Länderberichte

Hongkong | Streetfood-Nirwana

Thomas Linkel
Geschrieben von Thomas Linkel

Für Köstlichkeiten muss man in dieser Stadt in keinen Gourmettempel. Es genügt Streetfood aus den besten Garküchen und  Imbissbuden. Die haben Zigtausende Fans – und bekommen mitunter Bestnoten vom „Guide Michelin“.

Es ist noch dunkel, als ich mit Jetlag durch die Häuserschluchten von Hongkong Island treibe. Eine Frau in geblümtem Plüschschlafanzug und Pantoffeln, eine Kippe im Mundwinkel, führt ihren Hund Gassi. Vom Himmel fällt Nieselregen. Klimaanlagensurren hängt in der Luft. An einer Ecke in Central quillt Licht aus dem Schaufenster einer Imbissbude. Geräusche dringen auf den Gehweg, so als ob Metall mit Wucht auf ein Holzbrett trifft.

Beim Nähertreten entdecke ich einen beilschwingenden Chinesen, der gebratenen Enten kunstfertig die Köpfe abschlägt. Unsere Blicke treffen sich, er lächelt und hackt weiter. Aus der geöffneten Ladentür strömt der Duft von frisch Gebratenem – Hunger habe ich und so trete ich ein.

Spanferkel zum Frühstück

Die Einrichtung ist schmucklos: Neonlicht, einige runde Tische, niedrige Hocker, die Kasse, dahinter eine dösende Frau. „Willst du frische Nudelsuppe mit Huhn?“, fragt der Beil-Mann. „Gerne, dazu etwas Spanferkel“, antworte ich mit Blick auf die an Haken hängenden vier knusprigbraunen Schweinchen.

Bald darauf beiße ich in herrlich knackige Spanferkelhaut und genieße zartsaftiges Fleisch. Mitte der 1970-er Jahre, erzählt Yung Kin Bong, eröffnete sein Vater den Imbiss. Er selbst schwingt seit 20 Jahren das Beil. Bong lädt mich in die Küche ein. Hinter dem Tresen führt eine Tür in einen höhlenartigen Raum, der von einem zylinderförmigen, mannshohen Ofen beherrscht wird. Von der niedrigen Decke hängen gerupfte Enten an Metallhaken und baumeln Schweinehälften. Zwei Männer reiben Fleischstücke mit einer roten Marinade ein. Das Abenteuer Streetfood Safari kann beginnen!

Hilfe, ich soll eine Taube marinieren

Es ist eng, heiß und stickig, der Boden glitschig. In einer Ecke fließt unablässig frisches Wasser in einen großen Bottich, aus dem die Männer regelmäßig gerupfte Tauben holen und sich dabei die Marinade von den Händen waschen.

Überrascht bin ich, als mir einer der Männer lachend eine nackte Taube zuwirft und mich zum Marinieren auffordert. Also beginne ich das Tier mit Honig-Ingwer-Soße einzureiben und hänge es anschließend in den Ofen. Dann darf ich eine fertig gebratene Schweinehälfte in den Laden tragen und erhalte als Lohn deftig gewürzte Fleischstücke auf meinen Teller. Wie lange er hier noch arbeiten wird, frage ich zwischen zwei Bissen Yung Kim Bong. „Ich arbeite und lache hier jeden Tag, bis ich tot umfalle“, erwidert er trocken.

Kostprobe: Hongkong-Tee im Lan Fong Yuen

Yung hat mir den Tipp gegeben, typischen Hongkong-Tee zu probieren, deshalb mache ich mich auf den Weg zu „Lan Fong Yuen“, „der“ Milchteeinstitution schlechthin. Als „Silk Stocking Milk Tea“ ist das traditionelle Gebräu in Hongkong bekannt. Achtmal werden schwarze Teeblätter mit heißem Wasser übergossen und ziehen in wadenlangen, feinen Baumwollbeuteln – besagten Seidenstrümpfen nicht unähnlich.

Zur Abrundung wird malaysische Kaffeesahne hinzugefügt. Auf meinem Schemel am Eingang bin ich jedem im Weg und verbrenne mir am Tee die Zunge. Die Klimaanlage zielt genau auf meinen Tisch und beschert mir in Minutenschnelle ein Kaltgetränk. Dann spült mich eine Horde Schwarzgekleideter wieder hinaus auf die Straße.

 

Jordan, früher bekanntals Kwun Chung, wurde nach der MTR-Station umbenannt

Jordan, früher bekannt als Kwun Chung, wurde nach der Metro-Station umbenannt

Weiter geht’s nach Wan Chai

Es beginnt wieder zu regnen. Ich besteige eine Tram Richtung Stadtviertel Wan Chai. Das Gefährt ruckelt und bimmelt, teilt Menschenmassen wie ein Pflug die Erdkrume. Fensterputzer baumeln in offenen Aufzügen vor der Fassade der Bank of China. Eine Frau mit Highheels und zwei Mobiltelefonen an den Ohren steigt aus einer Limousine, während ein Bettler seine Schubkarre voller Habseligkeiten um sie herumbalanciert. Ich springe ab.

Congee: klingt schlimmer als es schmeckt

Griesbrei habe ich schon als Kind abgelehnt, schließlich wollte ich beweisen, dass ich mit Messer und Gabel essen kann. Lange her, jetzt sitze ich bei „Sun Kau Kee“ vor einem Pott Congee, wässrigem Reisbrei, für den man sogar die dritten Zähne zuhause lassen kann. Congee ist ein in China weitverbreitetes Frühstücksgericht, das einfach aussieht, aber mit Raffinesse zubereitet sein will, belehrt mich Herr Wang vom Nebentisch.

Der Trick bestehe darin den Reis und die weiteren Zutaten mehrere Stunden mit soviel Wasser zu kochen, dass noch etwas Flüssigkeit übrig ist, der Reis aber trotzdem bissfest bleibt. Neben dem Reis enthält ein guter Congee noch getrockneten Fisch, Fischgräten, Tofu, getrocknete Jakobsmuscheln, geriebene Mandarinenschale und Schweineknochen.

Weitere Zutaten seien Geschäftsgeheimnis, sagt Herr Wang und dass er seit 20 Jahren täglich hierher käme. „Bei diesem Congee brauche ich kein Sternelokal“, stellt er zum Abschluss fest. Tatsächlich und zum Glück schmeckt mein aromatischer Brei um Klassen besser als er aussieht.

 

Kevin Yeung (links) ist Besitzer des wunderbaren "One Dim Sum"

Kevin Yeung (links) ist Besitzer des wunderbaren „One Dim Sum“

Dim Sum im Tim Ho Wan oder One Dim Sum?

Dim Sum garen traditionell in Bambuskörbchen über Wasserdampf. Eine Streetfood Tour durch Hongkong ohne Dim Sum ist undenkbar. Wer professionellen Feinschmeckern vertraut, sucht eine der mit einem Michelin-Stern versehenen Filialen von „Tim Ho Wan“ in Kowloon auf. Aber Vorsicht, die Zeit für das Verspeisen der kleinen Köstlichkeiten ist kürzer, als die Wartezeit vor dem Lokal!

Seinen Stern hat das kleine Lokal „One Dim Sum“ im Stadtviertel Mong Kok gerade erst verloren, aber Geschäftsführer Ken Wo ist sicher ihn zurückzugewinnen. „Auch wir müssen die Warteschlangen verkürzen, das ist im Moment unser größtes Problem“, erzählt er. Denn frischer als sein Dim Sum, das gehe nicht. Schließlich wird rund um die Uhr alles neu zubereitet, keine Zutaten aufgehoben. 20 Menschen schneiden, raspeln, mischen, füllen, rollen und dämpfen. Geschmackliche Akkordarbeit in schweißtreibender Hitze und Luftfeuchtigkeit.


INFO

Mingle Place by the Park – reportergetestet

Sauberes Budget-Hotel im Stil der 1960er an der belebten Wan Chai Road. Die Zimmer sind hongkongtypisch extrem klein. DZ ohne Frühstück ab 70 Euro.


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Über diesen Autor

Thomas Linkel

Thomas Linkel

„Meine Neugier ist unstillbar.“
Nach einer fotografischen Ausbildung im Stilllife-Studio und dem Abschluss zum Diplomwirtschaftsgeograf arbeitet Thomas seit 15 Jahren für internationale Magazine in den Bereichen Reise, Reportage, Portrait und Architektur sowie für die Unternehmenskommunikation internationaler Kunden. Für seine Produktionen hat er über 100 Länder bereist.

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