Länderberichte

Westaustralien | Schnorcheln mit Buckelwalen

Mona Contzen
Geschrieben von Mona Contzen

Gut 30.000 Buckelwale ziehen an der Westküste Australiens vorbei. Seit Kurzem dürfen Schwimmer zu den riesigen Meeressäugern ins Wasser. Wir haben so einen Schnorchelausflug im XXL-Format getestet

„Go, go, go!“ Als Kapitän Thomas Whitby losbrüllt, muss es schnell gehen. Die „Windcheetah“ darf sich dem Wal unter keinen Umständen in den Weg stellen. Auf dem „Humpback Highway“, der Wal-Autobahn vor Westaustraliens Küste, gilt: Meeressäuger haben Vorfahrt.

Buckelwale haben immer Vorfahrt

Fünf Schwimmer springen vom fahrenden Katamaran und treiben hilflos im Indischen Ozean. Im Vergleich zu den tonnenschweren Buckelwalen, von denen in der Rushhour zwischen August und November etwa 30.000 am Ningaloo Riff vorbeidonnern, nehmen sie sich wie ein paar niedliche Zwerge aus.

Etwas Mut erfordert das Schnorcheln mit Buckelwalen schon …

Es ist erst die dritte Saison, in der die Regierung das Schwimmen mit Buckelwalen erlaubt. Vom 2.000-Einwohner-Örtchen Exmouth geht es hinaus zum „Humpback Highway“, den die Wale auf ihrem Weg vom Südpolarmeer in wärmere Gefilde nutzen. Und plötzlich sind die Giganten überall. Mal prustet es links vom Boot, mal schiebt sich eine riesige Flosse weiter rechts durch die azurblaue Oberfläche.

30 Tonnen in der Luft

In der Ferne schießen gewaltige Fontänen in die Luft, wenn ein Tier nach seinem Sprung mit einem derben Rückenklatscher aufs Wasser schlägt. Buckelwale wer­den locker 15 Meter lang und 30 bis 40 Tonnen schwer. „Glaubt mir, ihr wollt nicht im Wasser sein mit einem Wal, der mit der Flosse schlägt oder zu einem Sprung ansetzt“, versichert Tauchlehrerin Daisy Whicheloe der Schnorchlertruppe.

Die Fluke jedes Tiers besitzt eine charakteristische Zeichnung und Form. Damit kann man – wie bei einem Fingerabdruck – die Tiere identifizieren

Wir glauben ihr. Schließlich entspricht das Gewicht eines ausgewachsenes Tieres ziemlich genau dem eines voll beladenen Sattelzugs. Buckelwale sind zwar nicht aggressiv, aber sehr aktiv – und ihre Größe kann für Menschen zu einem Prob­lem werden …

Zum Glück sind die Haie satt

Ein kleines Flugzeug kreist seit einer Weile über unseren Köpfen. Der Pilot beobachtet den Ozean aus der Luft, um einen passenden Wal für unser Unterwasser-Rendezvous auszusuchen. Dann wölbt sich ein grauer, glänzender Rücken neben dem Katamaran aus dem Wasser, wie der massige Leib eines Seeungeheuers. Der Wal taucht ab, schwimmt unter dem Boot hindurch, zeigt seine mächtige Schwanzflosse, die Fluke, auf der anderen Seite. Das ist der Moment, in dem der Skipper das Kommando zum Sprung gibt.

Innerhalb von Sekunden überschlagen sich die Gedanken. Was hatte Daisy gesagt? Mehr als 200 Korallen- und 500 tropische Fischarten machen das größte Saumriff der Welt – mit etwa der doppelten Fläche des Saarlands – auch zu einem der artenreichsten. Hinaus aufs Meer haben uns ein paar Delfine begleitet, eine Schildkröte dümpelte träge im Wasser.

Buckelwale: Bis zu 15 Meter lang und mit ausgesprochen kleiner Rückenfinne und sehr großen Brustflossen

Natürlich le­ben auch Haie hier. Riffhaie, Tigerhaie, Hammerhaie. Viele! Große! Laut Daisy zum Glück gut genährt. Auf Tigerhaie entfallen immerhin die meisten „Unfälle“ beim Schwim­men, habe ich bei Wikipedia gelesen …Doch für Angst bleibt keine Zeit. „Blickt nach Osten!“, befiehlt Daisy. Da nähert sich ein riesiger Schatten mit hoher Geschwindigkeit. Er hält direkt auf uns zu.

Oberstes Gebot: Abstand halten!

Weltweit erlauben nur drei Länder das Schwimmen mit Buckelwalen: die Dominikanische Republik, Ton­ga und Australien, wo es die Touren auch an der Ostküste gibt. Doch in Westaustralien hatte man lange Zeit Angst, die durch das Weltnaturerbe knatternden Ausflugsboote könnten die Wale stören. Früher waren sie eine gefährdete Art, mittlerweile hat sich die Population wieder erholt. Seit 2016 laufen die Touren deshalb als wissenschaftlich überwachtes Pilotprojekt.

Das Fazit der Biologen: Eine langfristige Beeinflus­sung der Tiere ist nicht zu erkennen. Dass die Meeressäuger sich dennoch bedrängt fühlen, wie Tierschützer befürchten, sollen strenge Auflagen verhin­dern. Boote müssen 100 Meter Distanz halten, maximal fünf Touristen dürfen gleichzeitig ins Wasser und Walmütter mit Kälbern sind immer tabu. Schwimmer müssen zur eigenen Sicherheit einen Abstand von 15 Metern halten, um aus der Gefahrenzone des mächtigen Schwanzes zu bleiben.

Zeitgleich dürfen nur fünf Schwimmer ins Wasser zu den Walen

Unser Wal aber interessiert sich nicht für die Vorschriften. Neugierig erkundet er, wessen Flossen da so leuchtend gelb, grün und orange im Wasser paddeln. Der massige Leib bewegt sich anmutig durch die Schwerelosigkeit. Er gleitet unter uns hinweg, um im nächsten Moment aus einer anderen Richtung wieder aufzutauchen. Der Riesensäuger umkreist uns, kommt immer näher. Vertrauensvoll, ohne jede Scheu vor dem Menschen. Im Gegenteil: Es wirkt fast, als sei der Wal genauso fasziniert von uns wie wir von ihm.

Schwimmen: 50 Euro pro Minute

„Buckelwale sind sich deiner Gegenwart bewusst, sie interagieren mit dir“, schwärmt Daisy später. Trotz­dem haben wir Glück, dass unser Wal so großes Interesse zeigt. Meist dauert die Begegnung unter Wasser nur etwa vier Minuten – lässt man den Törn und zusätzliche Schnorchel-Stopps außen vor, kostet jede Minute satte 50 Euro.

Doch es ist nicht unbedingt der Preis, der dieses Abenteuer so exklusiv macht. Es ist der Ort. Exmouth liegt 1.250 Kilometer von Perth entfernt, nach Darwin im Norden sind es sogar mehr als 3.000 Kilometer. Wer hierher kommt, sucht gezielt die Abgeschiedenheit. Die einsamen Traumstrände, die hei­ße, rote Erde Westaustraliens – und die Wale.

Neben Buckwalen sind Walhaie ebenfalls eine große Schnorchelattraktion am Ningaloo Reef. Machen Sie sich ein Bild davon! Copyright: Tourism Australia

„Ein bisschen mehr Abstand halten“, mahnt Daisy. Doch das ist leichter gesagt als getan: Der Wal kommt schneller und müheloser näher, als wir zurückwei­chen können – Buckelwale beschleunigen auf immerhin bis zu 20 Stundenkilometer. Obwohl sich der Wal so behutsam bewegt, als würde er unsere Zerbrechlichkeit erkennen, fühlt man sich unsäglich klein und schwach. Wie ein Spielball der Natur.

Sobald wir wieder an der Oberfläche treiben, ist es, als wären wir frisch verliebt – oder nur knapp einer Katastrophe entgangen. Wir lachen laut, beinahe ein wenig hysterisch. Die Stimmen überschlagen sich. Das verträumte Grinsen hält den ganzen Tag.


Infos

Angebote ab Coral Bay und Exmouth möglich. Elf Veranstalter, darunter Ningaloo Discovery, bieten Touren am Ningaloo Reef an, von Anfang August bis Ende Oktober. Siebenstündiger Ausflug inklusive Verpflegung und Ausrüstung etwa 200 Euro.

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Über diesen Autor

Mona Contzen

Mona Contzen

Mona Contzen, Jahrgang 1983, hat es schon immer in die weite Welt gezogen. Nach monatelangen Arbeitserfahrungen im Ausland (Sydney, New York, Asunción, Tel Aviv) schreibt sie seit 2012 als freie (Reise-)Journalistin am liebsten über Fernziele.

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