Länderberichte

Zweite Reihe, erste Wahl | Thessaloniki … statt Athen!

Angelika Jakob
Geschrieben von Angelika Jakob

Unsere Serie „Zweite Reihe, erste Wahl“ stellt attraktive Alternativen zu populären Städtereisezielen vor. Von Piräus aus strömen tagein, tagaus Kreuzfahrtgäste zu Athens Akropolis. In Griechenlands zweitgrößter Stadt spielt die Antike dagegen nur eine Nebenrolle, stattdessen locken Aufbruchstimmung, kreativer Schwung und ein guter Schuss Orient

Warum Thessaloniki?

Der Griechenland-Tourismus boomt wieder, erlebte 2017 mit mehr als 30 Millionen Besuchern ein absolutes Rekordjahr. Rund ein Sechstel davon entfiel auf die Hauptstadt Athen, ein Pflichtziel auf beinahe jeder Kreuzfahrt im östlichen Mittelmeer. Und Thessaloniki? Wird zwar vereinzelt auch angefahren, doch verlieren sich die Landgänger recht schnell im bunten Gewusel der 350.000-Einwohner-Stadt. Götter aus Marmor gibt es hier im Gegensatz zu Athen nur wenige: im Antikenmuseum. Dafür aber diese vibrierende Atmosphäre, die Thessaloniki den Titel „Berlin des Balkans“ verschafft hat. Es lohnt sich, länger zu bleiben, auch wenn die Stadt gewiss keine klassische Schönheit ist. Immer schon bildete sie einen Schmelztiegel der Kulturen.

Ladadika-Viertel: Die Bars im Hafen sind beliebte Szenetreffs

315 vor Christus gegründet, lag sie am Hauptverkehrsweg zwischen Rom und Byzanz. Macedonia stieg zu einer wichtigen römischen Provinz auf und Thessaloniki zu seiner Hauptstadt. An den Resten der Bauwerke des Kaisers Galerius, der um 300 in Thessaloniki residierte, spaziert man heute einfach so vorbei. Dann kam die Glanzzeit von Byzanz und Thessaloniki entwickelte sich nach Konstantinopel zur zweitwichtigsten Stadt des Reiches. Kirchen, Klöster und Bäder gehören heute zum Unesco-Weltkulturerbe. Das Leben war stets orientalisch geprägt, Osmanen und Juden brachten die Wirtschaft der Hafenstadt zur Blüte.

Heute reist die Mehrzahl der Besucher vom Balkan an. Manche kommen, um zu bleiben. Andere bitten in der Demetrios-Basilika um ein Wunder. Und die junge Szene eröffnet Bars, Läden, Werkstätten und Restaurants in leer stehenden Manufakturen, Hotels und Verwaltungsgebäuden. Alles leicht angeschrammt, aber voll pulsierendem Leben nach dem Motto: Jetzt erst recht!

Muss man sehen!

Sehr lebendig geht es in der Demetrios-Basilika (Agios Demetrios) zu, denn der wichtigste Heilige der griechisch-orthodoxen Kirche zieht viele Gläubige an. Kunstgenießer begeistern sich für die Mosaiken aus dem 5. bis 9. Jahrhundert, die zu den bedeutendsten Beispielen der frühen byzantinischen Mosaikkunst zählen.

Die von den Römern als Zeus-Tempel erbaute Rotonda

Auch in der Rotonda des Galerius (Eintritt 2 Euro) sind bedeutende Mosaiken erhalten, doch vor allem besticht sie durch ihre magische Leere, die ein bisschen an das römische Pantheon erinnert. Der Kuppelbau stammt in der Tat aus römischer Zeit, wie auch die Villa, das Hippodrom und der Bogen des Galerius. Alle Ausgrabungen lassen sich bei einem Spaziergang durch die Stadt besichtigen. Im Museum für byzantinische Kultur, einem der führenden seiner Art in Griechenland, erfährt man mehr über das Leben in der wohlhabenden Handelsstadt zwischen Orient und Okzident (8 Euro, Leofóros Stratoú 2).

Galeriusbogen: Feiert Roms Sieg über die Perser im Jahr 297 und ist Unesco-Weltkulturerbe

Der Weiße Turm oder Lfkos Pyrgos, das Wahrzeichen von Thessaloniki gleich südlich des Hafens an der Uferpromenade, stammt erst aus dem 15./16. Jahrhundert und beherbergt eine Ausstellung zur Geschichte der Stadt (3 Euro). Wer Lust auf moderne Kunst hat, besucht das Staatliche Museum für zeitgenössische Kunst in der Kolokotroni-Straße (4 Euro).

Aussicht

Der Anstieg in die „obere Stadt“, was Anopoli wörtlich heißt, kann stellenweise ganz schön steil werden. Im ehemaligen Stadtkern von Thessaloniki lärmten früher Basare und Werkstätten, heute dösen Katzen auf dem Kopfsteinpflaster der verwinkelten Gassen. Osmanische Wohnhäuser, Kafeneions, in denen das Klackern der Komboloi und das Brummeln der alten Männer einen leisen Klangteppich bilden, erzählen vom mittlerweile gemächlichen Leben in der alten orientalischen Stadt. Irgendwann erreicht man die Überreste der Stadtmauer, von dort weitet sich der Blick. Weihrauch und Pfauenschreie wehen von einem Kloster herüber und verzaubern vom „Balkon von Thessaloniki“ aus den Blick auf die Stadt am Thermaischen Golf.

Blick von Anopoli über die Stadt und den Thermaischen Golf

Bummeln und schlemmen

Das geht ja gut los am Morgen: Um Trigona Panoramatos kommt keiner herum. Die vor Sirup triefenden, hauchdünnen Teigblätter mit Vanillecremefüllung sind die Spezialität der Stadt, am besten zu genießen in der Patisserie Plaisir am Aristoteles-Platz. Danach darf man zu Füßen der Aristoteles-Statue ausruhen und zusehen, wie Dickschiffe den Hafen verlassen. Im Zuckerschock kann man dann auf dem Modiano-Markt üppige Gemüsestände, Gewürze und Fischtheken bewundern.

Am Nachmittag locken die vielen köstlichen Kleinigkeiten, die die MezeKarte der Ouzeri Aristotelous bietet (Aristotelous 8). Im ersten Stock versteckt sich das Café Palermo. Zwischen Sammlerstücken aus den 50er-Jahren belässt man es besser beim Metrio, dem mittelsüßen griechischen Kaffee (2 Euro), man will ja abends die neue griechische Küche im Veroias-Viertel probieren. Früher arbeiteten hier viele Textilbetriebe, heute stehen Gebäude leer. Aufgrund der großen Pleite kamen junge Leute apassende Räume, um sich mit Restaurants und Bars auszutoben. Die 32-jährige Gastronomin des Maitr kai Margarita (Veroias, Ecke Irodou Attikou) lässt innovative griechische Küche auftischen.

Tri gona Panoramatos: Spezialität der Stadt

Der nächste Abend muss dann dem Moúrga in der Christopoulou 12 gehören. Hier hat sich eine Gruppe von jungen Akademikern auf Seafood spezialisiert (Kalmar 9 Euro). Gemeinsam ist den beiden Lokalen, dass sie nur heimische, frische Zutaten verwenden und den traditionellen Speisen einen kleinen, modernen Twist mitgeben.

Lieblingsplatz

Ratschen, gucken, Picknick machen, auf BMX-Rädern protzen, joggen, Selfies schießen: An der Promenade am Meer ist immer was los. Alle sitzen hier und freuen sich am Farbenspiel, wenn die Sonne hinter den Kränen am Hafen spektakulär untergeht. Blickfang sind die in der Nacht beleuchteten „Umbrellas“, die der Künstler George Zongolopoulos anlässlich Thessalonikis Rolle als „Europäische Kulturhauptstadt 1997“ an die Promenade pflanzte.

„Umbrellas“ an der Promenade

Shopping

Geschmackvolle Souvenirs von griechischen Künstlern wie Rucksäcke aus altem Segeltuch (280 Euro) gibt es bei Hellofrom in der Apostolou Pavlou 22. Nie verkehrt sind Lebensmittel als Mitbringsel: 30 Sorten Olivenöl sowie andere feine, transportfähige Leckereien kauft man bei Olicatessen (Viktor Hugo 4, Öl ab 6 Euro). Bei Ergon Agora (Mela Pavlou 42) versammeln sich Köstlichkeiten aus ganz Griechenland, man kann sich aber auch für einen Imbiss niederlassen (Nudeln mit Sepiolini 9 Euro) und die Marktplatzatmosphäre genießen.

Olicatessen: Bekannt für flüssige Souvenirs

Etwas mehr Ausdauer verlangt es, im Stadtviertel Bit Bazaar in vielen kleinen und herrlich kruschteligen Läden nach Antiquitäten zu stöbern. Komboloi, die typischen kleinen Perlenketten, mit denen Männer im Kaffeehaus so gerne spielen, kann man sich in einem kleinen Laden in der Olimpou 74 zusammenstellen lassen oder fertig kaufen. Der Concept Store Toms (Tsimiski 22) verschafft einem zusätzlich zu der neuen Brille oder dem Paar Schuhe noch ein gutes Gefühl: Von jedem Verkauf geht nämlich ein Teil des Geldes an soziale Projekte. Ein hübsches Café gibt es obendrein im Innenhof mit Glasdach.

Nightlife

Die Open-Air-Bars rund um den Weißen Turm und an der Promenade sind immer voll. Die junge Szene zieht es aber nach Ladadika, Veroias oder Valaoritou. Im Gorilas (Veroias 3, Gin Tonic 6,50 Euro) mixen Gast-Bartender aus ganz Europa Drinks, das Ypsilon Project (Edessis 5, Veggie-Burger 8 Euro) braucht nur zu verlassen, wer doch mal die Kleidung wechseln will: essen, tanzen, arbeiten in Werkstätten und Co-Working-Spaces – das ehemalige Lagerhaus bietet Platz für alles.

„Ypsilon Project“: In diesem ehemaligen Lagerhaus wird erst gearbeitet und dann gemeinsam gefeiert

Mitsingen darf man im Rembetiko-Lokal Rosiniol (Athinas 21, Bier 3 Euro). Der griechische Blues gehört zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Feiern in einem byzantinischen Bad aus dem 16. Jahrhundert kann man im Club Aigli Geni Hamam in der Agiou Nikolaou 3.

Live-Musik im Rembetiko-Lokal „Rosiniol“

Kontrastprogramm: die Dachbar Fragile (Valaoritou 29). Im „verhauten“ Eingang findet sich kein Hinweis darauf, dass es sich lohnt, fünf Stockwerke hochzusteigen. Oben die Überraschung: Welch ein Blick über die Dächer! Zur Industrieromantik gibt es feinen Elektro-Sound. Eine Karte braucht man nicht, der tätowierte Hipster hinter der Bar mixt, was man ihm aufträgt. Wenn es langsam wieder hell wird, dreht der DJ richtig auf.

Schön schlafen

Das Electra Palace Hotel (DZ ab 158 Euro) dominiert den Aristoteles-Platz, die byzantinisch inspirierte Fassade und das neoklassizistische Interieur täuschen darüber hinweg, dass es erst 1972 gebaut wurde. Walnussholz und Marmor in den Zimmern, der Blick über den Platz und das Meer, erstklassiger Service – hier gibt es nur schöne Träume.

Bunter und cooler gibt sich das Colors Urban Hotel (Tsi- miski 13, DZ ab 140 Euro) in einer ehemaligen Schule. Die Architekten vom jungen Urban Soul Project haben dem Haus klare Linien und viel Farbe verordnet, jedes der Zimmer ist anders gestaltet.

Per Schiff ist man in einer halben Stunde im Küstenort Neoi Epivates

Raus aus der Stadt

Zeitreise nach Neoi Epivates, einem Strandort wie aus den 60er-Jahren: Das Ausflugsboot der Karavakia-„Wasserbusse“ legt morgens um Viertel vor zehn von Pier 1 ab. Für den Fahrtpreis von 7 Euro hin und zurück erlebt man „Thessaloniki-Sightseeing“ vom Meer aus, begleitet von einem Soundmix, der aus verschiedenen mitgebrachten Playern scheppert, und der guten Laune der Mitreisenden.

Meeresfrüchte im „Ostrako“ im Küstenort Neoi Epivates

Am Pier von Neoi Epivates führen Jugendliche „Splashdiving“ vor, Mädchen gucken, alte Männer sitzen neben ihren Autos und angeln. Das Wasser ist sauber. Jedes bessere Strandbad hat auch ein paar Tische im Sand stehen und serviert Getränke und Speisen. Hübsch sitzt man im Ostrako Seafood Restaurant (Kontouriotou 37). Bäume spenden Schatten, sanft schwappen die Wellen über den feinen Sand bis beinahe zum Tisch. Wer vom Stuhl fällt, der wird nass!


Infos

Anreise

Nonstop-Flüge mit Aegean Airlines, mit Lufthansa oder von München aus mit Eurowings ab 120 Euro hin und zurück

Mehr im Web

Discover Greece

Über diesen Autor

Angelika Jakob

Angelika Jakob

Angelika Jakob kann sich nicht entscheiden, was sie lieber macht: Fotografieren oder Schreiben. Also schleppt sie auf Recherchen die Kamera mit und zu Shootings ein dickes Schulheft für Notizen. Auf diese Weise sind etliche Reportagen für Servus entstanden, für Brigitte, die NZZ, Terra Mater und für abenteuer und reisen natürlich. In letzter Zeit hat sie die Arbeit für die GIZ begeistert. Sie durfte einige Länder Afrikas bereisen, um Entwicklungsprojekte zu dokumentieren.

Katalog-Service

Nice 'n' easy

Holen Sie sich für Ihre Reiseplanung die Kataloge renommierter Spezialveranstalter gratis ins Haus