Länderberichte

Malediven | Bling-Bling statt Korallen

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Das Luxusresort Jumeirah Vittaveli auf den Malediven eröffnete Ende März 2017 seine hyperexklusive Royal Residence. Wir verbrachten dort zwei Nächte und recherchierten danach, wie es um die Korallenriffe der Malediven bestellt ist

Das große, leicht erreichbare Hausriff sowie die Nähe zum Flughafen Male sind zwei gute Gründe, sich für ein paar Tage im Jumeirah Vittaveli auf der Insel Bolifushi im Süd-Malé-Atoll der Malediven einzumieten. Millionäre, Präsidenten, Celebrities und diverse Golf-Royals mit dem Bedürfnis nach totaler Privatheit oder einem krachenden Show-off dürften sich von der Ende März eröffneten „Royal Residence“ besonders angezogen fühlen.

Royal Residence: Das private Sonnendeck über dem Privatstrand

Achtung, Romantikalarm! Dinner auf der Sandbank

Wir hatten das Glück, dort vor Aufnahme des regulären Betriebs für zwei Nächte abzusteigen und in das Leben der VIPs hineinzuschnuppern. Das Resort im Resort umfasst drei unterschiedlich große Gäste-Villen und ein abgetrenntes Gästehaus mit Platz für insgesamt 14 Gäste, die sich über zwei Privatpools, einen gut ausgestatteten Fitnessraum, ein langes Stück Privatstrand sowie ein Privatrestaurant über dem Wasser freuen dürfen. Das Ganze verteilt sich über 3.500 Quadratmeter totale privacy.

Strand der Royal Residence im 360°-Panorama

Die größte Villa der Royal Residence, etwas hochtrabend Sanctuary (=Heiligtum) genannt, ist für den spendablen Gastgeber gedacht, während Freunde und Familie in zwei luxuriösen One-Bedroom-Villas von 195 und 240 Quadratmetern Platz finden, für die Kinder nebst Nannie oder Bodyguards gibt es noch das zweistöckige Gästehaus mit zwei Schlafzimmern.

Der Dining Pavillion mit gewaltigen Kristallleuchtern und einer Tafel für zehn Personen öffnet sich auf die große Pool-Terrasse. Das private Teppanyaki-Restaurant über dem Strand serviert zum Asia-Dinner einen weiten Blick über die Lagune ­– und auf eine riesige Baustelle mitten im Meer. Rund zwei Kilometer vor der Westküste Bolifushis pumpen Schiffe Zigtausende Tonnen Sand aus dem Meer auf einen großen Haufen, der später plattgewalzt, mit Palmen bepflanzt und mit Villen bestückt, zu einer von landesweit geplanten 50 neuen Resort-Inseln werden soll.

When money talks…

Wer in die Royal Residence will, legt mindestens 35.000 Dollar pro Nacht auf den Tisch – ohne Lunch und Dinner. Für etwas mehr als ein Zehntel dieser Summe bekommt man im selben Resort eine Woche in einer schönen Beach Villa, inklusive Flug und Transfers, in der Nebensaison von Mai bis September sogar mit Halbpension. Eine gute Option, denn so verregnet, wie früher üblich, fällt die Regenzeit während des Südwest-Monsuns nicht mehr aus.

Beach Suite mit zwei Schlafzimmern auf zwei Ebenen, L-förmigen Pool – und Butler

Einfach mal abhängen in der eigenen Hängematte

Badezimmer einer Beach Villa mit offenen Seitenwänden sowie Dusche und Wanne im Freien

Diese Beach Villas haben knapp 190 Quadratmeter Fläche, gut ein Drittel nimmt der Badezimmerbereich mit offenen Wänden ein, der durch eine Wanne im Freien ergänzt wird. Pfiffig ist der L-förmige Pool, der sich von der Terrasse ums Haus bis zum Badezimmerbereich erstreckt, nach dem Motto „ich schwimme mal schnell ums Eck zum Pinkeln“.

Beach Villa im 360°-Panorama

Asiens bester Inder

Keinesfalls verpassen sollte man ein Dinner im „Swarna“, das 2017 zum „besten Indischen Restaurant des Indo-Pazifik und der Malediven“ gekürt worden ist und von den World Luxury Restaurant Awards die „Best Indian Cuisine in Asia“ bestätigt bekommen hat.

Bharat Kapoor, der Chefkoch des preisgekrönten indischen Gourmetlokals „Swarna“

Ein Aromentraum ist das Thali Dinner im „Swarna“

Für bislang von den Machwerken einschlägiger europäischer India-Lokale traktierte Geschmacksknospen ist das Thali-Menü, welches das Team um Küchenchef Bharat Kapoor auf den Tisch zaubert, ein echtes Wiedergeburtserlebnis. Echte, scharfe, aromenpralle indische Thalis, vorwiegend mit eigens aus Indien importierten Zutaten, wie mir Bharat versichert. „Indische Butter, indisches Hühnchen schmeckt völlig anders als die aus Neuseeland.“ Man diniert in drei Cabanas im Maharadscha-Stil oder am Chef’s Table und lässt sich dazu passende, exzellente Cocktails servieren.

Korallenriffe in Not

Das Hausriff des „Jumeirah Vittaveli“ ist bekannt dafür, leicht erreichbar, groß und gut erhalten zu sein. Also gehen wir jeden Tag schnorchelnd auf Riffhai-, Rochen-, Muränen- und Meerschildkröten-Pirsch. Das mit dem „gut erhalten“ stimmt seit der Korallenbleiche 2016 leider nicht mehr, hier wie überall auf den Malediven. Man muss tief hinabtauchen. Weiter, als die Puste hält, um noch Reste der einstigen Farbenpracht des Korallenriffs zu erahnen. Auf den ersten fünf bis zehn Metern ist so gut wie alles kaputt.

Meerschildkröte am Hausriff des Jumeirah Vittaveli

Kaum eine der 240 verschiedenen Steinkorallenarten, die Wissenschaftler auf den Malediven gezählt haben, konnte den Hitzeschock des Frühlings 2016 zu verdauen. El Niño ließ die Wassertemperatur für 14 Tage auf 33 Grad Celsius steigen. Die Meeresbiologen der Hotelinsel „Baros Maldives“ haben vom 1. April bis 26. Mai 2016 die Wassertemperaturen erfasst: Sie lagen selbst in zehn Metern Tiefe durchgehend bei 30 bis 33 Grad.

Die Folge: flächendeckende Korallenbleiche. „Von der könnten sich Riffe in einer ansonsten ungestörten, intakten Umwelt mit etwas Glück in zehn bis zwölf Jahren wieder erholen,“ sagt Emily Armstrong, die seit Oktober letzten Jahres als Meeresbiologin des Jumeirah Vittaveli arbeitet. Leider aber sind die Riffe der Malediven in keinem stabilen Zustand und vielen Schädigungen und Stressfaktoren ausgesetzt.

Die Korallenbleiche 2016 hat den Riffen der Malediven schwer zugesetzt

Seit 2011 führt Biosphere Expeditions, eine gemeinnützige Organisation für Mitforscherreisen, mit Partnern vor Ort jährlich einen „Reef Check“ auf den Malediven durch: „Die meisten Riffe sind stark betroffen, am schlimmsten die Innenriffe, und weisen nur noch einen Bruchteil lebendiger Korallen auf.“

Dies seien Folgen von El Niño, Sturmschäden und der „Kurzsichtigkeit und Habgier der Regierung, der die Grundlage der Wirtschaft und des Landes – ohne Riffe gäbe es die Malediven erst gar nicht – egal zu sein scheint.“, so Dr. Matthias Hammer, promovierter Biologe und Chef von Biosphere Expeditions.

Immer mehr! Immer größer!

Ein Großteil der verbleibenden und geschwächten Korallensysteme könnte dem sich stark ausbreitenden Dornenkronenseestern (Acanthaster planci) und der winzigen Drupella-Schnecke zum Opfer fallen. „Drupella raspelt Korallenstöcke im Nullkommanichts kurz und klein“, so Meeresbiologin Emily. Dasselbe gilt für die an sich trolligen Papageifische. Wachsen deren Bestände stark an, weil natürliche Fressfeinde wie Haie fehlen, können sie Korallenriffe massiv schädigen.

Von Zerstörungen durch Übersäuerung, Anker, Warmwasser- und Abwassereinleitungen sowie Sandeintragungen durch den Bau neuer Resortinseln in der Umgebung ganz zu schweigen.

Die Malediven setzen auf Wachstum, Expansion und immer neue Insel-Projekte. Ein Milliardengeschäft, von dem nur wenige Clans profitieren werden. Diese haben sich nach einer vierjährigen Phase demokratischer und ökologischer „Verirrungen“ unter Reformpräsident Mohamed Nasheed mit den Wahlen 2013 den vollen Zugriff auf Ressourcen und Reichtümer des Inselstaats gesichert. Präsident ist seitdem Abdulla Yameen Abdul Gayoom, ein Halbbruder genau jenes Mannes, der die Malediven 30 Jahre als skrupelloser Autokrat beherrschte.

Die Planungen der Regierung verheißen nichts Gutes für die Umwelt: Die Zahl der Malediven-Touristen soll binnen zehn Jahren von 1,3 Millionen auf zehn Millionen steigen. So stampft im Süd-Malé-Atoll der thailändische Investor Singha Estate Public Company Limited die sieben Kilometer lange künstliche Emboodhoo Lagoon aus dem Meer, ein Komplex aus neun Inseln mit insgesamt 1.300 Zimmern und  Luxusmarina. Das „multi-island integrated resort“ wird vier mal so lang sein wie die Hauptstadtinsel Malé mit ihren 125.000 Einwohnern.

Wo sind die Zackenbarsche?

Mehr Gäste, mehr Nachfrage nach Fisch, schrumpfende Bestände. Das ist ein weiteres Problem. Rafil Mohammed von der lokalen NGO Reef Check Maldives sieht „in anhaltender und massiver Überfischung ein große Bedrohung für die Gesundheit der Riffe“. Große Zackenbarsche bekomme man fast nicht mehr zu sehen. „Der kommerzielle Grouper-Fang könnte ganz einfach damit enden, dass die Zackenbarsch-Bestände im Lauf der kommenden zehn Jahre ausgerottet sein werden.“ Und damit eine der wenigen Fischarten, die sich neben Weißfleckenkugelfisch, Riesendrückerfisch und Napoleonlippfisch gern mal einen Dornenkronenseestern einverleiben, trotz deren giftiger Schleimschicht.

Per Dhoni geht es zum Dolphin Watching oder Schnorcheln

„Auch Algen und Korallenfresser wie die Scheibenanemone machen den Riffen zu schaffen“, erzählt Meeresbiologin Emily Armstrong, als wir nach einer Stunde „Coral Gardening“, bei dem wir kleine gesunde Korallenstücke an Trägergestellen befestigen, zurück in ihrem Büro sind. Hartkorallen seien großflächig auf dem Rückzug, weiß Emily, nicht nur auf den Malediven, auch auf den Seychellen und im Great Barrier Reef zeige sich dieses Bild. Ihren Platz nehmen meist Makroalgen, Weichkorallen, und Schwämme ein – das Ende gesunder und „so schön bunter“ Korallenriffe.

Pool, Dhoni oder Flyboard?

Über dem Wasser herrscht auf der „Muschelinsel“ Bolifushi eitel Sonnenschein, den die einen mit nackter Haut, die anderen pedantisch verhüllt feiern. Einige Frauen in grauen Burkinis stehen im seichten Wasser, andere schlurfen unter bodenlangen, schwarzen Abayas, hinter Niqab-Schleier und XXL-Pilotenbrillen wie große Krähen den Strand entlang.

Das wundert kaum, hat doch die Hotelkette Jumeirah ihren Sitz am Golf. Die Herren der Schöpfung, in Shorts und mit XXL-Bart im Prophet-Mohammed-Look, rasen auf Jetskis übers Meer oder gehen mit dem Flyboard in die Luft. Andere verbringen den halben Tag im Pool und lassen sich dort Shishas servieren.

Wer sich nicht ins Meer traut, zieht seine Runden im großzügigen Pool

Totale Privatheit auf Stelzen. House Keeping und Room Service kommen per Boot

Das Hauptrestaurant Samsara mit klimatisiertem Innenraum, schöner Terrasse und Stühlen im Sand

Da meine Badehose bedingt durch die exzellente Küche zusehends enger wird, schnappe ich mir ein SUP Board und nehme den Kampf gegen die Wellen auf – um mich nach einer halben Stunde der schwülen Hitze geschlagen zu geben. Nein, aus. Zu heiß.

Lieber tauche im privaten Villa-Pool unter und verfolge später mit einer Flasche Singa Beer in der Hand das Farbspiel des fixen Sonnenuntergangs. Und da fällt es mir auf: Keiner der Villennachbarn traut sich ins Meer. Da fliegen die Menschen um die halbe Welt und werfen sich nicht einmal in die nun wirklich warmen Wogen des Ozeans. Das verstehe, wer wolle.

Delfin-Begegnung mit Wow-Effekt

Der letzte Schnorchelgang vor der Rückreise sorgt für einen Endorphin-Schub. Plötzlich höre ich ein seltsames, dröhnendes Schwirren und Rauschen, das binnen Sekunden immer lauter wird. Dann schießen Tausende blauer Rifffische blitzschnell über, unter und neben mir vorbei. Verfolgt von einem Delfin, der wie ein Torpedo auf mich zusteuert, mit einem eleganten Haken präzise unter mir hinwegtaucht und seine Jagd fortsetzt. Keine Minuten kommt mir der Pulk aus der anderen Richtung wieder entgegen. Das tröstet mich darüber hinweg, dass ich in den vier Tagen auf der „Insel der Muscheln“ zwar Feuerfische, Muränen, Schildkröten und Rochen, aber keinen einzigen Hai zu sehen bekommen habe.

Jumeirah Vittaveli aus der Luft: Recht sieht man das Hausriff, unten das „Talise Spa“ auf dem Wasser


Info

Anreise Mit Qatar Airways in der Economy ab 620 Euro via Doha, in der preisgekrönten Business Class des A350 ab 2.600 Euro. Weitere Flüge mit Emirates, Air France, Condor, Srilankan oder British Airways

Jumeirah Vittaveli Bei Buchung über Rose Travel zahlt man für eine Woche in der Beach Villa inklusive Economy-Linienflug mit Qatar Airways, Schnellboot-Transfers und Halbpension ab 3.500 Euro, in der Hauptreisezeit über Weihnachten und Neujahr liegen die Preise deutlich höher und es werden Zuschläge für Halbpension in Höhe von 124 Euro pro Kopf und Tag.

Guesthouse auf Local Islands Wer es günstiger, bodenständiger und volksnäher mag, kann sich auch in einem Guesthouse, B&B oder einfachen Hotel auf einer der von Einheimischen bewohnten Inseln wie Maafushi, Bodufolhudhoo oder Thulusdhoo einmieten. Allerdings sind deren Hausriffe in der Regel der Fälle in einem schlimmen Zustand, viele Vermieter aber bringen ihre Gäste mit dem Boot zu Schnorchelplätzen. Die Nacht im DZ mit bekommt man ab 50 Euro.

Aktiv werden für die Umwelt Biosphere Expeditions bietet Mitforscherreisen mit Blick auf Riffe, Walhaie etwa auf den Malediven, in Musandam/Oman und Malaysia an.


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Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch? 10.000-km-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „abenteuer und reisen“ liebt fremde Ufer und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up Paddling, auf dem Bike und in der Sauna.

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