell statt eines Kissens schlafen, immer den Kopf auf der Seite und bewegungslos. Das war zu Beginn ganz schön schmerzhaft.“

Maiko-san Tomitsuyu trägt den zehn Kilo schweren, sündteuren Kimono und die hohen Schuhe mit Fasson und Würde

#10  Noch ein Tempel: Daitoku-ji

Hohe Mauern umgeben den Tempelkomplex Daitoku-ji, der 22 Bauten aus dem 16. und 17. Jahrhundert umfasst. Von denen hat es uns der kleine Kōtō-in besonders angetan. Dort stehen zahlreiche farbenprächtige, kühn gewachsene Ahornbäume. Japanische Besucher sitzen in dem offenen Raum und starren wie die Zuschauer in einem Theater andächtig auf die bunten Bäume und auf das Laub am Boden. Mit etwas Glück sieht man im Daitoku-ji auch einen Rinzai-Priester mit übergroßem, kastenförmigem Hut und klobigen Schuhen.

Hohe Mauern umgeben den Tempelkomplex Daitoku-ji, der 22 Bauten aus dem 16. und 17. Jahrhundert umfasst

 

Bekannt ist diese Tempelanlage für die kunstvollen Steingärten. Unter denen ist der Daisen-in der bekannteste, gilt er doch als Inbegriff des perfekten Zen-Gartens. Daitoku-ji entwickelte sich im 16. Jahrhundert nach dem Wiederaufbau – der Onin-Krieg hatte den Großteil von Kyoto samt seiner Tempel in Schutt und Asche gelegt – zu einem Zentrum der Teezeremonie und setzte damit ebenfalls landesweit Maßstäbe. Noch heute kann man sich hier einen traditionell zubereiteten feinen Tee servieren lassen – so man die nötige Zeit fürs Warten hat.

#11  Inunaki: Wellness am Bellenden Berg

Ein erschwinglicher Ryokan in zauberhafter Landschaft. Mit schönem Onsen. Nur 30 Minuten vom Flughafen Osaka und 90 Minuten von Kyoto? Den gibt es! Selbst viele Japaner kennen den Mount Inunaki und die Region Izumisano nicht.

Wir verbrachten dort die Nacht vor dem Rückflug im „Fudougu­chikan“. Der Ryokan bietet neben netten Tatami-Zimmern und raffiniertem Washoku-Dinner ein richtiges Rotonburo, also ein Open-Air-Bad, mit Ther­malwasser vom Mount Inunaki. Die Nacht mit Halbpension für zwei Personen kostet ab 290 Euro. Wer sich mehr Zeit nimmt für den „Bellenden Berg“, der kann in der Umgebung den mehr als 1.300 Jahre alten taoistischen Tempel Shipporyuji besuchen.

Der Mount Inunaki sei, so versichert mir der Chef des Hotels, auch zur Kirschblüte im Frühling und im Winter ein Hit, nicht nur während der Herbstlaubverfärbung. Weiterer Vorteil: Man habe es nicht weit bis nach Osaka, und „das ist ja nun mal die Stadt mit den besten Restaurants ganz Japans“. Was schamlos übertrieben ist, denn immerhin verzeichnet Tokio allein 13 Restaurants mit drei Sternen, 51 mit zwei Sternen und 153 mit einem Stern. Eines aber stimmt wohl: Die Bewohner von Osaka sind landesweit bekannt als Gourmets und Gourmands, die sich für ihre Leidenschaft ruinieren. Selbstverständlich hält das präzise Japanisch auch dafür ein eigenes Wort bereit: Kuidaore (= Futtere dich in den Bankrott). Klingt sehr sympathisch!


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INFOS

Anreise

Ab 549 Euro in unter elf Stunden reiner Flugzeit (aber mit Zwischenstopp in Helsinki) nach Osaka/Kansai International Airport mit Finnair,  ab 650 Euro und in 11 Stunden 20 Minuten nonstop ab Frankfurt mit ANA , ab 580 Euro in derselben Zeit mit Lufthansa. Danach in 90 Minuten mit dem Shuttle Bus oder in 75 Minuten mit dem Zug Limited Express Haruka ins 100 Kilometer entfernte Kyoto.

Unterkünfte

Wer zur Kirschblüte Sakura (Ende März bis Mitte April) oder zur Foliage (Ende Oktober bis Anfang Dezem­ber) nach Kyoto will, der ist gut beraten, seine Unterkunft viele Monate im Voraus zu buchen. Eine große Auswahl an Ryokanen und Guesthouses auf japaneseguesthouses.com

 

Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch? 10.000-km-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „abenteuer und reisen“ liebt fremde Ufer und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up Paddling, auf dem Bike und in der Sauna.

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