Länderberichte

Thüringer Rhön | Heißer Ritt

Christian Haas
Geschrieben von Christian Haas

Western-Reiten in der thüringischen Rhön? Eine Sternrittwoche bringt neben dem Umgang mit Pferden auch die Schönheit des Biosphärenreservats sowie die Wende-Geschichte des Grenzgebiets näher – und selbst Anfänger wie unseren Autor rasch in die Gänge

Der „Wiesenköhlerhof“ im jahrhundertealten 600-Einwohner-Nest Roßdorf, zwischen Eisenach und Fulda, ist nicht auf Anhieb zu erkennen. Der Hof des Vater-Sohn-Gespanns Eberhard und Lars Köhler samt Ferienwohnungen verbirgt sich hinter 217 Heuballen, viel Grün und wenig Tamtam. Lars, der 37 Jahre alte Sohn und Junior-Chef bespricht mit den Teilnehmern im Schatten einer herrlichen Hoflinde das Organisatorische, vor allem, wie wir den angekündigten Temperaturen jenseits der 30 Grad am besten trotzen.

Männer und Mähnen: Lars und Eberhard Köhler mit zwei ihrer 18 Pferde

„Mut ist, wenn man Todesangst hat, sich aber trotzdem in den Sattel schwingt“

(John Wayne)

Die anschließende Vorstellungsrunde macht klar: Alle Teilnehmer – zwei Freundinnen um die 30, ein Damen-Trio und ein Ehepaar kurz vor der Silberhochzeit samt Bekannten – haben jahrelange Erfahrung als Reiter. Ich hingegen falle in die Kategorie „Greenhorn“. Saß hier und da mal auf einem Touristenpferd, das war’s. Kurz: Mich treibt die Sorge um, beim Thema Wanderreiten aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. Lars jedoch beruhigt: „Wir haben schon viele zum Reiten gebracht.“

Von einigen Ferienwohnungen haben die Gäste direkten Blick auf die Koppel

„An einem edlen Pferd schätzt man nicht seine Kraft, sondern seinen Charakter“

(Konfuzius)

Für den nun anstehenden Probenachmittag weist mir Lars als Gefährtin Angelina zu, „ein Haflinger, der vielleicht nicht so kräftig ist wie andere, aber viel Gefühl hat und einiges verzeiht“. Nachdem alle Reiter von Lars geprüft und reitbereit sind, zieht unser 48-beiniger Tross aus dem Dorf.

Mal im Schritt, mal im Trab, mal im Galopp geht es durch die Landschaft

„Mein Pferd hat die Leichtigkeit des Windes und des Feuers Hitze, aber wenn sein Reiter es besteigt, ist seine Sanftmut nichts als die Ruhe vor dem Sturm“

(William Shakespeare)

„Westernreiten“, sagt Lars nach einer Weile, „ist das Gegenteil von Dressurreiten – ideal für alle, die neben dem Reiten eigentlich was anderes tun müssen.“ So wie Cowboys, die sich um Rinder zu kümmern haben. Oder wir, die die Natur genießen wollen. Und in der 1991 von der Unesco zum Biosphärenreservat geadelten Rhön präsentiert sich diese mit einer enormen Vielfalt: Lärchen, Kiefern, Wacholder, Trockenmagerwiesen, Maisfelder – alles dabei. Und fast immer mit Weitblick! Je mehr wir physisch hochkommen, desto mehr kommen wir psychisch runter. Das monotone Wackeln hat etwas Meditatives, ein Zustand, der sich in den kommenden Tagen noch verstärkt.

Immer wieder bieten sich bei den täglich wechselnden Touren attraktive Fernblicke über die Ausläufer der Rhön bis zum Thüringer Wald

An einem leichten Hang eröffnet uns Lars: „Erste Übung: Traben. Immer von hinten an den andern vorbei.“ Als ich dran bin, stoße ich mit den Füßen in Angelinas Flanken und schon schaltet sie einen Gang hoch. Alles noch recht wacklig, aber: Läuft! Dann folgt eine weitere Trab-Session, bevor es heißt: „Jetzt Galopp!“ Ehe ich mich versehe, zieht Angelina an. Eben noch die Ruhe in Person, hängt sie sich an die Fersen von Skippy, einem echten Spurtwunder. Die etwa 500 Meter lange Strecke vergeht wie im Flug, allerdings einem recht turbulenten. Der „kritische Bereich“ schmerzt, doch ich sitze fest im Sattel. Und will mehr.

Glücksgefühle: Im Sattel zwei Gänge in den Galopp hochzuschalten, das lieben alle

„Alles Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“

(Altes Sprichwort)

In den nächsten Tagen werden die Ausritte länger, die Freuden größer, meine Bewegungen geschmeidiger und die Übungen häufiger und vielfältiger: beidseitig an der Gruppe vorbeitraben, auch mal in die Gegenrichtung ziehend, dann Postenlaufspiele und Galopp im Dreierteam (und mit Gerteneinsatz als Beschleuniger) – für mich völlig ausreichend, aber vielleicht für erfahrene Reiter zu wenig? Die 30-jährige Chrissie aus Dresden meint: „Ich finde es schön, wenn wir auch mal längere Strecken in einer schnelleren Gangart reiten.“ Was sie ebenfalls schön findet: „Selbst wenn man das meiste weiß, vermittelt Lars auch neue Infos.“

Bei Temperaturen von über 30 Grad ist ein Stopp am schattigen See willkommen.

Ich weiß das allermeiste noch nicht. Und staune. Etwa darüber, dass ein Pferd während des Schritts äppeln kann – ohne stehen zu bleiben. Und dass wir bei unseren wechselnden Touren kaum Zivilisationsanzeichen erblicken. Strommasten, Fabriken, Autobahn? Nichts zu sehen. Stattdessen Stille, Weite, Grün. Sind wir wirklich in Deutschland? „Dieses Gebiet heißt Wiesenthaler Schweiz“, klärt mich Jaqui auf, die als Lars’ Assistentin immer mit dem Tinker Kenneth mitreitet. „Vermutlich wegen des Alm-Ambientes.“

An heißen Tagen sorgt ein Badestopp an der Roßdorfer Kutte für Erfrischung

Als wir abends den Reittag Revue passieren lassen, zählen wir auf: „Ein Radler, ein Wanderpaar und ein Schäfer samt Hunden und rund 200 Schafen – mehr Begegnungen hatten wir heute nicht, oder?“ „Tiere jedenfalls waren es deutlich mehr“, erwidert Tommi. Als da wären: etliche Käfer und Schmetterlinge beim Streifzug durchs hohe Gras, zwei Füchse, zwei Rehe, ein Bussard auf einem Heuballen sowie mehrere Rotmilane. Und dann: sehr viele Fliegen und Pferdebremsen.

Fremde? Freunde! Es dauert nicht lang, da hat Chrissie sich bereits mit „ihrem“ Schimmel Kamillo angefreundet

„Wer glaubt, mit Pferden ist leicht Geld zu verdienen, beschäftigt sich offensichtlich nur mit Hunden“

(Franklin P. Jones, Schriftsteller)

Im Winter, wenn Lars ebenfalls mit Gästen unterwegs ist, kann es hingegen rutschig werden. Gut, wenn dann mit den Hufen alles stimmt. Angelina etwa bekommt diese Woche neues „Schuhwerk“. In der Zwischenzeit sattle ich um auf Sarah, einen Mischling „mit mehr Zug“. Auch wenn sich nicht alle Köhler’schen Pferde gleich gut für Anfänger eignen, sind doch alle in tollem Zustand und fremde Reiter gewohnt. Das verlangt aber auch der Exklusivpartner „Pferd & Reiter“, der damit wirbt, die Höfe nach strengen Richtlinien bezüglich Haltung und Umgang mit den Tieren, Ausbildungsstand der Pferde und Reitführer sowie herzliche Gastfreundschaft auszusuchen.

Jeden Abend tischt Eberhard, gelernter Koch im Zweitberuf, unter der großen Linde auf. Alles selbst gemacht, alles in rauen Mengen

„Hoppe, hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er“

(Kindervers)

Als ich tags darauf vom (jeansbedingt leider nötig gewordenen) Hinterneincremen komme, meint Brigitte: „Jeder Reiter fällt irgendwann vom Pferd.“ Schluck. Ich auch? Bislang kam ich gut durch (Lars’ Stilkritik: „Bisschen viel Rückenlage, aber das ist normal bei Anfängern!“), wenngleich an Tag vier durchaus gewisse Rückenschmerzen nicht wegzuleugnen sind. Und wenig später werden die im Alltag oft brachliegenden Muskelpartien wieder beansprucht, als Angelina, dank neuer Hufe wieder in Fahrt, richtig abgeht.

Feierabend? Feuerabend! Nach dem Kochen kümmert Eberhard sich um ein gemütliches Abendflair, Gesangseinlage inklusive

Der aus lauter Übermut aufgesetzte Cowboyhut fliegt weg und so wird klar, dass der Galopp schneller ist als sonst. Ich könnte gar nicht groß bremsen, so sehr ich auch am Zügel ziehe. Auch wenn ich schon deutlich sicherer im Sattel sitze, gerate ich in leichte Schräglage und für einen Moment frage ich mich, wie es sich wohl anfühlt, bei solch einem Tempo vom Pferd zu rutschen. Zum Glück bekomme ich darauf keine Antwort.


Infos

Die Sternrittwoche (Sonntag bis Samstag) auf dem „Wiesenköhlerhof“ in Roßdorf kostet pro Person im DZ in der Ferienwohnung und mit HP ab 725 Euro, der Vorderrhön-Trail (u. a. mit einer Übernachtung im Zelt) 790 Euro. Buchung exklusiv über „Pferd & Reiter“, den größten Anbieter für Reiterreisen in Deutschland.


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Über diesen Autor

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas – Jahrgang 1974, Wirkungsstätte München – liebt seit jeher die Kombination Reisen und Schreiben. Naheliegende Konsequenz: Studium der Geographie und Kommunikationswissenschaften in Eichstätt und München. Diplomarbeit in Venezuela, Nationalparkpraktikum in Puerto Rico, Redakteursanstellung in München. Seit 2002 als Reisejournalist und Autor selbstständig, Schwerpunkt Outdoor, Familie, Kurioses. Seit 2013 gehört Christian Haas zum Redaktionsteam von abenteuer und reisen.

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