Länderberichte

Finnland | Willkommen im Männer-Schutzgebiet

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Wir erkundeten im winterlichen Lappland das Wesen der
wahren Saunakultur – und der finnischen Seele. In den
Nebenrollen: delikate Rentiere, lärmende Skidoos, ein
paar Birkenbündel, Saunawürste und Eisbadelöcher. So
eine Sauna-Pilgerfahrt ist etwas Wunderbares!

Saunaregeln?“ Juha starrt mich ungläubig an, grinst dann über das ganze Gesicht. „Meinst du das ernst? Bei uns gibt es keine Regeln. Jeder macht, was und wie er will.“ Juha schüttelt ungläubig den Kopf und schleudert drei Kellen Wasser auf den Ofen. Da geht ein feucht-heißer Sturm durch die alte Sauna mitten im Wald.

Sind in Deutschland Saunabesuche meist ein Mix aus Kasernenhof, Sanatorium und Zentralfriedhof, sieht das in Finnland ganz anders aus. Prall. Le­ben­dig. Fröhlich. Und mit kleinem Hicks. In der finnischen Sauna tobt das Leben – eigentlich ist es eine überheizte Kneipe, ein bestens temperierter Salon. Sauna ist übrigens das einzige Wort, das Finnland in die Welt exportiert hat. Im Gegenzug dazu wurden deutsche Begriffe wie Besserwisser und Kitsch importiert …

Männer, auf nach Finnland!

Man isst Würstchen, trinkt Bier während und nach den Sauna­gängen. Fröhlich tropft der Schweiß aufs Holz der Bänke, keiner käme die Idee, sich ein Handtuch unter die Füße geschweige unter den Hintern zu legen. Für letzteren tut es ein Stück Wegwerfkrepp. Im vorgelagerten „Ruheraum“ von Juhas Rauchsau­na wird laut gelacht, gescherzt, gekalauert, dass die Männerbrüste wippen. Scheiß auf Kontempla­ti­on!

Juha, der Besitzer des Ski-Resorts "Iso-Syöte" hat uns in seine private Rauchsauna eingeladen – mit immens vielen Aufgüssen heizt er der Gruppe richtig ein

Juha, der Besitzer des Ski-Resorts „Iso-Syöte“, hat uns in seine private Rauchsauna eingeladen – mit vielen Aufgüssen heizt er der Gruppe gewaltig ein

Keine Räucherkerzen, keine esoterische Shanti-Musik aus Boxen, keine Blütenarrangements oder Klangschalen. Wellness auf Finnisch ist auf das Maximum reduziert – ein Loch im Eis, Schnee und die Stille des Waldes

Keine Räucherkerzen, keine esoterische Shanti-Musik aus Boxen, keine Blütenarrangements oder Klangschalen. Wellness auf Finnisch ist auf das Maximum reduziert – ein Loch im Eis, Schnee und die Stille des Waldes

Und dann ist da noch das Loch im Eis. Da geht es rein. Eiskalte zwei Grad. Juha, der Besitzer des Hotels „Iso-Syöte“, und die anderen sollen keinen Grund haben, über uns zu lachen. Also rein in die Eisbrühe, sich prustend in die Brust werfen und beschwören, dass das Ganze gar nicht sooooo kalt sei. Und zehn Sekunden länger drinbleiben …

Fette Würste, kaltes Bier

Juha hat schon in der Früh um acht mit dem Beheizen seiner Rauchsauna (=Savu-Sauna) begonnen, eine Tonne Steine wollen zum Glühen gebracht werden. „Zu heiß darf es nicht werden, sonst entzünden sich die Rauchgase und die Sauna brennt ab“. Es gebe in Lappland kaum eine Rauchsauna, die älter als 30 Jahre ist. „Stimmt“, wirft Juha ein, „manche sind schon drei- oder viermal abgebrannt.“

Tipp: Hier gibt es vier 360°-Panoramen und ein 360°-Video von der Saunatour

Durch die Öffnungen an den Seiten und die offene Tür zieht Stunden später der beißende Qualm wieder ab. Bevor die Schwitzwilligen kommen, schließt man die Tür wie­der und die über 1.000 Kilo glühend heißen Steine erhitzen den Raum im Handumdrehen auf 85 Grad.

„Bier, fette Würste, 30 Minuten Schwitzen und danach das Eisloch – das muss doch jedes Jahr Hun­der­te Finnen ins Jenseits schaffen, oder?“ Rauno, Juha und Antti beschwören, dass es so gut wie niemals zu Herzinfarkten komme. Dann pellen die drei ein paar Makkara-Würstchen aus dem Vakuumplastik und spießen sie auf einen Ast.

Kaminofen auf, Würste rein, bis die Pelle platzt und die Dinger höllenheiß dampfen, gern etwas angekokelt. Senf und Ketchup drauf und runter damit, nachgespült wir mit ein, zwei kalten Bier. Willkommen im Männerschutzgebiet! Hier wird Ungesundes geges­sen, geschwitzt und gebrüllt. So eine Saunatour in Finnland, das ist eine Art Männerschutzgebiet.

Delikates Rentier-Sashimi

Szenenwechsel. 230 Kilometer weiter im Norden sitzen wir an einem Lagerfeuer im Wald. „Hannu zerlegt ein Rentier in zehn Minuten, komplett“, raunt mir Ari Talusén zu. Der Rauch brennt in den Augen, Hannu Lahtela brät „Finnish Fast Food“: dünnste Scheiben vom Rentier, eine Minute gebra­ten,  mit den Fingern aus der Pfanne in den Mund – zergeht auf der Zunge. Fast wie das rohe Rentier-Sashimi, das wir zuvor genießen. „Klunssi ist das beste Stück vom Rentier, das ist ein handballengroßer Part unterhalb der Lende, unfassbar gut und sehr teuer.“ Hannu serviert uns die Klunssi mit Teriyaki-Soße – großartig.

Der berühmte Rentier-Metzger Hannu Lahtela (von links), Reporter Peter Pfänder, Camp-Betreiber Ari Talusen und ein Freund von Hannu

Der berühmte Rentier-Metzger Hannu Lahtela (von links), Reporter Peter Pfänder, Camp-Betreiber Ari Talusen und ein Freund von Hannu

Der stille Kerl ist in Finnland eine Berühmtheit. Nicht nur, weil er den großen Köchen des Landes erklärt, was die besten Stücke am Trughirsch sind, und  weil er Jahr für Jahr viele Hundert der fast 5.000 Rentiere im Aufzuchtbereich Pohjois Sallan Paliskunta kunstgerecht ins Jenseits beför­dert. Hannu beliefert die besten Restaurants Finnlands mit Fleisch und Salami – und den Starkoch Markus Maulavirta.

Vom Sternelokal in die Wildnis

Markus kochte zuletzt im „Ilmatar“, dem wohl besten Lokal Helsinkis. Stieg dann aus, um am Arsch der Welt mit Ari Talusén das Wilderness-Camp „Arctic Aihki“ (Claim: no nonsense, no noise) zu gründen. Ein großes Blockhaus-Cottage, ein See, eine über 50 Jahre alte Saunahütte und eine traditionelle Grillhütte, Kota genannt. Dazu gibt es Angeltrips, Bärenjagd (!) oder Yoga im Wald – das breite Angebot reicht von Ommm bis blutig-naturburschikos.

Als Rentierzüchterin und Aushilfsköchin Raisa die Delikatesse des Abends serviert, wird klar: Das trendige „from nose to tail“ haben keine tätowierten und Hipster-Bart tragenden Szenemetzger aus Berlin oder New York erfunden, sondern die Lappen. „From tongue to tail“ heißt es hier. Hannu schwört, dass sich Finnen um das letzte Stück Rentierzunge prügeln würden. Gut. Meine Sache ist es nicht …

Zum echten finnischen Sauna-Erlebnis wie hier im Camp "Arctic Aihki" gehört das Abkühlen im Eiswasser – und natürlich Bier und Grillwürste. Für Peter Pfänder alles ein Vergnügen

Zum echten finnischen Sauna-Erlebnis gehört das Abkühlen im Eiswasser – und natürlich Bier und Grillwürste. Für Peter Pfänder ein nahezu unschlagbares Vergnügen

Zwischen Lagerfeuer und ein Hirtensuppe passt eine ordentliche Saunarunde. Wir durften Späne schnitzen, den Saunaofen und den Waschwasserkessel mit Holz beheizen, dann so lange schwitzen, wie wir wollten. Dreimal zog eine kleine Prozession von Wollsocken tragenden Wohlstandsbäuchen zum Eisloch und wieder zurück auf die Veranda. Zeit für ein Bier.

Niemals ohne Wasta, basta!

Mit dem Birkenzweigbündel „Wasta“ wurden nach Leibeskräften Schultern, Rücken und Oberschenkel gepeitscht. „Wenn man die Zweige zu Mittsommer schneidet und dann trocknet, halten sie ein, zwei Jahre!“ „Igitt!“, entfährt es mir, „da hängt also der Schweiß von beinahe 400 Saunagängen drin, Ari?“ Der grinst. „Wir tauchen die  immer wieder ins Wasser und legen sie zur Desinfektion auf die Saunasteine.“ Glauben wir mal dran … Alle drei, vier Minuten gibt es einen Aufguss, Löyly genannt. Ari: „Meist nehmen wir drei Kellen, für die Heilige Dreifaltigkeit.“

Die Sauna im Wildneress Camp "Arctic Aihki" hat schon über 60 Jahre. Ihr Ruheraum? Man sitzt im Freien davor in eiskalter Luft nackt auf Rentierfellen und starrt in den Nachthimmel. Dazu gibt es ein Bierchen

Die Sauna im Wilderness Camp „Arctic Aihki“ hat schon über 60 Jahre auf dem Buckel. Ihr Ruheraum? Man sitzt im Freien auf Rentierfellen und starrt in den Nachthimmel. Dazu gibt es – ein Bierchen

Treiben lassen im Eiswasser

Unsere Saunatour in Finnland geht weiter. Zwei Autostunden vom Camp „Arctic Aihki“ erreichen wir  Ruka. Dort treffen wir nach unserer Sauna-Tour den Outdoor-Guide Aapo. Dick verpackt in Overalls und Neopren legen wir uns in den Fluss Kivekoski. Das klingt nach einem unsinnigen  Outdoor-Action-Blödsinn, wirkt aber enorm entspannend. Man treibt den Fluss hi­nab, wird von der Strömung sacht gedreht. Über uns schwerer, grauer Himmel und die Spitzen der Nadelbäume. Es kluckst und kluckert. Sonst nur Stille.

In der nähe des Wintersportorts Ruka fließt der Fluss Kivekoski. Beim "rapid floating" lässt man sich dort für 15, 20 Minuten von der Strömung mitziehen

In der Nähe des Wintersportorts Ruka fließt der Fluss Kivekoski. Beim „rapid floating“ lässt man sich dort für 15, 20 Minuten von der Strömung mitziehen

Da kommt man schnell ins Grübeln, während sich das Eiswasser seinen Weg durch den Kragen sucht. Etwa darüber, wie das deutsche Wort Besserwisser seinen Weg ins Finnische gefunden haben mag. Und über Poronkusema: Das „Pissen des Rentiers“ ist die Distanz (rund sieben Kilometer), die ein Rentier zwischen zwei Pinkelpausen zurücklegen kann. Und Poronkusema gilt hier im Norden als offizielle Weglängen-Maßeinheit. Darauf heute abend einen Terva Snapsi. Der berüchtigte Holzteerlikör ist so eine Art Rauchsauna zum Trinken. Kippis!


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INFO SAUNATOUR

Arctic Aihki

N 67 18.119, E 29 23.853
Schönes Blockhaus mit zehn Zimmern, mehr als 30 Kilometer von der nächsten Teerstraße gele­gen. Am kleinen Kenttälampi-See warten eine alte Sauna und viel Wildnis vor der Tür. Zwei-Tage-Package mit drei Übernachtungen, VP vom Feins­ten, Sauna, Hiking, Fischen, Rudern und Lager­feuer für 750 Euro/Person. Touren werden von den zertifizierten Wilderness Guides Ari Talusén oder Markus Maulavirta geführt.

Iso-Syöte

Großer Hotelkomplex auf dem Skiberg mit toller Aussicht. Angeboten werden unter anderem Skidoo-Touren. Gute Küche. Tipp: eines der 20 rustikalen Kelo-Cottages mit eigener Sauna und offenem Kamin buchen. Kelo für zwei Personen mit Frühstück ab 150 Euro.

Rapid Floating

Verpackt in einem Trockenanzug lässt man sich bei Ruka den Fluss hinab­treiben – 2 x 15 Minuten kosten ab 75 Euro.

Sauna Tour

Ruka Safaris bietet Saunatouren in Kleingruppen an, nach dem Motto „treat yourself the arctic way“. Man fährt im Bademantel von Privatsauna zu Privatsauna – ein heißes Vergnügen, für das insgesamt neun Saunen zur Auswahl stehen. Preisbeispiel: Ultimate Sauna Tour mit fünf Saunen, Guide, Transfers, Snacks, Badetüchern und Sauna-Yoga-Paket für sechs Personen ab 5.250 Euro. Kleine Saunatour mit Pyhäpiilo-Sauna und Ice-Sauna am Ufer des Pyhäjärvi-Sees 99 Euro pro Person bei mindestens vier Teilnehmern. Buchungen und individuelle Angebote je nach Bedarf, Interesse und Ausdauer am besten direkt per Mail bei der Sauna-Elfe anfragen unter eveliina@rukansalonki.fi

Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch? 10.000-km-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten in während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „abenteuer und reisen“ liebt fremde Ufer und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up Paddling, auf dem Bike und in der Sauna.

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