Länderberichte

Sankt Petersburg | Russisches Wintermärchen

Robert Haidinger
Geschrieben von Robert Haidinger

Sankt Petersburg wird im Sommer von Kreuzfahrt-Touristen überrannt. Die großen Sehenswürdigkeiten sind rappelvoll. Wer Kunst und Kultur in Ruhe genießen will, kommt im Winter. Und erlebt, wie unser Reporter, mit etwas Glück eine Stadt unter einem flauschigen Schneemantel       

Für Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch komme ich leider zu spät. Der Komponist saß während der 1920er-Jahre am Piano des ältesten Kinos von Sankt Petersburg. Zu einer Zeit, als noch Stummfilme über die Leinwand flimmerten und der geniale Musikstudent ein wenig in dem Kino jobbte, das ganz westlich „Pikadilly“ hieß. Doch ein Besuch des heute als „Aurora“ bekannten Kinos lohnt immer noch. Ein 106 Jahre altes Heritage-Kino am Newski-Prospekt, ganz in der Nähe der Metro-Station Gostiny Dvor – um solche Plätze zu lieben, muss man weder Cineast noch Sankt Petersburger sein.

Aber das historische Kino kann noch mehr: In schöner Regelmäßigkeit steht dort ein Streifen auf dem Programm, der auf die wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt einstimmt. „Russki Kowtscheg“ heißt dieser Film, „Russische Arche“. Regisseur Alexander Sokurow lädt dabei zu einer einzigartigen Zeitreise durch die Petersburger Eremitage ein – und schrieb so selbst Filmgeschichte. Erstens, weil er es fast 100 Jahre nach Sergej Eisenstein schaffte, eine Drehgenehmigung für das berühmte Museum zu bekommen. Zweitens, weil er den Film in lediglich einer Einstellung drehte. 90 Minuten lang wandert ein unbekannter Erzähler durch den Winterpalast und trifft dabei auf Gestalten der russischen Geschichte.

Weiße Tage in Sankt Petersburg

Anstelle der berühmten mitsommerlichen Weißen Nächte von Sankt Petersburg erwarten mich weiße Tage. Im Idealfall sind sie schneeweiß, mitunter sind sie auch matschig braun. Auch Mitte Februar kann die dicke Schneedecke vorübergehend aufweichen, aber nur bis zum nächsten weißen Rieseln. Märchenhaftes, tief verschneites Sankt Petersburg!

Die Denkmäler tragen weiße Hauben und die gestiefelten Frauen am Newski-Prospekt, der fünf Kilometer langen Schaubühne der Sankt Petersburger Eitelkeiten, butterweiße Hüte aus Nerz.

Sankt Petersburg im Winter: Auferstehungskathedrale: Steht an der Stelle, wo Zar Alexander II. bei einem Attentat getötet wurde

Sankt Petersburg: Die Auferstehungskathedrale im Winter. Sie steht an der Stelle, wo Zar Alexander II. bei einem Attentat getötet wurde

Purer Winterzauber

Was für ein Zauber! Im langen Zwielicht der kurzen Februartage verwandeln sich die winterlichen Straßen in eine große begehbare Schneekugel, wie man sie aus Souvenirläden kennt. Die entlaubten Bäume in den Parks und Gärten stehen wie Hungerleider neben Palästen, mit aufgeregten Krähen in den kahlen Kronen. Altmodische Straßenlaternen werfen schwefelgelbes Licht auf den weichen Schnee. So ist die Stadt von Peter dem Großen am schönsten und verströmt eine besondere Magie.

Von hier aus regierten im 19. Jahrhundert die Romanows ihr riesiges Zarenreich. „Venedig des Ostens“ nannte man Sankt Petersburg schon bald. Ein urbanes Puzzle aus Meeresbucht und Inseln, aus Kanälen, Seen und triumphalen Palastfassaden.

Sankt Petersburg, Eremitage: Bild an Bild: die "Petersburger Hängung" in der Eremitage

Bild an Bild: die „Petersburger Hängung“ in der Eremitage

Auferstehungskathedrale im Moskowiter Stil

Einige Plätze ragen dabei heraus. Oder anders gesagt: Sie leuchten im winterfeuchten Nebel, der die Stadt wie durch eine angelaufene Scheibe weichzeichnet, besonders schön hervor. In Lichtblau, Kaisergelb und Ochsenblutrot. Aus Kareliens rötlichem Granit gebaut oder von zahllosen klassizistischen Säulen gerahmt.

Die Auferstehungskathedrale ist so ein Platz zum Niederknien, auch wenn die Zwiebeltürmchen im Moskowiter Stil daherkommen. Da wären noch das lichtblaue Smolny-Kloster oder die kleine Tschesme-Kirche. Das monumentale Ensemble am Isaaksplatz beherbergt mit der gleichnamigen Kathedrale einen der größten Kuppelbauten der Welt.

Sankt Petersburg im Winter: Sankt Petersburg bei Nacht: Stimmungsvoller Michailowski-Platz

Sankt Petersburg im Winter: Nachts herrscht eine stimmungsvolle Atmosphäre auf dem Michailowski-Platz

Glamour im Hotel Europe

Das „Belmond Grand Hotel Europe“ schrieb als erstes elektrifiziertes Hotel Russlands Geschichte. Es beherbergte Könige und in den Wirren der Oktoberrevolution Waisenkinder. Das Hotel lädt jeden Freitag zum Tschaikowsky-Abend. Wir löffeln Kaviar, genießen Stör und sehen den Schwanensee-Püppchen im Belle-Époque-Ballsaal beim Schweben zu.

Der gruselig spitze Glasdolch des Lakhta Centers, Europas größter Wolkenkratzer, sticht entgegen der ursprünglichen Planung in schönem Sicherheitsabstand durchs dunkelgraue Himmelsflanell. Das Comeback der legendären Stolovaya-Kantinen findet in Form moderner Ketten wie der „Stolovay No. 1 Kopelka“ neue Fans. Solche auf Nostalgie getrimmten Retrolokale tischen Menüfolgen à la Gogol auf oder beschwören mit dicker, saurer Soljanka-Suppe das bäuerliche Erbe des Riesenlands.

Sankt Petersburg: Die Metrostation Aktovo wurde 1955 eröffnet

Die Metrostation Aktovo wurde 1955 eröffnet

Delikatesstempel Jelissejew

Die historischen Delikatesstempel wie das „Jelissejew“ am feinen Newski-Prospekt platzen auch im Winter aus allen Jugendstilnähten. Schräger ist freilich der Soviet Style, der einem im „Kvartirka“-Keller erwartet: Auftoupierte Hausfrauen werfen hier vor Bambi-Wandteppich und Sputnik-Deko sauren Hering und Zwiebel ein.

Sankt Petersburg liebt diesen sinnlichen Spagat zwischen gestern und dem ungewissen Morgen. Das sieht man auch den angesagten Kreativzentren an. Auf der lange Zeit gesperrten Insel Neu-Holland wurde der ringförmige Ziegelbau des ehemaligen Marine-Gefängnisses aus dem Jahr 1830 nach sorgsamer Restaurierung in den Kulturkomplex „The Bottle House“ verwandelt.

Sankt Petersburg: Der welt­berühmte Feinkost-Tempel Jelissejew

Der welt­berühmte Feinkost-Tempel Jelissejew

Hipster-Cafés in der Golitsyn Loft

Näher beim Zentrum liegt der „Golitsyn Loft“. Ein halber Häuserblock am Fontanka-Kanal hat sich in ein verschachteltes Café-, Bar- und Szene-Labyrinth verwandelt, in dem gesurft wird oder Hip-Hop oder Poetry Slams zum Besten gegeben werden. Blasse Studenten arbeiten sich dort neben altmodischen Lampenschirmen durch dicke Schwarten.

Sich stundenlang wärmen, das kann man auch im bekanntesten Gebäude der Stadt. Um eine bescheidene „Einsiedelei“ für wenige Bilder, die dem Namen Eremitage gerecht worden wäre, handelte es sich dabei nur kurz. So zeichnet die rasante Vergrößerung des weltberühmten Museumskomplexes wohl auch den schnellen Aufstieg von Sankt Petersburg zu einer der prächtigsten Residenzstädte Europas nach.

Sankt Petersburg: Ein Wahrzeichen von Sankt Petersburg: Markantes Grün und Weiß prägen die Fassade des 1762 fertiggestellten Winterpalasts

Ein Wahrzeichen von Sankt Petersburg im Winter-Look: Der grün-weiße Winterpalast aus dem 18. Jahrhundert

Publikumsmagnet Eremitage

Eigentlich ist Sankt Petersburgs Hauptattraktion eine Stadt in der Stadt. Rund 2.500 „Ermitaschniki“ kümmern sich um fünf Millionen Besucher pro Jahr. Im Prinzip geht die atemberaubende Show bereits außerhalb des Gebäude-Konvoluts los: mit den zehn stämmigen Marmor-Atlanten an der schmalen Millionnaia-Straße, die ein wahrhaft eklektizistisches Bauwerk stemmen.

Der einst von Zarin Katharina als Residenz genutzte Winterpalast, von dem aus die Romanows Russland regierten, hält da mühelos mit: Meterhohe Malachitvasen, Tischplatten aus Lapislazuli, riesige Kristalllüster und mit Blattgold versehene Säulen verdichten den imperialen Prunk des ehemaligen Zarenreichs. Russlands sprichwörtliche Maßlosigkeit überrollt Besucher in der Eremitage auf ganz besondere Weise, als Springflut in Pastell und Öl, aus Marmor und Blattgold. Für die hier gewählte Präsentation mit besonders dicht und eng gereihten Bildern haben die Fachleute einen eigenen Begriff: Petersburger Hängung.

Sankt Petersburg im Winter: Isaakskathedrale: Unter der über 100 Meter hohen, vergoldeten Riesenkuppel ist Platz für 10.000 Menschen

Sankt Petersburg im Winter: Unter der über 100 Meter hohen vergoldeten Riesenkuppel der Isaaks-Kathedrale ist Platz für 10.000 Menschen

60.000 Exponate in 365 Sälen

Manche Exponate und Details ragen dabei heraus. Da wäre das architektonische Prunkstück der Jordan-Treppe aus weißem Carrara-Marmor, über die Russlands Zarenfamilie jeden Jänner Richtung Newa schritt, um barhäuptig dem winterlichen Fest der Wasserweihe beizuwohnen. Da wäre das mechanische Wunderwerk der bald 250 Jahre alten Pfauenuhr, die pünktlich zur vollen Stunde in Gang gesetzt wird: Dann verdreht die Eule den Kopf, kräht der Hahn und schlägt der Pfau sein Rad.

Doch viel Zeit für die vom Grafen Potjomkin eingefädelte Akquise bleibt in der Regel nicht. Fast drei Millionen Objekte lagern im Mega-Museum. Gezeigt werden „nur“ 60.000. Mehr passen in die 365 Säle der vier miteinander verbundenen Gebäudeteile beim besten Willen nicht hinein. Abgesehen von archäologischen Funden ergibt das die neben  Louvre und  Prado bedeutendste Sammlung klassischer europäischer Kunst.

Sankt Petersburg: Unterwegs im „Kreativ-Zentrum“ Golitsyn Loft

Unterwegs im „Kreativ-Zentrum“ Golitsyn Loft

Von van Gogh bis Kandinsky

Die Bandbreite der gezeigten Werke ist atemberaubend: die größte Matisse-Sammlung außerhalb Frankreichs, Hauptwerke von Vincent van Gogh und Pablo Picasso, Wassily Kandinsky und natürlich die impressionistischen Modernismus-Pioniere Cezanne, Monet, Manet, Sisley oder Gauguin.

Vor den schlecht geputzten Fenstern schimmert der Schnee. Der Wind treibt ihn in glitzernden Fäden über den weiten Schlossplatz. Dem Gesamtkunstwerk Sankt Petersburg begegnet man auf Schritt und Tritt. An diesem Abend gelingt es mir besonders schön: von der Rotunde der Isaakskathedrale sieht die Postkarten-City wie ein aufgezogenes Leporello aus.

Sankt Petersburg im Winter: Blick aus der Jugendstil-Buchhandlung „Singer-Haus“ auf den Newski-Prospekt …

Sankt Petersburg im Winter: Blick aus der Jugendstil-Buchhandlung „Singer-Haus“ auf den Newski-Prospekt …

Am anderen Newa-Ufer

Von Sowjet-Ära-Cafés und Kolchosen-Kantinen war bereits die Rede. Von Dostojewskis Heumarktviertel noch nicht. Der erdige Charme der historischen Markthalle am Kutznetschnyi Rynok an der Wladimirkathedrale mit Bergen aus Obst, Gemüse und Gewürzen sowie den Honigverkäuferinnen ist keine schlechte Option.

Dies gilt auch für den Besuch der Petrograder Seite am anderen Newa-Ufer. Eine mit türkisen Kacheln verzierte Moschee findet sich dort und später das ausgestopfte Hündchen Laika, das als erstes Lebewesen im Weltall Raumfahrtgeschichte schrieb. Aber irgendwie wollen die Triebwerke und Kosmonautenanzüge des technischen Mini-Museums am Eingang zur Peter-und-Paul-Festung nicht so recht zum Sankt Petersburger Bouquet passen.

Ich entscheide mich für einen letzten, verbotenen Spaziergang auf der zugefrorenen Newa. Einmal um den Panzerkreuzer „Aurora“ herum, den Eisfischern und Hundehaltern hinterher. Irgendwann wird aus Weiß Unsichtbar, als ob man hinter dem Rand einer Postkarte ins Bodenlose stürzt. Spätestens dann musst du ans Ufer zurück!

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Info Sankt Petersburg

Anreise nach Sankt Petersburg

Direkt zum Pulkovo Airport mit Lufthansa in zwei Stunden und 45 Minu­ten, Ticket ab 230 Euro. Weitere Dienste mit Swiss oder Ae­roflot. lh.com | swiss.com | aeroflot.com

Übernachten

Hotel 3Mosta Sympathisches Vier-Sterne-Boutiquehotel in zentraler, aber ruhiger Lage. Kleine, blitz­saubere und gemütliche Zimmer mit King-Size-Betten. Vom „Supe­rior View Room“ in der Mansarde hat man die ikonische Auferstehungskathedrale im Blick. DZ ab 50 Euro. 3mosta.com

Belmond Grand Hotel Europe Eine Institution. Hier trabt die Pe­tersburger Society zum 30-Meter-Buffet des Sonntags-Brunch an. Französisch inspi­rier­te Zimmer. Grandioses Hotel-Restaurant. DZ ab 165 Euro. belmond.com

Web

Tourismusbüro Sankt Petersburg saint-petersburg.com


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Über diesen Autor

Robert Haidinger

Robert Haidinger

Seit drei Jahrzehnten Foto-Nomade mit Ankerplatz Wien mit extremer Reiseerfahrung. Er arbeitete in bislang über 80 Staaten und auf fünf Kontinenten. Der Schwerpunkt dieser Reisetätigkeit liegt neben Afrika und Zentralamerika vor allem im kulturell so komplexen Asien. Langzeitaufenthalte in Japan, China, Sri Lanka und Indien machen ihn zum Spezialisten dieser Region. Seine Arbeiten werden von der Kölner Agentur Laif vertreten. „Meine fotografische Arbeit wird von unterschiedlichen Welten geprägt, die im Idealfall miteinander kommunizieren. Zum einen wäre da die Sensibilisierung auf moderne Lifestyle-Codes, geschärft durch langjährige Arbeit in den Bereichen Design und Architektur. Das Eintauchen und Verstehen fremder Kulturen setzt wiederum eine ganz andere Form von Erfahrung voraus – erworben durch Jahrzehnte lange intensive Kontakte auf allen gesellschaftlichen Ebenen Asiens. Heute fühle ich mich dort wie ein Fisch im Wasser. Zugleich führen mich immer wieder Reportage-Reisen an die „Last Frontier“: Besondere und oft raue Orte am Rande der globalisierten Welt, die eine besondere Form der Annäherung bedürfen. In unverbrauchten Weltregionen wie Mosambiks Norden oder Australiens Arnhem Land relativieren sich unsere Vorstellungen von Normalität.