Reisen

Osttirol | Anden-Feeling in den Alpen

Beate Hitzler
Geschrieben von Beate Hitzler

In den Bergen Südamerikas dienen Lamas von jeher als Lasttiere und Wolllieferanten. Zunehmend erobern sie die Herzen von Alpen-Wanderern – und das nicht nur, weil sie deren Gepäck tragen. Auch unsere Autorin hat es „erwischt“. Beim Trekking-Wochenende in Osttirol wollte sie sich gar nicht mehr von ihrem flauschigen Vierbeiner trennen

Carlos meint es ernst! Er bleibt unvermittelt stehen, macht keinen Schritt weiter. Dafür dreht er seinen Kopf nach hinten, würdigt mich keines Blickes und scannt mit seinen Kulleraugen die Gegend nach leckeren Snacks ab. Fertig und weiter? Lama Carlos mag immer noch nicht, denn jetzt macht er sein Geschäft. Also hebe ich die Hand und brülle: „Haaaaalt, Carlos muss mal!“ Während der zehnjährige Hengst einen Bach auf den Trail zaubert, kommen alle anderen acht Lamas samt ihren Llameros – so werden die Lama-Führer genannt – zum Stoppen. Und weil „Geschäftemachen“ auf Artgenossen ansteckend wirkt, ruft es zwei Lamas und zehn Meter hinter uns: „Loriot muss auch!“ So bleibt auf unserem ersten Lama-Abenteuer in den Osttiroler Bergen rund um das sonnige Lienz Zeit, um das Panorama zu genießen und um sich aneinander zu gewöhnen.

Gepäckverladung auf über 2.000 Meter Höhe: Aufsatteln an der Hochsteinhütte

Puscheliges Speed-Dating

Was gerade passiert, ist für eine Gebirgswanderung ungewöhnlich: Neun Menschen passen sich an neun tierische Begleiter an – und sie sich an uns. Heraus kommt ein kurzweiliges Trekkingerlebnis, inklusive kostenlosem Gepäckservice. Und ein Abenteuer mit hohen Zielen: Als Karawane wollen wir morgen früh von der Hochsteinhütte auf das Böse Weibele steigen. Dieser 2.521 Meter hohe Gipfel liegt in den Villgratner Bergen, direkt gegenüber den gewaltigen Lienzer Dolomiten.

Angefangen hat das Projekt „Alpines Lama-Trekking“ auf Karl-Peter Schneebergers Weide im Tal bei Oberlienz. Beim Speed-Dating hat mich der weiße Hengst Carlos mit seinem schwarzen Fellpuschel-Schwanz in Augenhöhe erst mit Abstand gemustert. Als er mich schließlich neugierig beschnuppert und mit seinem gespaltenen Maul samt Kitzelhärchen ein wenig Heu aus meiner Hand zupft, ist klar: Paare für die Wanderung finden sich von selbst. „Das mit Carlos“, sagt Karl-Peter Schneeberger, von Beruf Baumpfleger, Bergführer und Besitzer einer elfköpfigen Lama-Herde, „ist also ausgemachte Sache.“

Bevor es hinauf auf den Hochstein, Lienz’ Hausberg und Startpunkt für unsere erste Tour, geht, landen Billy, Carlos, Fernando und Gregorio – alles sogenannte Classic-Lamas –, dazu die „Medium-Lamas“ Orlando, Guy, Dario und Cusco im großen Hänger. Auch dabei: Loriot, das einzige „Wooly-Lama“. Geboren sind alle in Österreich und seit 2002 nach und nach bei Karl-Peter und seiner Familie gelandet. Was dabei Wooly, Medium und Classic bedeuten? Nichts anderes als die unterschiedlich starke Bewollung der Lamas. Wooly etwa weist auf einen besonders dichten, langen Behang hin, der auch weite Teile von Stirn und Beine bedeckt.

Während die Verwandten in den Anden bis zu 50 Kilo schleppen, fällt bei den Osttiroler Lamas nur ein Bruchteil an

Achtung, fliegende Spucke!

Beim Entladen des Hängers gerät die interne Rangordnung durcheinander – ein Ereignis, das häufig ein paar lama-interne Spuckereien zur Folge hat. Und deshalb flitzen eben noch verspeiste Körner und grünlicher Mageninhalt horizontal durch die Luft. Bloß nicht dazwischen stehen, denke ich voller Respekt. Höre aber von Karl-Peter, dass Lamas so gut wie nie auf Menschen spucken. Erwische es sie doch mal, muss das als „Kollateralschaden“ durchgehen.

Jetzt heißt es aufsatteln, Karl-Peter schleppt Decken und eiserne Rückengestelle heran. Mit unserem Wochenendgepäck bleiben wir weit unter dem Maximalgewicht von 50 Kilo, das – bis heute – in Südamerika das „Pferd der Armen“ normalerweise so schleppen muss. Selbst die elf Kilo, die ein Schneeberger-Lama satteln darf, unterbieten wir. Bevor sich unsere Alpen-Karawane Richtung Baumgrenze in Bewegung setzt, wird rasch noch die Reihenfolge festgelegt: Karl-Peter, nun mit selbst gefilztem Lama-Wollhut unterwegs, führt mit dem 18-jährigen, erfahrenen Wallach Gregorio den Treck an. Nach ihm wird der braune Schmusebär Guy eingeteilt, dann folgen der sensible Fernando und der schüchterne Carlos. Schlusslichter sind die drei jüngeren Lamas Cusco, Orlando und Billy.

Lama-Bergführer Karl-Peter Schneeberger besitzt elf Lamas, darunter auch den erfahrenen Wallach Gregorio

Verlockende Kräuter

„Die Leine wird locker geführt“, heißt die Order, „wir gehen leicht voraus und halten zum vorausgehenden Lama immer ein bis zwei Meter Abstand!“ Wie wichtig die Anweisung ist, erfahren wir wenig später auf dem schmalen Trail, der über moorigen, federnden Boden führt. Überall locken leckere Kräuter und Laub, immer wieder biegen sich die langen Plüschhälse nach rechts und links ins Gebüsch, hinab zu Alpenrosen, Schneeröschen, Enzian, Küchenschellen und zu Heidel- und Preiselbeergrün. Wir ziehen, greifen ans Halfter, gehen etwas flotter weiter und landen am Hinterteil des Lamas vor uns. Dieses ärgert sich, wird nervös, bleibt stehen.

Gut, dass Karl-Peter aufmerksam ist: „Geht gleichmäßig und ruhig weiter, schaut nach vorne, haltet die Leine nicht zu kurz oder zu lang, Druck erzeugt nur Gegendruck. Lieber spürt ihr euer Lama, seid freundlich und geduldig zu ihm.“ Hat sich denn unsere Nervosität aufs Lama übertragen? Offenbar, denn je ruhiger wir werden, desto harmonischer trotten sie mit uns mit. Vorbei an Tümpeln, in denen wir mit den Berggipfeln ein hübsches Spiegelbild abgeben.

Hoch die Gläser! Während draußen die Lamas grasen, lassen es sich die Kurzzeit-Llameros in der Hochsteinhütte oberhalb von Lienz gut gehen

Mit Gesang zum Gipfel

Nach ein paar Kilometern bekommen wir ihr „Singen“ zu hören – seltsame, sanfte Gurgellaute. Kullern von tief unten nach oben, Carlos öffnet dabei nicht einmal sein Maul. „Groommmm“, grunzt er, „urgloooommm“. Ich lausche und mein Befinden rückt in weite Ferne – zum Horizont mit schneebedeckten Dreitausendern. Meditativ ist das, am liebsten würde ich Carlos‘ weiche Ohren kraulen. Nur das lieben die zurückhaltenden Tiere gar nicht: Der Kopf ist tabu, genauso wie ihr Hinterteil. Aber dazwischen bleibt genügend Platz für Streicheleinheiten, während wir über den langgezogenen, grasbewachsenen Sattel zum flachen Hochsteingipfel wandern.

Während unserer Pause unter dem Kreuz auf etwas über 2.000 Meter beobachten wir (und damit sind auch die Lamas gemeint!) ein wunderbares Schauspiel: Die untergehende Abendsonne verwandelt die hellen Kalkmauern der Lienzer Dolomiten in glühendes Rot.

Damit auch unsere Nasen nicht zu kurz kommen, lässt uns Karl-Peter am Lama-Fell schnuppern. Außer einem feinen, erdigen Duft riechen wir … nichts. Wir schnüffeln tiefer hinein und dann … hmmm … riecht mein Carlos irgendwie angenehm, gar ein wenig nach Kräutern. „Das Fell ist für Allergiker besonders gut geeignet“, erklärt Karl-Peter, „weil es ohne Wollfett an der Haaroberfläche auskommt! Zu Hause habe ich jede Menge Lama-Wolle zum Stricken und Filzen!“ Die nächsten Socken für meine verfrorenen Reporterinnenfüße stehen damit fest. Nach derartigen Sinnesausflügen erreichen wir in der Dämmerung die Hochsteinhütte. Schnell sind Decken und Rucksäcke abgesattelt, keine zwei Minuten später grasen die genügsamen Tiere zufrieden rund um die Hütte.

Corso vor grandioser Kulisse: Die Teilnehmer der Lama-Tour genießen attraktive Ausblicke auf die Lienzer Dolomiten

Auf leisen Sohlen unterwegs

„Schaut euch mal die Wiese an!“, fordert uns am nächsten Morgen unser Ober-Llamero auf. Beim Blick auf die Lama-Weide sind weder Trittspuren noch Narben im Gras zu sehen, wie sie sonst Kühe auf den Almen hinterlassen. Beim Frühstück erfahren wir dann, dass diese Landschaftspfleger keinerlei Verbissschäden an Bäumen und Sträuchern hinterlassen und wie ihre „behöckerten“ Verwandten – Kamele, Dromedare und Trampeltiere – auf weichen Schwielensohlen gehen. Damit und mit den beiden Zehen sind Lamas nahezu geräuschlos und absolut sicher auf felsigem Untergrund und selbst im Schnee unterwegs. Klingt beruhigend, denn am heutigen Vormittag wollen wir mit ihnen die 500 Höhenmeter auf das Böse Weibele hinauf.

Dank ihrer weichen Sohlen und zwei Zehen an jedem Fuß kraxeln die felligen Vierbeiner sicher – und elegant – selbst über steile Felsen

Die „Geschäftemachen-Stopps“ sind willkommene Pausen, bevor Carlos & Co. ihren Weg durch den nun steileren Fels fortsetzen, teils mit kleinen Sprüngen von Felsblock zu Felsblock. Als wir nach drei Stunden mit drei Lamas auf dem schmalen Gipfel stehen – mehr passen nicht hinauf –, sind wir die Sensation! Und das will etwas heißen, denn das Panorama ist schlicht zum Niederknien!

Die Aussicht auf die hochalpine Glockner- und die Venediger-Gruppe mit ihren eisgekrönten Häuptern, die Bergwelt des Alpenhauptkamms, die Südtiroler Dolomiten mit den Drei Zinnen sowie das Isel- und Drautal zu unseren Füßen ist schlicht einmalig. Doch das scheint den Wanderern hier momentan egal. Stattdessen neugierige Fragen, Streicheleinheiten, Fotos – Karl-Peter kennt das Programm schon und steht freundlich Rede und Antwort. „Schaut den Tieren aber nicht zu tief in die Augen“, gibt er scherzhaft ein Sprichwort der Quichua wieder, eines Bergvolks aus den Anden. „Es besteht die Gefahr, dass man sich verliebt!“ Für mich kommt diese Warnung viel zu spät. Ein Trost, dass ich bald Socken aus Carlos’ Wolle tragen werde.

Osttiroler Wolllust: Socken, Strickjacke, Filzhut – alles aus feinstem Fell der Schneeberger-Lamas

Infos zum Lama-Trekking

Mehrtagestouren mit Karl-Peter Schneeberger rund um/ab Lienz sind zwei- bis achttägige, teils ganzjährig angebotene al­pine Unternehmungen mit Schutzhütten- oder Gasthof-Übernachtung für ein bis zehn Teilnehmer. Je nach Gruppengröße kostet etwa die zweitägige Tour „Böses Weibele“ mit Übernachtung und Verpflegung ab 140 Euro.

Weitere Anbieter

trekking-lamas.de/adrliste.htm

Über diesen Autor

Beate Hitzler

Beate Hitzler

Abitur, Germanistik-, Romanistik- und Sportstudium, Volontariat, danach Sportredakteurin und seit 27 Jahren freie Journalistin, um ihrer Leidenschaft Sport in allen Variationen, besonders auch auf Reisen und in Form von Sport-Produkttests, treu zu bleiben. Als langjähriges Jurymitglied u. a. bei der ISPO, der weltgrößten Sportartikelmesse oder auch der Skandinavischen Outdoorgruppe und Ladybeauftragte beim DSV Ski- und Sportmagazin des Deutschen Skiverbandes liegen ihre Prioritäten klar: Hauptsache in den Bergen unterwegs sein – auf Alpin-, Langlaufski und Schneeschuhen, am Klettersteig, Fels und Gipfelkreuz, beim Almensammeln mit Hund & Co, per Bike, Pedes und Rucksack, gerne auch mal mehrtägig!

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