Länderberichte

Irland | Wild Atlantic Way

Der Auftrag an unseren Autor war klar: „Fahre den Wild Atlantic Way off-season ab. Finde heraus, wo das beste Seafood serviert wird.“ Was als genussvoller Roadtrip im irischen Frühling geplant war, wurde zum eisigen Abenteuer. Dennoch: Hier kommen die besten Reise-Tipps für den Wild Atlantic Way von unserem Irland-Spezialisten

Das kann heiter werden: Fünf Kilometer vor Kinsale, dem „St. Tropez von Irland“ und südlichem Startpunkt des Wild Atlantic Way, verkündet Wetterfee Joanna Donnelly auf RTE Radio 1 den „Status Red“. Die Bevölkerung solle die Häuser nicht verlassen und sich mit ausreichend Lebensmittel versorgen. Auslöser der höchsten Warnstufe? Eine Wetterkonstellation, die das vom warmen Golfstrom umspülte Irland nur äußerst selten erlebt: Die sibirische Kaltfront „Beast from the East“ trifft auf das atlantische Sturmtief „Emma“. Laut Joanna müsse in den nächsten Tagen mit zweistelligen Minustemperaturen und extremen Schneefällen gerechnet werden, landesweit.

Gut, denke ich beim Löffeln der vorzüglichen Seafood Chowder im Seafood-Restaurant „Fishy Fishy“ in Kinsale, wenn schon eingeschneit, dann nicht in einem x-beliebigen B&B, sondern in Gesellschaft guter Freunde an einem der spektakulärsten Orte Irlands: In Three Castle Head, einer windumtoste Landspitze im äußersten Südwesten der Insel, auf der die Familie Ungerer ein über 100 Jahre altes Cottage vermietet.

Irland windumtost: Three Castle Head

„Ja, es ist frei, komm vorbei“, sagt Lukas Ungerer am Telefon, „und bring‘ vorsichtshalber ein paar Flaschen Rotwein mit.“ „Geht klar!“, sage ich, und lasse mir von Martin Shanahan, dem Inhaber des „Fishy Fishy“, eine Bordeaux-Notration zusammenzustellen.
[Fishy Fishy]

Wild Atlantic Way, Irland: Martin Shanahan, Chef des Restaurants "Fishy Fishy" in Kinsale

Kann auch mit Bordeaux dienen: Martin Shanahan, Chef des Restaurants „Fishy Fishy“ in Kinsale

Rätselhafter Dromberg Stone Circle

Auf schmaler, kurviger Straße zuckle ich hinter einem Eselsfuhrwerk zur malerischen Timoleague Abbey, der Ruine einer Franziskaner-Abtei aus dem Jahr 1240. Der Kutscher wendet sich um, betrachtet mich nachdenklich, hebt die Hand im Zeitlupentempo zum Gruß und macht keine Anstalten, mich vorbeizulassen – wozu auch?

Die Sonne fällt durch die Fenster des Refektoriums, der Blick reicht über das glitzernde Meer, der Geruch von Torffeuer liegt in der Frühlingsluft: Stille, erste Glücksgefühle stellen sich ein. Nur wenige Reisende werden die volle Länge des Wild Atlantic Way abfahren. Aber für welchen Teil man sich auch entscheidet, die Natur ist überall rau – und extrem schön.
[Timoleague Abbey]

Mein nächster Haltepunkt ist der Drombeg Stone Circle, ein Kreis aus 17 stehenden Steinen bei Glandore. In den westlichsten wurde das Abbild eines Fußes eingeritzt. Datiert wird der Steinkreis auf die Zeit um Christie Geburt – das gelingt dank der Radiocarbon-Methode sehr genau, alles andere ist reine Spekulation: Es wird angenommen, dass Steinkreise als eine Art Kalender dienten. Rätselhafte Kelten!
[Drombeg Stone Circle]

Wild Atlantic Way, Irland: Slow-Food-Pionierin und "Meisterräucherin" Sally Barnes

Slow-Food-Pionierin und „Meisterräucherin“ Sally Barnes

Mizen Head Fog Signal Station

In Castletownshend, einem hübschen Dorf am Meer im Schatten des Toe Head, decke ich mich in Sally Barnes‘ „Woodcock Smokery“ mit geräucherten Makrelen ein. Dann steuere ich die Mizen Head Fog Signal Station an. Einer der wenigen Orte auf der Welt, über die sich zu Recht sagen lässt: Je schlechter das Wetter, desto größer der Spaß.

Über eine Schwindel erregende Hängebrücke führen die letzten Meter nach Cloghane Island hinüber. Tief unten donnern gewaltige Brecher in den schmalen Einschnitt, der die winzige Felseninsel vom Festland trennt. Die tückischen Gewässer rund um Mizen Head sind ein riesiger Schiffsfriedhof. Mehr als 200 Wracks liegen dort auf Grund.

Erst seit 1909, als man die Fog Signal Station errichtete, ist die Südwestspitze Irlands auch bei Nebel und Sturm einigermaßen sicher zu passieren. Bis weit in die 1930er-Jahre hinein musste der Lightkeeper noch eigenhändig das Leuchtfeuer entzünden – und das alle drei Minuten.
[Mizen Head Fog Signal Station]

Wild Atlantic Way, Irland: Strand Barley Cove auf der Halbinsel Mizen Head

Wild Atlantic Way: Halbinsel Mizen Head mit dem Strand Barley Cove

Irland, Wahlheimat von Tomi Ungerer

Auf den ersten Blick ist das Zuhause der Ungerers ein reines Idyll: Schafe und Pferde grasen. Der Atlantik pulsiert kornblumenblau. Der Himmel über den Steilklippen ist eine Regenbogenfabrik. Doch der Schein trügt. Als Tomi Ungerer (er verstarb im Februar 2019) vor mehr als 40 Jahren das Anwesen im Norden von Mizen Head kaufte, schlossen die Dörfler Wetten ab, wie lange er und seine Frau Yvonne es dort aushalten würden. Die Iren wussten: In dieser magischen Landschaft schleudern einen magnetische Kraftfelder unvermittelt zu Boden und bei Vollmond tauchen Wesen auf, für die es selbst im Gälischen keine Worte gibt.

Der weltberühmte Zeichner und Autor aber beschloss: Ich bleibe. „Es war nicht einfach, sich mit ihnen zu arrangieren“, sagt Tomis Frau Yvonne und lächelt. Fast. Erst gestern fand sich der 87-Jährige bei einem Spaziergang plötzlich auf dem Rücken wieder. Selbst jetzt, beim Kaffeetrinken in der Küche, sind wir offenbar nicht allein. Die Kerze auf dem Tisch flackert und verlischt, während wir über Banshees (irische Todesfeen) und Leprechauns (manchmal bös-, manchmal gutartige Kobolde) reden. Vergeblich bemüht sich Yvonne, die Kerze anzuzünden. Ein paar Sekunden später flammt sie plötzlich wieder auf.

Der Zeichner, Illustrator und „da Vinci der Erotik“ Tomi Ungerer (1931 – 2019)

Hideaway am Wild Atlantic Way

Ein eisiger Ostwind treibt am nächsten Morgen die ersten Flocken über die Berge. Nach dem Frühstück holt mich Lukas mit dem Traktor ab: „Lass uns noch eine Fuhre Feuerholz aus der Scheune holen, bevor das Biest richtig zuschlägt.“ Seit fünf Jahren führt Tomis jüngster Sohn zusammen mit seiner Frau Joanna die Farm. Sie halten auf 100 Hektar Weideland 300 Schafe und vermieten neben dem traditionellen irischen Cottage zwei moderne, perfekt ausgestattete Ferienwohnungen.

Geschafft, der Anhänger ist randvoll mit Eichenholz – und das hügelige Weideland inzwischen mit einer zehn Zentimeter dicken Schneeschicht bedeckt. Zwei Stunden später und weitere zehn Zentimeter ist es soweit: wir sind endgültig von der Außenwelt abgeschnitten. Selbst der 100-PS-Traktor schafft den steilen Feldweg zur nächsten Teerstraße nicht mehr ohne Schneeketten. Keine Chance also, den Wild Atlantic Way in Angriff zu nehmen.

Wild Atlantic Way, Irland: Verwunschene Ruine Dunlough Castle: Täglich tropft Blut von der Decke ...

Wild Atlantic Way, unser Tipp: Die verwunschene Ruine Dunlough Castle

Gruselnummer Dunlough Castle

Den Schafen sollten Schnee und Kälte zwar nicht wirklich gefährlich werden können, aber Lukas möchte auf Nummer sicher gehen. Dick eingepackt und mit zwei Zipfelmützen auf dem Kopf stapfe ich mit ihm am nächsten Morgen durch knietiefe Schneeverwehungen hinauf zum Three Castle Head. Der immer stärker werdende Ostwind bläst uns fast über die Klippen. „Da sind sie“, sagt Lukas und deutet hinüber zu einer weitläufigen Senke zu Füßen des Dunlough Castle, das über einem torfschwarzen, gespenstisch stillen Süßwassersee thront. Dicht gedrängt stehen die robusten Blackface-Schafe im Windschatten der 1207 erbauten drei Türme und äsen stoisch vor sich hin.

„Die letzten Bewohner der Türme waren die O’Donohues, die alle entweder Selbstmord begingen oder grausam ermordet wurden“, verrät Lukas auf dem Rückweg. „Deshalb tropft täglich ein Tropfen Blut von der Decke des Turmes, der direkt am See steht.“ Auch eine verzauberte, in weiße Gewänder gehüllte „Lady of the Lake“ spuke hier herum, sagt Lukas und fügt hinzu: „Im See hat der O‘Donohue-Clan außerdem ein paar Kisten Gold versenkt. Aber dieses Gold bringt dem Finder nur Unglück.“

Wild Atlantic Way, Irland: Durst löschen im hoteleigenen "Ballynahinch Castle Pub"

Pitstop am Wild Atlantic Way: „Ballynahinch Castle Pub“

Wild Atlantic Way und Watering Holes

Nach zwei Tagen ist der Wild Atlantic Way wieder frei befahrbar. Was diese „Traumstraße“ durch mal mehr, mal weniger spektakuläre Landschaften wirklich auszeichnet, sind die Menschen, die entlang der Strecke leben und arbeiten, und die legendären „Watering Holes“, die Pubs und Restaurants der Westküste, in denen die kulinarischen Schätze des Atlantik auf den Tisch kommen.

Zum Beispiel das neue irische Superfood: Algen. Entlang der Küste wachsen über 600 Arten, die bis auf zwei Ausnahmen alle vorzüglich schmecken. Mal nach Spinat, mal nach Karotten, mal nach Kohlrabi oder Rettich. „Algen hat schon meine Urgroßmutter gesammelt und die Großfamilie damit ernährt“, so Hanah Dare, die Besitzerin des „Organico“ in Bantry, einem lohnenswerten Stopps am Wild Atlantic Way. „Ein dicht bewachsener Felsen an der Küste war einst genauso viel wert wie ein Kartoffelacker.“

Zusammen mit ihrer Schwester Rachel zählt die Vierzigjährige zu den Slow-Food-Pionieren Irlands Küche. Die gesamte Westküste ist, so scheint es, ein einziges Startup mit Lebensmittel-Produzenten, Köchen und Gastronomen, vor deren Erfindergeist und Risikobereitschaft man nur den Hut ziehen kann. „In Sachen Algen gibt’s nur einen Haken“, sagt Hannah, während sie ihren knackigen Wild Atlantic Way Seaweed Salad serviert. „Vor Kurzem hat die Regierung die Ernterechte an einem Fünftel der irischen Küste an einen kanadischen Konzern verkauft, der Algen großflächig und mechanisch ernten lässt …“
[Organico]

Wild Atlantic Way, Irland: Schafe genießen die Aussicht an der windumtosten Landspitze Three Castle Head

Schafe genießen die Aussicht an der windumtosten Landspitze Three Castle Head

Bestes Seafood im „Beara Coast Hotel“

Nächste Feinschmeck-Station am Wild Atlantic Way: Mark Johnston, der Chefkoch des „Beara Coast Hotel“ in Castletownbere, beweist, dass man mit Algen auch backen kann. Zu seiner preisgekrönten Seafood Chowder mit Seeteufel, geräuchertem Seehecht, Schellfisch und Lachs reicht er eine Vollkornsemmel, die mit Seaweed-Flocken gespickt ist – dick mit selbstgemachter irischer Butter bestrichen ein himmlischer Genuss.

Weit ausladend schwingt der Wild Atlantic Way zwischen dunkelblauem Wasser und grauen Bergen, zwischen steilen Klippen und sanft ansteigenden Wiesen weiter westwärts Richtung Lambs Head.

Wer Irland ins ungeschminkte Sommersprossengesicht blicken möchte, darf sich Dursey Island nicht entgehen lassen. Eine nur durch einen schmalen Seestreifen vom Lambs Head getrennte Insel, die per Seilbahn erreichbar ist. Zwischen zwei Masten spannt sich ein gefährlich durchhängender Draht, an dem eine in die Jahre gekommene Holzkabine für sechs Personen – oder zehn Schafe – hängt. Kommt ein Atlantiksturm auf, kann es sein, dass man für Tage auf Dursey festsitzt.
[Beara Coast Hotel]

Wild Atlantic Way, Irland: Rachel und Hanah Dare, die Inhaberinnen des Bio-Ladens "Organico" in Bantry

Rachel und Hanah Dare, die Inhaberinnen der Bio-Bäckerei „Organico“ in Bantry

Ballycrovane: der Riesen-Monolith von Irland

Nach weiteren 35 Kilometern auf dem Wild Atlantic Way steht auf einem sanft geschwungenen Hügel über der Coulagh Bay der sechs Meter hohe Standing Stone von Ballycrovane. Der Monolith ist der nationale Rekordhalter.

Bevor ich Kenmare, das Tor zum Ring of Kerry ansteuere, gönne ich mir noch einen Abstecher in die Caha Mountains, wo mit dem Healy Pass die schönste Bergstraße Irlands wartet. Was für ein grandioser Panoramablick: Tief unten glitzert der Glanmore Lake in einem einsamen Talschluss, im Westen glühen die mächtigen Slieve Miskish Mountains im Abendlicht und nach Norden hin reicht die Sicht über die silberfarbene Kenmare Bay bis zu den noch immer mit Schnee bedeckten Bergen der Iveragh Peninsula.
[Standing Stone von Ballycrovane]

Wild Atlantic Way, Irland: Tipp für Gourmets: Lobster im Seafood-Restaurant „Fishy Fishy“ in Kinsale

Tipp für Gourmets auf dem Wild Atlantic Way: Lobster im Seafood-Restaurant „Fishy Fishy“ in Kinsale

Pub-Stopp im „Crowley’s”

In Kenmare zieht’s mich nach einer riesigen Portion Fish & Chips im „Wartons“ sofort ins „Crowley’s“. Nüchtern betrachtet, ein Pub wie jedes andere auch. Doch nirgendwo entlang des Wild Atlantic Way zapft man süffigeres Stout-Bier und nirgendwo ist die Livemusik besser. Wie könnte es auch anders sein: Seit Stunden schon sitzen der „Artist“, der „Captain“ und der „Lord“, so wollen wir die Herren aus Gründen der Diskretion nennen, nun schon am Tresen und trinken zusammen auf Teufel komm raus. Für jeden fünf Pints werden es heute wohl schon wieder sein. Dazu ein Stout für die Wolfshündin des Lords. Und gerade hat sich der Captain gleich zwei Gläser auf einmal bestellt!

Wundern wir uns also nicht, dass er auch diese zwei Pints schneller getrunken hat als wir unser Glas, sondern trinken wir mit dem gleichen Genuss in aller Seelenruhe mit. Denn ein wenig stimmt schon, was die Werbung den Iren seit mehr als 150 Jahren verspricht: „Guinness is good for you.“
[Ring of Kerry]

Wild Atlantic Way, Irland: Die Skellig Islands liegen etwa 14 Kilometer westlich der Iveragh-Halbinsel

Wild Atlantic Way: Blick auf die steilen, felsigen Skellig Islands westlich der Iveragh-Halbinsel

Trubel: Insel Skellig Michael

Warum die 180 Kilometer lange Küstenstraße von Kenmare nach Killorglin so hoch gelobt wird, habe ich nie verstanden. Ja, zerklüftete Steilküsten, majestätische Berge, einsame Moore und feinsandige Strände bestimmen auch hier das Bild, doch auf dem „Ring of Kerry“ war man schon immer alles andere als allein. Und seit auf der pyramidenförmigen Felseninsel Skellig Michael die Schlussszene von „Stars Wars“, Teil VII, „Das Erwachen der Macht“, gedreht wurde, ist dort auch off-season nichts mehr so, wie es einmal war.

Gut nur, dass der Zugang auf die elf Kilometer vor Portmagee liegende Mönchsinsel, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, streng limitiert ist: Nur 15 Skipper, die jeweils zwölf Personen transportieren dürfen, besitzen die Lizenz zum Hinüberschippern – und das auch nur von Mai bis Oktober. Wer einen Platz ergattert und über die Treppe mit 670 aus dem Gestein geschlagenen Stufen zum Gipfel des 217 Meter hohen Felsen steigt, steht im isoliertesten und spektakulärsten frühchristlichen Kloster Irlands. Mehrere kreisrunde Hütten, Mönchszellen in Form eines Bienenkorbes, verstecken sich unterhalb des Gipfels in einer kleinen Mulde. In der Blütezeit des Klosters wurden in Minigärten sogar Gemüse und Blumen gezogen sowie Kleinvieh gehalten.
[Skellig Michael]

Wild Atlantic Way, Irland: John Power und seine Schwester Eileen Brennan, die Inhaber der Beara Distillery auf der Beara-Halbinsel

John Power und seine Schwester Eileen Brennan, Inhaber der Beara Distillery auf der Beara-Halbinsel

Schmuckstück Dingle Town

Die Dingle Peninsula empfängt mich an einem frostigen Morgen. Vorbei am kilometerlangen Strand von Inch geht’s nach Dingle Town, wo sich die Vormittagssonne weich auf die bunt gestrichenen Häuser legt. Bereits in den 1970er-Jahren von Aussteigern entdeckt, hat sich das schönste Städtchen an der Westküste dem alternativen Lifestyle angepasst – und mutierte mit seinem großartigen Mix aus Öko- und New-Age-Läden, Singing Pubs und Seafood-Restaurants zum Hotspot des irischen Dolce vita.

Dass sich das ebenfalls reich vertretene Kunsthandwerk vor allem mit dem Delfinmotiv beschäftigt, liegt an Fungie. Zum Entzücken aller Beobachter tollt dieser halbzahme Bottle-nosed-Delfin seit 1983 in der Dingle Bay herum. Er neckt die Schwimmer, springt über Boote und scheint völlig auf Menschen fixiert zu sein. Macht man einen Bootsausflug von Dingle Harbour aus, sieht man ihn fast immer.
[Dingle Bay]

Höhepunkt des Wild Atlantic Way: Slea Head Drive

Mich lockt dagegen der „Slea Head Drive“, das vielleicht schönste Teilstück des Wild Atlantic Way. Folgt man der R559, entfaltet sich entlang der steilen Küstenstraße auf den nächsten 30 Kilometern ein unvergessliches Postkartenpanorama. Das ganze Gebiet ist gespickt mit Forts, unterirdischen Gängen, Steinkreisen und Kreuzen. An den steilen Hängen um Fahan stehen Dutzende von Beehive Huts, gedrungene, kreisrunde Gebetszellen von Eremiten.

Die Inseln im türkisblauen Wasser vor dem Kap von Slea Head trug früher jeder Irland-Besucher in der Tasche – die Blasket Islands waren nämlich auf dem 20-Pfund-Schein abgebildet. 1953 wurden die letzten 20 Bewohner per Regierungsdekret aufs Festland umgesiedelt. Angeblich, weil das harte Leben den meist schon betagten Leutchen nicht mehr zuzumuten war.

Den Sprachforschern und Ethnologen, die 30 Jahre zuvor die Blaskets erkundeten, ist es zu verdanken, dass es noch ein genaues Bild vom Alltag in einem keltisch-gälischen Fischer- und Robbenjägerdorf gibt. Fasziniert schrieben die Wissenschaftler die in einfacher Sprache erzählten Erinnerungen der Insulaner nieder. Autobiografien, wie sie spannender nicht sein könnten, entstanden dadurch: Tomas O’Crohans „The Islandman“ und Maurice O’Sullivans „Twenty Years Agrowing“ gelten als Klassiker der irischen Literatur.
[Slea Head Drive]

Wild Atlantic Way, Irland: Schlosshotel Ballynahinch Castle in Connemara

Zimmer mit Aussicht aufs Wasser: Schlosshotel „Ballynahinch Castle“ in Connemara, ebenfalls am Wild Atlantic Way gelegen

Connemara, Reich der Melancholie

Die nächsten 200 kurvigen Kilometer des Wild Atlantic Way absolviere ich in einem Rutsch. Keine Lust auf die vielbesuchten Cliffs of Moher. Keine Lust auf die wüsten Kalksteinebenen der Burren-Region, wo Tolkien den Roman „Herr der Ringe“ erdachte. Keine Lust auf Galway, das lebhafte, südländisch angehauchte Zentrum des Westküstentourismus, das neben Rijeka in Kroatien 2020 eine der beiden Kulturhauptstädte Europas wird. Was ich jetzt brauche, ist der Fensterplatz in meinem liebsten Watering Hole: „O’Dowd’s Pub“ in Roundstone, einem winzigen Fischernest im Reich der Melancholie: Connemara.

Der Tisch am Fenster zur Bertraghboy Bay ist frei. Und die Killary Bay Prawns, Garnelen mit Knoblauchbutter, sind wie immer ein Gedicht. Happy blicke ich durchs regennasse Fenster auf die Twelve Bens, Connemaras zwölf einzeln stehende, bis zu 900 Meter hohe Bergspitzen. Jetzt nur noch ein Zimmer mit Flussblick im nahen „Ballynahinch Castle“ und ich bin im Himmel der Iren angelangt. Berühmte Persönlichkeiten wie Grace O’Malley – die berühmt-berüchtigte Piratenkönigin trieb im 16. Jahrhundert vor der Westküste ihr Unwesen –, der große Humanist, Politiker und frühe Tierschützer Richard Martin oder zuletzt der Maharadscha Ranjitsinji waren Besitzer dieses Prunkstücks.
[O’Dowd’s Pub]

Wild Atlantic Way im Résumé

  • Ja, Irlands Super-Fernstraße hält das Beste bereit, was das Land zu bieten hat
  • Nein, man sollte den Wild Atlantic Way nicht von Juni bis August befahren, wenn sich die magischen Irland-Momente nur Stoßstange an Stoßstange abholen lassen
  • Und ja, das beste Seafood entlang der Strecke wird noch immer im „O’Dowd’s“ serviert
  • Das „Nancy’s“ in Ardara, hoch oben im Norden der Grafschaft Donegal, wo Wind und Regenbogen zu Hause sind, wo die Schafe schwarzweiß gefleckte Nasen haben und die Seen und Flüsse torfbraun sind, ist ebenfalls ein heißer Kandidat auf die Nummer eins im Seafood-Ranking
  • Links und rechts des Wild Atlantic Way warten neben 160 Discovery Points und 15 Signature Discovery Points nicht weniger als 17 Trails, 50 Rundwanderwege, 53 Strände mit Blue-Flag-Klassifizierung, 580 Festivals und 120 Golfplätze
  • Seit 2014 wurden über zehn Millionen Euro in die 2.500 Kilometer lange irische Antwort auf Amerikas Highway 1 investiert. Allein das Aufstellen der 3.850 Schilder mit dem gezackten Wellenlogo hat drei Millionen Euro gekostet.

Info Wild Atlantic Way

Jede Menge reportergetesteter Reise-Tipps zu Hotels und Restaurants findet Ihr in unseren Reisetipps Wild Atlantic Way

Weitere Infos zum Verlauf der Küstenstraße  und zu Irland allgemein

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Über diesen Autor

Franz Michael Braunschläger

Franz Michael Braunschläger

Franz Michael Braunschläger lebt und arbeitet vor den Toren Münchens. Er schreibt als freier Journalist vornehmlich über Themen aus den Bereichen Kultur, Sport und Reise. Seit seinem ersten Besuch ist er fasziniert von der Atmosphäre Irlands. Er fühlt sich dort wie Zuhause und unterhält nach unzähligen Touren über die Insel intensive Verbindungen zu Land und Leuten, und er hat die „Insel der Glückseligen“ längst zu seiner Passion erklärt.