Länderberichte

Seattle | Liberal, lässig, locker!

Manuela Imre
Geschrieben von Manuela Imre

Die „Rainy City“ im Nordwesten der USA mag oft in Wolken
und Nieselregen versinken. Trübsal bläst aber trotzdem
keiner. Dafür gibt es in der sympatischen Metropole zu viel
zu entdecken – vor allem was Kunst und Musik angeht

Während es vor ein paar Minuten noch wie im Bienenstock gebrummt hat, scheint nun die Luft im Raum stillzustehen. Jeder scheint von der Präsenz Dale Chihulys aus der Bahn geworfen. Der Meister geht langsam und etwas beschwerlich auf sein großes Werk zu, das mitten im dunklen Raum thront: ein meterhoher und lang gezogener Glasgarten aus breitblütigen Blumen und emporragenden Glashalmen in grell-intensiven Farben, die in dem Raum ohne Fenster noch intensiver leuchten.

Seattles berühmtester Künstler ist bodenständig nett, kein Anflug von Star-Allüren. Seit seiner Jugend bläst er Glasskulpturen, die Dimensionen und Farbverständnis sprengen. Seine oft meterhohen Konstrukte stehen in Museen auf der ganzen Welt, zierten das Weiße Haus und die britischen Royal Botanic Gardens.

Dale Patrick Chihuly mit seiner Frau

Dale Patrick Chihuly, Seattles berühmtester Künstler, mit seiner Frau

Wo am Morgen noch strahlend blauer Himmel über dem Glasdach schwebte, hängen dicht mausgraue Wolken. Das Wetter macht dem Spitznamen der Stadt – rainy city – alle Ehre. Es  nieselt oder tröpfelt oder nebelt ständig. Klingt deprimierend? Ist es nicht. Die Stadt wartet in jedem Viertel mit vielen bunten Nischen, Künstlertreffs, Galerien, Museen, Restaurants und Bars auf … sowie, klar, Starbucks!

Seattle schlägt New York

Auch wenn wir die Nase rümpfen, sobald das grüne Logo an der nächsten Ecke auftaucht: Einmal muss man einfach eine überteuerte Latte ordern. Als Dank dafür, dass die Kaffeehauskette ein Spotlight auf die gruselig dünne, braune Brühe geworfen hat, die bis weit in die 1980er-Jahre in den USA als einzige Daseinsform von Kaffee verkauft wurde.

„Diesen Mud-Kaffee will heute garantiert keiner mehr trinken“, sagt Linda Derschang und rührt den Milchschaum ihres Moccachino. Den Mut zu haben, etwas Neues zu etablieren, sich einzusetzen und kreativ zu denken, das sei in den Menschen von Seattle tief verwachsen. Es komme nicht von ungefähr, dass so viele der heute allgegenwärtigen Konzerne wie Microsoft, Boeing oder Amazon aus dieser Ecke kommen.

Capitol Hill

Capitol Hill – das Szeneviertel wächst

„Verglichen mit anderen US-Staaten ist es hier auch heute noch relativ einfach, einer Idee Leben einzuhauchen. Man wird unterstützt, vor allem von den Nachbarn und anderen Small-Business-Inhabern.“ Linda weiß, wovon sie spricht. Eigentlich kam sie nur zu Besuch nach Seattle. „Mir sprang vage ein Boutiquekonzept im Kopf herum, das aber in New York nicht zu realisieren war. Dann traf ich hier tolle Leute, fand eine Wohnung und den perfekten Ladenraum – das alles in fünf Tagen, die auch noch durchweg sonnig waren“, erinnert sich Linda. Mehr als 30 Jahre und zehn erfolgreiche Shops und Restaurants später ist die „Queen of Capitol Hill“ fester Bestandteil der lokalen Bohème.

Strände, Boutiquen oder Nightlife?

Das Szeneviertel wächst mit Farm-to-Table-Restaurants, coolen Schallplatten- und Buchläden oder niedlichen Eisshops wie „Molly Moon’s“ zu einem der trendigsten Stadtteile heran. Hier bekommt man den buntesten Hipster-Querschnitt der Stadt geboten. Und viel Grün. Kaum scheint die Sonne, sitzen schon alle draußen unter Bäumen und auf Terrassen.

Pike Place Market

Der Pike Place Market in Downtown Seattle

„Das Schönste an der Stadt ist, dass die Menschen nett und kreativ sind. Es passiert immer etwas, ständig gibt es Neues zu sehen und auszuprobieren. Wenn man für einen Absacker in eine Bar geht, trifft man garantiert Bekannte“, sagt Linda. Dieses Kleinstadtgefühl mitten in der Großstadt macht Seattle spannend und vor allem einfach zu navigieren. Die Metropole ist lang gezogen und mit gut 600.000 Einwohnern dicht bevölkert.

Back-Bar

Die Back-Bar im „E. Smith Mercantile“ ist berühmt für ihre Cocktails und ihr Flair

Pioneer Square sei klasse für Kunstfreunde, West Seattle locke mit seinen Stränden, Queen Anne mit coolen, kleinen Boutiquen, Belltown mit Clubs und Nightlife und Downtown mit fliegenden Fischen im berühmten Pike Place Market, Georgetown sei „yuppie-schick“, Columbia City multikulturell und Fremont abgedreht bunt, erfahren wir.

Hipster und Farmer

Und dann ist da noch Ballard mit ein bisschen von allem. Nach der Gründung 1853  siedelten sich zunächst skandinavische Immigranten an der Salmon Bay an. Das maritime Leben bestimmte lange die Infrastruktur, auch heute sind die Docks, Fischerbötchen und Oyster-Schuppen noch fester Bestandteil des Viertels.

Fish & Chips

Fish & Chips sind auch in Seattle ein Standardgericht

„Heute tingelt die Hipster-Crowd durch die Straßen, in den vergangenen Jahren ist der Stadtteil regelrecht explodiert“, erzählt der 43-Jährige Grafikdesigner Mike. Für den wöchentlichen Farmers’ Market wird jeden Sonntag die Ballard Avenue für den Verkehr gesperrt. Sobald auch nur ein Sonnenstrahl durch die Wolken bricht, sind alle Outdoor-Cafés knallvoll, so wie heute. „Super Lebensqualität. Ich bin meistens draußen, man kann herrlich wandern, Boot fahren, sogar surfen“.

Juan Alonso Rodriguez

Juan Alonso Rodriguez ist Künstler im TK Hall Collective

Der Boom, der Seattle in den vergangenen Jahren immer schneller wachsen ließ, ist in allen Vierteln spürbar. Es wird gebaut, erneuert und eröffnet, aber auch weggezogen und rumgelungert. Die Dichte der Obdachlosen ist vor allem in Downtown hoch. „Seattle ist nicht aggressiv und schon gar nicht gefährlich, aber man merkt, dass die Einkommensschere auseinandergeht“, sagt Künstler Juan Alonso, während er eine metallische Farbschicht auf eines seiner Werke aufträgt.

Nah an Kanada – Glück gehabt!

Vor allem die Nähe zu San Francisco und zum Silicon Valley macht die Stadt für wohlhabende Entrepreneure spannend. Zudem ist da noch die greifbare Nähe zu Kanada – die besonders seit der letzten US-Wahl eine beruhigende Wärme auszustrahlen scheint.

Seattle ist nicht nur lässig und locker, sondern vor allem liberal: Themen wie Klimaschutz, Bildung und Krankenversicherung sind den Einwohnern besonders wichtig. Gleichgeschlechtliche Ehen bekamen 2012 legalen Status, Marihuana wurde im gleichen Jahr für den Eigenbedarf und zur medizinischen Therapie freigegeben.

Spaceship für die Popkultur

Jacob McMurray, ein groß gewachsener Herrn mit Dreitagebart und Hornbrille, wacht als Senior Curator des MoPOP, des ehemaligen Experience Music Project, über eine immense Sammlung aus rund 100.000 Stücken rund um Musik mit Songs, Gitarren, Briefen, Videos, Spielen, Filmen.

Museum of Pop Culture

Im „Museum of Pop Culture“ wird von den Einheimischen nur „The Blob“, wörtlich: „Der Klecks“, genannt …

„Dabei fing alles recht überschaubar an mit der Privatsammlung von Microsoft-Mitgründer Paul Allen, der ist ein riesiger Hendrix-Fan. Allen suchte nach einer Form, seine Kollektion für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, erinnert sich Jacob. Er kam als Musikfachmann an Bord, das Gebäudeprojekt wurde von der Stadt abgesegnet – und plötzlich hatte Seattle im Jahr 2000 neben der Space Needle auch ein „Spaceship für Popkultur“.

Lobby des Museum of Pop Culture

… dort im MoPOP türmen sich Gitarren zu einer Skulptur

Der überdimensionale Bau des Museum of Pop Culture aus wellenartigen, schimmernden Metallen und mehrfarbigen runden Komplexen nach Entwürfen des Star-Architekten Frank O. Gehry soll aus der Vogelperspektive eine Gitarre darstellen – die Einheimischen nennen es aber nur „The Blob“, wörtlich: der Klecks.

Ein Klecks, in dessen Bauch man sich stundenlang aufhalten und staunen kann. Schon allein mit Jimi Hendrix, dem berühmtesten Musiksohn der Stadt, rauscht ein halber Vormittag dahin. Dann sind da aber noch Nirvana und der Grunge, das Science Fiction Museum, Hall of Fame, die Broken Guitar Collection, das Sonic Lab, in dem man selbst Musik kreieren kann, und, und, und …

Jacob McMurray zeigt auf ein paar bequeme Sessel mit Kopfhörern. „Man kann sich auch einfach nur mit gutem Sound entspannen. Draußen regnet es sowieso mal wieder …“


Info

Anreise

Nonstop von Frankfurt mit Condor in zehn bis elf Stunden, mit Zwischenstopp in gut zwölf Stunden mit Icelandair, Ticket ab 600 Euro

Einreise

Deutsche Staatsbürger mit gültigem Reisepass nehmen am Visa-Waiver-Programm teil und können als Touristen ohne Visum in die USA einreisen, wenn sie unter anderem im Besitz einer elektronischen Einreise-Erlaubnis sind. Spätestens 72 Stunden vor Abflug muss diese beim Electronic System for Travel Authorization eingeholt sein (13 Euro). Infos beim Auswärtigen Amt, bei US-Botschaft und Konsulat in Deutschland oder beim U.S. Department of State.

Hotel-Tipp Ballard Inn

Das Boutiquehotel in einem frühe­ren Bankgebäude von 1902 steht gegen­über dem „Hotel Ballard“. Die Zimmer im „Inn“ sind kleiner, aber heller. Das Design ist schlicht, mit verschnörkelten Spiegeln im Flur und zwei schwarzweißen Sofas im Eingang. Aber: Nicht alle Zimmer haben eigene Badezimmer, also fra­gen, ob man teilen muss. WiFi ist frei, der Zugang zum Olympic Ath­le­tic Club ebenfalls. DZ ab 105 Euro

Weitere Informationen

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Über diesen Autor

Manuela Imre

Manuela Imre

Den Fuß in die Schreiberei bekam Manuela mit 15 bei der Lokalzeitung. Heute lebt sie in New York, reist aber am liebsten um die Welt. Luxus? Ist schön, muss aber nicht sein. Am spannendsten sind letztendlich immer die unerwarteten Entdeckungen in verwinkelten Seitenstraßen, die spontanen Gespräche mit Einheimischen und die atemraubenden Ausblicke auf den Spitzen kleiner Bergdörfer. Auf wuseligen Märkten, an Straßenständen und in versteckten Suppenküchen verbergen sich zudem oft die köstlichsten Gerichte – die dürfen gern scharf und würzig sein. Die besten Mitbringsel aus fernen Ländern sind sowieso lokale Rezepte wie Amok aus Kambodscha, Laksa aus Malaysia oder Tom Yum aus Thailand. Die schmecken nachgekocht zwar meist nicht ganz so perfekt wie auf Reisen, machen aber die schönsten Erinnerungen wieder lebendig. Wenn die Journalistin nicht gerade auf Booten, Fahrrädern oder in Flugzeugen unterwegs ist, lässt sie es mit Yoga etwas ruhiger und rückenschonender angehen...der nächste lange Flug kommt bestimmt.

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