Länderberichte

Schottland | Whisky-Inseln Islay und Jura

Schottland Insel Islay Ardbeg Whisky Brennerei Fässer
Thomas Linkel
Geschrieben von Thomas Linkel

Zwischen Schottland und Irland liegen die Inseln Islay und Jura. Sie zählen bei gerade mal 3.500 Einwohnern zehn bekannte Whisky-Destillerien und eine neue Gin-Destillerie!

Der Himmel über Finlaggan trug dunkle Wolken, als Somerled, the King of the Isles, im Spätwinter des Jahres 1164 in voller Kampfausrüstung auf die Holzplanken seines Langschiffes sprang. Kurze Zeit später tauchten 30 Ruder gleichzeitig in die See, das Rahsegel wurde aufgezogen und blähte sich im Wind. Als sich Somerleds Schiff einige Tage später dem schottischen Festland näherte, folgte ihm eine Flotte von 163 Booten, besetzt mit 15.000 Männern, die auf reiche Beute aus waren.

Somerled hatte geschafft, was vor ihm viele versuchten, aber niemand erreicht hatte: Mit seinen Langbooten beherrschte er die Hebriden und das Meer zwischen Schottland und Irland. Er war weder dem schottischen noch dem norwegischen König untertan. Durch geschickte Kriegsführung und strategische Hochzeiten hatte er Unabhängigkeit erlangt. Sein Machtzentrum war die Insel Islay.

Islay Whisky – Torf macht ihn einzigartig

Februar, 855 Jahre später. Zwischen Wiesen und Schilf schlängelt sich der Pfad von einer Anhöhe hinunter zum Loch Finlaggan und führt dann über eine Holzbrücke auf die Insel Eilean Mòr. Ein stürmischer Wind wühlt das graublaue Wasser des Sees auf und treibt Regenschleier übers Land. Von der Bedeutung Finlaggans im Mittelalter zeugen nur noch einige Mauer- und Grabreste.

Schottland Insel Islay Bunnahabhain Whisky Brennerei Dram

Destillerie Bunnahabhain: In sogenannten Drams wird Single Malt zur Verkostung ausgeschenkt

Schottland Insel Jura Blick auf Islay Berge

Blick von Islay auf die Nachbarinsel Jura mit den Paps of Jura

Die Bedeutung Islays schwand über die Generationen, und die Insulaner lebten vom Fischfang, Landwirtschaft und Schmuggelei. Islay geriet in Vergessenheit, bis irische Mönche im 14. Jahrhundert erkannten, dass die Insel gute Bedingungen für das Whisky-Brennen bot: Weiches Wasser stand ausreichend zur Verfügung, die Inselbewohner bauten „bere“ an, Gerste. Für brennbares Material sorgten Torfvorkommen. Auch heute noch verleihen sie den Islay-Whiskys einen charakteristischen rauchigen Geschmack, wie dem Octomore von Bruichladdich, dem Laphroaig oder Ardbeg An Oa.

Schottland Insel Islay, Rhinos of Islay Portnahaven Hafenort

Portnahaven: Hafenort auf der Insel Islay

Verkostung im Wohnzimmer-Pub

Bei gutem Wetter soll von der Halbinsel Rhinns of Islay aus Irland zu sehen sein – aber nicht heute. Im Süden liegt die kleine Kilchoman Distillery. Drei Kilometer weiter wird die Straße zum Feldweg und endet kurz danach auf einem Parkplatz zwischen Sanddünen. Dahinter zeichnet sich der lange Sandstrand der Machir Bay ab.

Schottland Insel Islay Rhinos of Islay Macher Bay Strand

Lang, weit und windig: Die Macher Bay auf der Insel Islay

Auf einem Dünenkamm setze ich mich kurz hin. Unablässig schiebt der Atlantik Wellen an den Strand, Regen kommt und geht – Zeit für einen guten Schluck Whisky! Ganz im Süden der Rhinns of Islay schmiegen sich die Häuser von Portnahaven in die Hügel oberhalb des Hafens. Musik dringt auf die Straße. Der Pub „An Tigh Seinnse“ sieht von außen wie ein Wohnhaus aus, besteht aus einem Zimmer und führt eine gute Auswahl Spirituosen. Ich ordere einen „Dram“ – so nennen sie hier ein kleines Glas Whisky.

Spekulationsobjekt Single Malt

Die Mehrzahl der Touristen auf Islay trinkt ihre Drams in den Besucherzentren der Whisky-Destillerien und sorgt in den angeschlossenen Shops für gute Umsätze. Das typisch rauchige, manchmal als torfig beschriebene Aroma der Islay-Destillate ist, anders als früher, längst nicht mehr vorherrschend. Es gibt inzwischen Whiskys für jeden Geschmack: von ölig bis nussig, von süß bis erdig, Kombinationen aus allem inklusive.

Schottland Insel Islay Landschaft Hügel

Schottlands Insel Islay: Grünes Idyll mit salzhaltiger Luft

„Das Geschäft hat sich geändert, weil die Asiaten unseren Whisky entdeckt haben“, erzählt David, der bei Bunnahabhain die Führungen macht und im Warehouse No. 9 Drams ausschenkt.

Einige Single-Cask-Abfüllungen seien bereits verkauft, bevor sie irgendjemand probiert habe. Single Malt Whisky sei für zahlreiche Menschen zu einem Spekulationsobjekt geworden. Im Lagerhaus stehen um die 20.000 Eichenfässer. Das größte Problem sei, so David, gute Sherryfässer, in denen der Whisky gelagert wird, zu bekommen. Viele der Lagerhäuser seien bis zum Anschlag gefüllt, in Schottland würden im Moment ungefähr 20 Millionen Fässer mit Whisky gelagert, die Branche produziere am Limit.

Newcomer: Gin von der Insel Jura

Und seit einiger Zeit haben die Destillerien ja auch den Gin wiederentdeckt, der den Vorteil hat, dass er nicht wie die Single Malts mindestens drei Jahre gelagert werden müsse. „Fast money“, sagt David, aber wir lassen uns Zeit … bei einem zwölf Jahre gereiften, rötlich schimmernden und nussig-fruchtigen Dram.

Schottland Insel Jura Jura Hotel Claire Fletscher Lussa Gin

Claire Fletcher ist eine der Gründerinnen der Lussa Gin-Destillerie auf der Insel Jura

Schottland Insel Islay Rhinos of Islay Portnahaven Pub An Tigh Seinnse

Portnahaven auf Islay: Ein Pub wie aus dem Bilderbuch ist „An Tigh Seinnse“

„Ja, das ist ein Vorteil für uns“, sagt Claire Fletcher, „große Lagerkapazitäten haben wir ja nicht. Und so wird kein Geld gebunden. Wir destillieren, füllen ab, labeln, verpacken und dann verschicken wir unseren Gin.“ Aus 15 einheimischen Kräutern und Pflanzen sowie Alkohol und Wasser besteht ihr Gin. Neben Wacholder enthält die Rezeptur unter anderem Seegras, Koriandersamen, wilde Minze und Zitronen-Thymian.

Jura, kleiner Nachbar von Islay

Claire produziert zusammen mit ihren beiden Freundinnen Alicia und Georgina im Jahr ungefähr 7.000 Flaschen ihres Lussa Gin – am Ende der einzigen Straße auf Jura, einer kleinen, bergigen Insel gegenüber von Islay. Die Fähre über den Jura-Sund benötigt gerade mal zehn Minuten. 250 Einwohner und mehr als 4.000 Stück Rotwild teilen sich das raue Eiland.

Claire, eine ehemalige Musikjournalistin aus London, treffe ich an der Theke des „Jura Hotel“, als sie bei den Barfrauen Ailsa und Sarah eine Kiste Gin abgibt. „Wir wollten es allen zeigen, die glaubten, drei Frauen könnten doch keinen Gin destillieren und erfolgreich verkaufen“, erzählt sie. Auch nach fünf Jahren sei das Unternehmen immer noch ein Abenteuer.

Schottland, Insel Islay Kildalton Chapel Kildalton High Cross keltisches Kreuz

Islay: Das keltische Kildalton High Cross stammt aus dem 8. Jahrhundert

Und wie ging eigentlich der Kriegszug von Somerled, King of the Isles, an Schottlands Küste aus? Dramatisch, wie so vieles in Schottlands Geschichte: Er soll, nachdem er auf dem Festland gelandet war, von einem Neffen verraten und umgebracht worden sein. Seine drei Söhne teilten den Besitz auf und trugen Somerleds Blut weiter. Umfangreiche DNA-Studien legen nahe, dass heute etwa 500.000 Menschen von ihm abstammen. Darauf einen Dram … oder einen Gin – ganz, wie Sie wollen.

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Info Islay

Hinkommen

Fähre im Sommer fünfmal täglich von Kennacraig in zwei Stunden nach Islay. Reservieren! Flug von Glasgow mit Loganair ab 235 Euro. calmac.co.uk | loganair.co.uk

Unterkommen

The Machrie Das zwischen Sandstrand und Golfplatz gelegene Hotel im Landhausstil ist das beste Haus am Platz. Hervorragende Küche aus regionalen Zutaten. DZ/F ab 160 Euro. campbellgrayhotels.com

Auf Jura empfiehlt sich das charmante, saubere „Jura Hotel“ (DZ/F ab 145 Euro) direkt neben der Jura Distillery. jurahotel.co.uk

Weitere Infos auf  visitscotland.com

 

 

Bildquellen

  • Whisky: © Thomas Linkel/laif
  • Blick auf Jura: © Thomas Linkel/laif
  • Portnahaven: © Thomas Linkel/laif
  • Rhinns of Islay: © Thomas Linkel/laif
  • Landschaft Islay: © Thomas Linkel/laif
  • Claire Fletscher: © Thomas Linkel/laif
  • Pub An Tigh Seinnse: © Thomas Linkel/laif
  • keltisches Kreuz: © Thomas Linkel/laif
  • Faesser in Whisky Brennerei: © Thomas Linkel/laif

Über diesen Autor

Thomas Linkel

Thomas Linkel

„Meine Neugier ist unstillbar.“
Nach einer fotografischen Ausbildung im Stilllife-Studio und dem Abschluss zum Diplomwirtschaftsgeograf arbeitet Thomas seit 15 Jahren für internationale Magazine in den Bereichen Reise, Reportage, Portrait und Architektur sowie für die Unternehmenskommunikation internationaler Kunden. Für seine Produktionen hat er über 100 Länder bereist.