Länderberichte

Up Helly Aa | Schottlands irrste Party

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Shetland ist eine kleine Inselgruppe weit nördlich des schottischen Festlands, auf halbem Weg zwischen den Färöern und Norwegen. Einmal im Jahr treiben es die Shetlander beim  Up Helly Aa in Lerwick so wild, dass die Funken fliegen. Wir waren dabei

Kein Ordnungsamt würde heutzutage die Durchführung solch eines Events genehmigen: Eine Prozession von 1.000 Fackelträgern, die Stunden lang fröhlich brüllend durch die Stadt ziehen. Sie tragen riesige Paraffinfackeln vor sich her, während die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet ist. Ein gut zwei Kilometer langer Zug, gefolgt von Musikkapellen und Schwadronen Kostümierter. Dann versammeln sich alle Fackelträger auf einem rund 150 mal 50 Meter großen Park inmitten der Stadt, um dort ein großes Wikingerschiff aus lackiertem Vollholz in Flammen aufgehen zu lassen.

Warmlaufen am Vormittag: Brüllen, Brüllen, Äxte schwingen

Das Festkomittee des Up Helly Aa bei der Pressekonferenz, in der Mitte der Guizer Jarl

Up Helly Aa ist Europas größtes Feuer-Festival und findet immer am letzten Dienstag im Januar statt. Die Anfänge gehen zurück auf das Jahr 1840: „Damals begannen Horden ausgelassener und betrunkener junger Kerle, brennende Teerfässer durch die engen Gassen von Lerwick rollen zu lassen, begleitet von Schlägereien und Randale“, erzählt Brydon Wright, ein besonders wild gestyltes Mitglied des sogenannten Guizer Jarl’s Squad. „Das war brandgefährlich, also wurde das ganze 1870 abgeschafft. Damals taten sich ein paar Jungs aus dem Ort zusammen, machten aus dem Chaos einen geordneten Umzug und verpassten ihm den Namen Up Helly Aa. Keine Ahnung, woher der kommt“.

Ruhe vor dem Sturm: Lerwick am Vorabend des Up Helly Aa

Am alten Hafen von Lerwick

Im Januar 2017 gibt das Wetter sein Bestes, das Up Helly Aa zur echten Härteprüfung für Teilnehmer und Zuschauer zu machen. Stundenlang prasselt der Regen, anfangs nur senkrecht, später eher waagrecht: ein Sturm tobt über die Insel. Den Besuchern und Zaungästen fliegen nicht nur die fetten  Regentropfen ins Gesicht, sondern auch ein Meer von Funken und brennenden Paraffinstücken, die der Wind von den Fackeln reißt – eine Art Höllenfeuer mit fließend Wasser.

360°-Panorama des Burning of the Galley

Up Helly Aa: Frieren, singen, brüllen

Dabei begann der Tag recht harmlos. Nieselregen fiel, als das kunstvolle Wikingerschiff „Falcon“, das Lerwicks brave Mannen über ein Jahr lang – und unter strenger Geheimhaltung – im sogenannten Galley Shed gebaut haben, bei einer Prozession durch die Stadt gezogen wurde. Menschenmassen säumten die Straßen, während der Anführer der Meute, Lyall Gair, der diesjährige „Guizer Jarl“, seine hinter Rüstung, Helm und Fellen versteckte Wikingerhorde anpeitschte.

Der Star des Tages: „Guizer Jarl“ Lyall Gair führt den Umzug zum Up Helly Aa an

Lyall Gair als Sweyn ‚Forkbeard‘ Haraldsson

Lyall ist ein Wandschrank von Mann mit Monsterbart, gewaltiger Mähne und pompösen Adlerflügel-Helm. Heute ist der größte Tag im Leben des Shetlanders, der 13 Jahren im Festkomitee zum Up Helly Aa aktiv war und ein Dutzend Wikingerschiffe mitgebaut hat, bis endlich er der Star sein konnte.

„Wichtiger als die Hochzeit ist der Auftritt als Guizer Jarl im Leben eines Shetlanders“, raunt er mir abends um zehn nach dem Umzug zu, als er in der Umkleide der Sound Primary School kurz Luft holt und ein Glas Cider auf Ex trinkt. „Heiraten kannst du immer wieder, aber das hier, das machst du nur einmal im Leben!“ Noch schnell ein paar Selfies mit weiblichen Fans, dann geht es weiter.

Lyall Gair, der Guizer Jarl des Jahres 2017, in der Umkleidekabine der Sound Primary School

Sturm! Regen! Feuer! Wahnsinn!

Die Hose klebt nass am Bein. In den Stiefeln quietscht das Wasser. Zwei Stunden stehen wir uns King George V Play Ground, einem grünen Geviert umstanden von alten Häusern und einer Kirche, die Füße platt. Was für eine Kälte! Wie viel Regen! Endlich marschiert der Umzug mit den Fackelträgern, Brass Bands und Tausenden Verkleideten heran.

Die Fackelparade begleitet das Schiff „Falcon“ auf seiner „final journey“ beim Up Helly Aa am 31. Januar 2017

Als der Fackelumzug der Guizers beginnt, geht die Straßenbeleuchtung aus

Feuersbrunst nach Wikinger-Art auf dem King George V Playground

Unter Führung des „Guizer Jarl“(auf dem Boot) versammelt sich der Umzug um das Wikingerschiff

Höhepunkt des Up Helly Aa: Auf dem von Häusern umstandenen Platz geht die zehn Meter lange „Falcon“ in Flammen auf

Brav stapft der lange Festzug mit Kampfgeschrei hinter dem Wikingerschiff her, das kurz nach 20 Uhr in einem infernalischen Spektakel in Flammen aufgeht. Andächtig starren die Menschen noch ein Weilchen auf das martialische Schauspiel, ein beeindruckendes Funken- und Flammenmeer.

Feiern bis zum Umfallen

Nach 15 Minuten gibt es kein Halten mehr. Nun fliegen die Regenjacken, Ponchos und zerfetzten Regenschirme in den Kofferraum oder die Garage von Freunden, dafür werden Highheels und superkurze Röcke respektive das, was die Herren der shetländischen Schöpfung für schickes Outfit halten, angelegt. Und alle (Geladenen) strömen zur Party im Gebäude der British Legion und zu den anderen Partyspots. Der Rest der Nacht? Suff, Tanz, Flirten, Fummeln, Singen und fröhliches Brüllen bis in den frühen Morgen. Da fehlen dem Beobachter glatt die Worte und die Notizen brechen ab…

The Day after: Inselhüpfen Yell und Unst

Lerwick ist am Mittwoch nach Up Helly Aa tot, ausgestorben, eine einzige Partyleiche. Zeit also für Inselhopping der kalt-stürmischen Art. Die Fähre bringt uns zur Insel Yell, ein von dickem, saftigen Torfmoor bedeckter Buckel im Atlantik mit 1.000 Bewohnern. Wenige Siedlungen, bescheidene, schmutzig-graue Häuser, die sich vor den Stürmen wegzuducken scheinen.

Küste beim Leuchtturm Sumburgh Head. Mit etwas Glück kann man hier Wale vorbeziehen sehen

Laune der Natur, die einer Künstler-Installation gleicht, unweit des Esha Ness Lighthouse

Klippen prägen die Steilküste beim Eshaness Lighthouse

Zweite Fährfahrt, rüber nach Unst. Kurze Überfahrt, gewaltiger Wellengang. Diese Insel ist noch kleiner, hat knapp 600 Bewohner, ein weltberühmtes Buswartehäuschen (Bobby’s Bus Shelter) und eine Menge Rekorde aufzuweisen, unter anderem Großbritanniens nördlichste Destillerie (Reel), die nördlichste Brauerei (Valhalla Brewery), die nördlichste Kirche und das nördlichste Wohnhaus. Und den wohl verfänglichsten Namen einer Leuchtturminsel: Muckle Flugga, was sich im rauen, schnellen Shetlandish sehr nach Motherfucker anhört.

360°-Panorama des Jarlshof

Angesichts des Regens fiel unser Besuch des berühmten Bobby’s Bus Shelter auf Unst recht kurz aus

Schals oder Scallops?

Wer auf den Inseltrip verzichtet, macht über Voe und Brae einen Ausflug auf die kleine Insel Muckle Roe. Dort hat Fraser Knitwear seinen Sitz, das wunderbare Schals aus Shetlandwolle herstellt. Wer durch Brae kommt, sollte auf jeden Fall bei „Frankie’s Fish & Chips“ einkehren, ist dies doch nicht nur das „most notherly“ Fish & Chips Lokal, sondern es führt seit Jahren auch Britanniens einschlägige Gastro-Rankings an und heimst zuverlässig Auszeichnungen ein.

Frankie’s Fish & Chips: Seafood aller Art, vorzugsweise frittiert. Schmeckt super

Schön geht anders, aber: gilt als der beste Fish & Chips-Laden des Vereinigten Königreichs

Ist der Magen voll (mein persönlicher Tipp: King Scallops in Knoblauchbutter), wird es Zeit für windumtoste Klippen. Die sturmgekämmte, vulkanische Landschaft rund um das Eshaness Lighthouse stürzt dramatisch und steil in den Atlantik ab. Wer sich dort auf den vier Meilen langen Cliff Walk macht, erlebt eine der schönsten Kliff- und Küstenlandschaften Großbritanniens mit topografischen Extravaganzen wie dem Calder’s Geo. Besonders schön ist das bei Sturm.

360°-Panorama des Sumburgh Lighthouse

Winterliches Idyll am West Voe Beach

Strand unterhalb des Jarlshof

Das Meer vor Sumburgh Head macht blau


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 Infos Up Helly Aa

Anreise

Von diversen deutschen Flughäfen ab 300 Euro mit British Airways/flyBE über London und Aberdeen nach Sumburgh

Up Helly Aa

Findet wieder am 30. Januar 2018 statt. Programm und Termine unter uphellyaa.org

Schlafen

Das Scalloway Hotel  im kleinen Hafenorts Scalloway ist ein von außen unspektakuläres, familiengeführtes Hotel. Die 23 Zimmer sind beileibe nicht alle state of the art, eher britisch-plüschig und etwas angestaubt. Sie werden schrittweise renoviert. Das Essen aber ist famos, vor allem der fangfrische Fisch. Auch das Frühstück ist eine positive Überraschung – mit viel frischem Obst, da kann sich manches Viersterne-Haus ein Beispiel nehmen. DZ/F ab 160 Euro.

Buchtipp

Die brandneue 2018er-Auflage des Marco Polo Schottland liefert auf 148 Seiten jede Menge Schottland-Tipps, Tourenvorschläge, eine große Karte und erwähnt sogar – ganz kurz – das Up Helly Aa. Die Shetlands aber werden auf nur einer Doppelseite abgehandelt. Für die große Schottlandreise hilfreich, für Shetlandbesucher karge Kost.

Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch? 10.000-km-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „abenteuer und reisen“ liebt fremde Ufer und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up Paddling, auf dem Bike und in der Sauna.

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