Länderberichte

Saigon | Boomtown!

Martin Müller
Geschrieben von Martin Müller

Vietnams Boomtown Nummer eins, Saigon, ist Trendsetter in Sachen Kunst und Kulinarik. Wir haben uns zwischen Moderne und Vergangenheit umgesehen und geschlemmt.

Saigons seltsamste Souvenirs passen mir wie maßgeschneidert, fühlen sich aber zugleich etwas unpassend an. Das eine T-Shirt ist mit krasser kommunistischer Propaganda bedruckt – Arbeiter, Faust, phallischer Hammer –, das andere lässt ein paar Fallschirmspringer an meiner Brust heruntersegeln. Wie, bitte, soll ich das daheim tragen?

Was soll der Zweifel? Ich investiere, denn die Kollektion ist als Kunst zu werten. In Richard di San Marzanos „Dogma-Sammlung“ hängen Poster, die von nordvietnamesischen Künstlern während des Kriegs gegen Amerika gemalte Durchhalte-Flugblätter museumsreif präsentieren. Ganz klar: Ho Chi Minh ist wieder in!

Es lebe Onkel Ho!

Heute auch als Metropolenname: Die einen sagen noch Saigon, die anderen Ho Chi Minh City, wie die Zehn-Millionen-Stadt im tropischen Süden von Viet­nam seit 1975 offiziell heißt. Benannt ist „HCMC“ nach Onkel Ho. Als die nordvietnamesische Armee 1975 siegreich im zuvor durch die Franzosen pit­to­resk verwestlichten Saigon einmarschierte, da waren die Straßen wie leer gefegt. Wie sollte es weiterge­hen? 40 Jahre später, im Nachmonsun des Novembers, quellen die Boulevards und Bürgersteige über – ein auf andere Art malerisches Bild.

Rund um unser Hotel im Stadtbezirk 5 schiebt sich der Feierabendverkehr durch die letzten Pfützen der Regenzeit. Die wenigen Autos gehen bei­nahe unter im Strom Hunderter Motorräder, mehr als fünf Millionen sollen es im Stadtgebiet sein. Es wirkt, als wimmle ein Mangroven­dschungel mit illuminierten Insekten. Ein nie versiegender Quell an schlicht motorisierter Einwohnerschaft, die laut Prognosen übrigens in einem Jahrzehnt sogar Tokio an Zahl übertreffen soll.

Schwindeln im Kreisverkehr

Die hypnotische Show ist mitreißend. Kollege Frank und ich versichern uns der kundigen Führung und Fahrdienste durch die Herren Hieu und Vu. Mit zwei Vespas düsen wir zum Sonnenuntergang los. Der erste riesige Kreisverkehr saugt uns an wie ein Strudel. Sozius­fahren in Saigon verschafft mir einen überraschend tollen Kontrollverlust, weil ich Herrn Hieu vollends vertraue. Der lächelt anerkennend.

Wir lassen uns den Abend und die halbe Nacht durch die Distrikte treiben, fünf von 19 schaffen wir, inklusive einiger Muss-man-gesehen-haben-Attraktionen. Etwa die immer noch sehr geschäftige Postamthalle von 1891, neoklassizistisch erbaut von Gustave Eiffel, als die Franzosen noch das Sagen hat­ten. Sie steht nahe der Basilika Notre Dame, zum Marktmoloch Ben Thanh ist es auch nicht weit, alles versammelt im zentralen District 1.

Kurz katapultieren wir uns westlich des Marktes in den achten Stock, in die „OMG Rooftop Bar“, wo wir spannende Ausblicke genießen auf die im Bau befindlichen Hochhäuser ringsum: Saigon ist der brandneue Magnet für die Inves­to­ren aus aller Welt.

Blumen der Nacht

Nach einem Drink „for the road“ klemmen wir uns wieder hinter unsere Piloten. Nightmarketseeing ist angesagt. Herr Hieu kennt über ein Dutzend Anlaufstellen. „Braucht ihr vielleicht noch einen Strauß Blumen?“, fragt er uns augenzwinkernd.

Also auf zum Ho Thi Ky, Saigons größtem Blumenmarkt in District 10. Von den Plantagen im Westen Vietnams fließt ununterbro­chen ein Strom frischer Schnitt­ware nach Ho Thi Ky, wo es Tag und Nacht ohne Unterlass wie ein tropi­sches Heilsversprechen duftet, nach Lilien, Nelken, Rosen und Ylang-Ylang.

Im District 5, bekannt als Cholon oder Big Market, wo ehedem Vietnams Reis verarbeitet wurde, probieren wir uns auf einem Obstmarkt durch die Früchte des tropischen Gartens Eden: getrocknete Litschi, Granatapfel, Javaapfel, Sapodilla vom Breiapfel­baum, Drachenfrucht, Kaki-Persimone und Tamarindenschote – jeder Biss im Schein von Funzellampen eine saftige Überraschung. Der Magen gerät in Stimmung, wir sind reif fürs Nachtmahl.

Hot Pot und Haute Couture

Also knattern wir in den District 7. Von unseren Piloten lassen wir uns in die kulinarischen Geheimnisse von Lau, der vietnamesischen Variante des vor sich hinköchelnden Schmortopfs einweihen. An einer Hundertschaft von Tischen verzehrt man Gemüse und Ziege – Con de –, tunkt scheibchenweise in den Hot Pot oder legt Ziegenfleisch auf den Tischgrill – alles in allem recht fettarme Kost. Satt und dick werden die ständig futternden Vietnamesen offenbar nie. Ein Geheimnis, das es zu lüften gilt!

Li Lam,  eine bezaubernde 36-Jährige, ist en route zum Mode-Olymp. Haute couture aus HCMC ist eine brandneue Facette der Metropole. Gerade erst fand hier Vietnams erste International Fashion Week statt. Li Lam eroberte den Laufsteg mit ihrer Kollektion „Everything will be alright“. „Modische Kleidung soll dich entspannen“, sagt die gertenschlanke Erscheinung, als wir sie in ihrer Boutique im Zentrum besuchen. „Trying hard isn‘t cool!“

Als wir ihre Boutique betreten, verabschiedet Li einige betuchte Amerikanerinnen, in deren Mienenspiel sich tiefe Bewun­de­rung mit einem Anflug von Ärger darüber mischt, einfach nicht für das Lam-Design proportioniert zu sein. „Drei Viertel meiner Kunden sind Viet­nam­e­sen.“ Europäer und Japaner seien jedoch ebenfalls entzückt.

Im siebten Schlemmerhimmel

Saigons Kochtöpfe bieten ein ähnliches Potpourri wie der Verkehr. Tam, eine bezaubernde Angestellte unseres Hotels, führt uns zum Lunch aus. Das Restaurant „Nha Hang Ngon“ in der Pasteur Street ist die elegante und preisgünstige Verwirklichung der Saigoner Straßenküche in einer luftigen Kolonialvilla. La France setzt den Rahmen, die Genüsse sind jedoch vietnamesisch. In einer Art Kolonnadengang wird auf unzähligen Gasöfen gekocht, gedämpft, gespießt, ge­wi­ckelt, gefüllt und gefaltet.

Überall wird geschmaust wie Gott in Vietnam. An jeder Straßenecke, in jedem Hauseingang, sogar auf dem Motorrad an der Ampel schieben sich die Menschen Kleinigkeiten in den Mund. Unentwegt mah­len ihre Kiefer, süffeln oder verschlingen sie etwas, wobei das bei niemandem anzusetzen scheint. Wie kann das sein?

Als Expertin in Ernährungsfragen habe ich Camilla Bailey auserkoren, die dort kocht, wo die steinreichen Saigoner dinieren. Das „Chill Skybar Dining“ liegt im 26. Stock des AB Tower, eine Treppe unter der „Chill Skybar“. Die erst 26 Jahre junge Dänin ist in der Kochwelt derart angesagt, dass man sie vor drei Jah­ren zum Jobinterview einflog und engagierte.

Coole „Chill Skybar“

Nach anderthalb Jahren gewann Camilla bereits den Titel des Iron Chef Vietnam als Siegerin eines TV-Kochwettkampfs. Und zwar mit dem Thema Kartoffel – ein Vorteil, denn in Vietnam gibt‘s nur eine Kartoffelsorte. Inzwischen hat Camilla die ihr fremde Küche längst im Griff, lernt ständig von den Vietnamesen.

Während Camilla das Speisenzepter schwingt, hat ihr Bruder Victor vom Waldarbeiter zum Cocktail-Mixer um­geschult. Nach sechs Monaten schüttelte sich Victor  auf den vierten Platz in der vietnamesischen Mixer-Rangliste. Sein sehr cooler Arbeits­platz ist die „Chill Skybar“ hoch oben im 27. Stock. Die Aussicht ist zweifellos Saigons beste, der Blick fällt auf den großen Ben-Thanh-Kreisverkehr, wo mit Beginn der kurzen tropischen Dämmerung Myriaden von Mo­torrad-Scheinwerfern ein schwirrendes Licht-Lasso ins Zentrum werfen.


Info

Rex

Das  Luxushotel ist ein Fixpunkt in der Geschichte Saigons. Während des Vietnam-Kriegs nisteten sich hier das amerikanische Kommando und die Journalisten ein. 1986 wurde es wieder zum Hotel, das Interieur wirkt aktuell sehr gepflegt. DZ/F ab 115 Euro.

Hotel Equatorial

Das große Fünf-Sterne-Hotel ist  umgeben von typischen Sträßchen und Saigoner Treiben. Zimmer und Restaurantessen sind von gehobener Qualität, der große Pool lädt zum Bahnenziehen. Ein guter Stützpunkt für die Erforschung aller Highlights von Saigon, insbesondere auch des großen Tempels im Chinesenviertel Cholon. DZ ab 85 Euro.

Secret Garden

158 Pasteur Street, District 1

Wenn Sie das ruhige Dachrestaurant in einer Sackgassen-Seitenstraße erst einmal gefunden haben, werden Sie die leckere Landküche mit Suppe, Stir-Fry und Frosch genießen und das entspannte Ambiente nicht so schnell verlassen wollen. Der geheime Garten hat eine Dorfplatzatmosphäre. Niedrige Preiskategorie

Gao Mon Ngon Restaurant

33 Le Quy Don, District 3

Ehemals koloniales Herrenhaus mit verspielter Noblesse und Romantik. Gao bedeutet „ungekochter Reis“, und Reis ist in allen Varianten und Provenienzen das Hauptthema der Gerichte. Er wird etwa mit Morning Glory, Schlangenkopffisch und Krabben in Tamarindensauce serviert. Mittleres bis hohes Preisniveau


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Über diesen Autor

Martin Müller

Martin Müller

Da, wo ich weg komme, nämlich aus‘m Ruhrgebiet, muss ich manchmal sagen, dass ich nichts Besseres gelernt habe. Ich kann eben nur Autor, Reporter, Schreiberling. Im Ruhrgebiet, wo ich zufällig hineingeboren wurde, leben immer noch so schön viele von diesen Anpackern, die eine abgespeckten Sprache pflegen. Es versetzt also schon in Erstaunen, dass ich in ganzen Sätzen reden und schreiben kann. Vielleicht hat das aber mit jenem Witz - manche sagen Aberwitz - zu tun, den wir hier mit der Muttermilch einsaugen, ein Humor von der Sorte, wie ihn nur eine Gemeinschaft von vermeintlichen Underdogs drauf hat, wie etwa die Briten. Aus so einer verschworenen Gemeinschaft auszubrechen und die Welt zu bereisen, erscheint kühn. Ich darf mich mal bei einem anderen schreibenden Bochumer bedienen, um diesen Mut zu durchleuchten. Frank Goosen hat ja knapp und treffend gesagt: „Woanders is auch scheiße.“ Gut, das kann man als Anleitung zum Dableiben verstehen. Oder man sagt einfach: „Dableiben is auch ...“ Also bin ich einfach los.