Länderberichte

Schottland | Rendezvous mit Rentieren

Thomas Linkel
Geschrieben von Thomas Linkel

Männerrunde in den schottischen Highlands. Fleisch. Bier. Schweiß. Und ein Monster.

Sollte Lochan Dubh a’ Chadha wirklich der Endpunkt unzähliger Abenteuer und Reisen sein? Waren die Cairngorm Mountains in den schottischen Highlands ein guter Ort, um zu sterben? Gab es überhaupt einen „guten“ Ort dafür? War es nicht absolut würdelos, wie eine Pellwurst in einem Schlafsack zu stecken und sich nicht befreien zu können, weil der verdammte Reißverschluss klemmte? Während es vor dem Zelt tierisch schnüffelte und scharrte?

Survival Training

Die schottischen Cairngorms sind etwas für Leute mit Weitblick

Auf der dreistündigen Taxifahrt vom Flughafen Aberdeen durch das Tal des Spey – leider ging es ohne Stopp vorbei an den berühmten Whisky-Destillerien Glenlivet, Aberlour und Glenfiddich – erzählte Fahrer Peter von einer großen, dunklen Raubkatze, die er erst einige Tage zuvor am Straßenrand gesehen hatte. „Nichts Einheimisches und viel, viel größer als jeder Hund!“, schwor er. Und schob seine düstere Vermutung gleich hinterher: Bis zur Verschärfung der Haltungsauflagen in den 1970er-Jahren hielten sich einige von denen, die es sich leisten konnten, zum Spaß Großkatzen und andere exotische Wesen auf ihren ausladenden Anwesen entlang des Flusses Spey.

Kochen am Feuer

Mann konzentriert sich auf das Wesentliche: Kochen am Feuer

Um den schließlich strenger werdenden Vorschriften zu entgehen, entließen sie die Tiere einfach in die Einsamkeit der schottischen Highlands. Deshalb müsse man hier immer auf gefährliche Großkatzen gefasst sein, die hungrig über die Berge streiften. Und deshalb, so schloss Peter seinen Vortrag, sei bei Wandertouren ein Gewehr von Vorteil.

Huhn in der Nase, Tiger im Ohr

Klarer Fall: Irgendeines dieser Raubtiere schlich nun um mein Zelt, vermutlich angezogen von den Resten des gefriergetrockneten „Madras-Huhns“, das ich am Abend über meinem Kocher zubereitet hatte: Wasser kochen, Tüteninhalt einrühren, sechs Minuten ziehen lassen – fertig war die gelbliche Pampe. Schmeckte ganz passabel. Aber den Topf stellte ich ungespült ins Vorzelt. Beim Einschlafen hatte ich deutlich das Gefühl, in Madras-Huhn-Odeur zu liegen. Und jeder Bengal-Tiger liebt Madras-Huhn, das ist doch allgemein bekannt. Das Schnüffeln jedenfalls wurde immer lauter – und war jetzt ganz nah an meinem Ohr.

Guide Neil

Guide Neil, hauptberuflich Soldat im Kriseneinsatz, erklärt den Teilnehmern, wie man Wasser trinkbar macht. Damit die nicht die Krise kriegen

Warum war das Vieh nicht am vergangenen Nachmittag gekommen, als wir, eine Gruppe Journalisten, unter schottischen Kiefern und hohen Norwegenfichten Feuer entfachten und herrliches Rentiergulasch brutzelten. Wir hätten einem hungrigen Tiger selbstverständlich einen Happen davon abgegeben. Vielleicht hätte ich ihm auch einige Rentierwürste gebraten. Noch nie hatte ich so viel Spaß am Outdoorkochen wie mit diesen neuen Gaskochern.

Warnschild

Warnung vor gefährlichen Rentierbullen!

Weil die Hitzeübertragung in Pfannen und Töpfen optimiert ist und man schnell in sprudelndes Wasser blickt. Mit meinen – zugegebenermaßen doch etwas veralteten – Gerätschaften dauert das so lange, dass ich währenddessen immer bequem lesen kann, aber in nördlichen Gefilden oft fluche, wenn ich ganz schnell einen heißen Tee brauche, weil ich vom langwierigen Zeltaufbau durchgefroren bin.

Kiefernnadeln, mit Ameisen garniert

Der Tiger hätte uns auch beim Feuermachen übertölpeln können. Jeder aus unserer Gruppe kniete nach einer „Wie mache ich Feuer mit fast nichts“-Einführung unserer Survival-Guides vor Häufchen aus Baumbärten und dünner Birkenrinde und schabte konzentriert mit Feuerstartern, um Funken zu erzeugen. Wer nicht genügend Reisig gesammelt hatte, dem erstarb das mühsam geschlagene Feuerchen bereits nach kurzer Zeit. Aber ich hatte einen Astberg zusammengesucht und ließ es mir nicht nehmen, über meinem prächtigen Feuer English Black Tea zu brauen, was Guide Peter mit breitestem schottischem Akzent kommentierte, ich aber nicht richtig verstand.

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Am Lochan Dubh a’ Chadha gefällt es Mensch und Tier – auch wenn hier wenig los ist. Oder gerade deshalb

Vor meinem Zelt scharrte das Untier weiter, der Reißverschluss klemmte noch immer, und ich erinnerte mich, wie  unsere kleine Gruppe am Tag aus dem Caledonian Forest hinaus auf einen windumtosten Hang wanderte. Alle bepackt mit großem Rucksack, aber vom Rentiergulasch mit frischen Kräften ausgestattet. Ich kaute auf Kiefernnadeln, um meinen Vitamin-C-Vorrat aufzustocken, und dachte an die frischen Weidenblätter, die ich gesammelt hatte, um einen natürlichen Aspirin-Ersatz dabeizuhaben.

Graham

Guide Graham zeigt, wie man ohne Feuerzeug oder Zündhölzer ein Feuer macht

Wäh­rend ich weiter bergauf stieg und kaute, vermischte sich der Kieferngeschmack mit der Säure von Ameisen, die wir an einem Ameisenhügel verspeist hatten. „Mehr Vitamin C und exzellent für das Würzen von Fischgerichten“, verkündete Peters Guide-Kolle­ge Neil, ein Mann, der zum Spaß Survival-­Touren führt, sonst aber als Soldat in Krisen­gebieten unterwegs ist.

Survivaltraining in den Highlands

Vermutlich wartete das Raubtier auch ab, weil es auf dem baumlosen Hang keine Deckung gab und es mit drei nahkampferprobten Survival-Spezialisten wie Neil, Peter und Graham hätte ruppig werden können. Die großen Messer an deren Gürtel konnten dem Ungeheuer nicht entgangen sein. Aber diese Tiere sol­len ja unglaublich geduldig sein und das braucht man auch in der Wildnis. Egal, ob beim Wandern, Feuermachen oder bei der Wasseraufbereitung.

Rentier

Vor 10.000 Jahren auf den britischen Inseln ausgestorben, leben heute wieder rund 130 Rentiere in den nordschottischen Bergen

Eine Einführung darüber erhielten wir am Ufer des unaussprechlichen Sees Lochan Dubh a’ Chadha. Es wurde bereits dunkel, der Wind pfiff unangenehm, die Temperatur war bis an den Gefrierpunkt heruntergerutscht, die Zelte waren aufgebaut, aber zum Kochen benötigten wir frisches Wasser. Neil erklärte, während wir bibbernd mit roten Nasen um ihn herumstanden, seelenruhig alle Möglichkeiten von Silber-Ionen mit Chlor über Pumpen mit Aktivkohlegranulat bis zum Abkochen. „Big bubbles, no troubles“, hörte ich Neil sagen, wobei meine Zähne heftig klapperten. Wir durchgefrorenen Weicheier wären dem Tiger wohl zum Opfer gefallen, aber da waren ja noch die Survival-Schotten. Darum hatte sich der Tatzenträger wohl auch da nicht gezeigt. Clever!

Showdown im Morgengrauen

Endlich löste sich der Reißverschluss und ich suchte im Zelt nach Hose, Mütze, Handschuhen und Jacke – gut gekleidet verscheucht sich ein Untier bekanntlich leichter. Ein Schatten wanderte über die Zeltwand und ich griff zum Essbesteck. Neil meinte doch, auch ein Löffel könnte zum Überleben nützlich sein. Als ich das Zelt vorsichtig öffnete, zitterten meine Hände. Dann sprang ich hinaus, stolperte über eine Abspannleine, die glücklicherweise (weil Hightech) einen Zug von 160 Kilogramm aushält und so auch mich. Als ich nach dem Sturz mein Gesicht über die Grasnarbe hob, sah ich am Horizont die Morgendämmerung.

Beginn des Tags

Der Tag kann kommen in Groß­britanniens größtem Nationalpark mit knapp 280 Kilometern Wanderwegen

Wildgänse zogen schnatternd gen Süden. Auf dem Schwarzen See der Fische, denn nichts anderes heißt Lochan Dubh a’ Chadha, schwebte eine Nebelbank wie ein umgedrehter Topfdeckel. Den Berg gegenüber traf ein roter Sonnenstrahl. Leise Schritte näherten sich von hinten, ein Schnüffeln ließ mich erstarren. Ich pfiff auf alle Survival-Tricks, drehte mich um und schaute in die dunklen, großen Augen eines Rentiers mit puscheliger Schnauze.

 


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Über diesen Autor

Thomas Linkel

Thomas Linkel

„Meine Neugier ist unstillbar.“
Nach einer fotografischen Ausbildung im Stilllife-Studio und dem Abschluss zum Diplomwirtschaftsgeograf arbeitet Thomas seit 15 Jahren für internationale Magazine in den Bereichen Reise, Reportage, Portrait und Architektur sowie für die Unternehmenskommunikation internationaler Kunden. Für seine Produktionen hat er über 100 Länder bereist.

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