Länderberichte

Seoul | Coole City!

Susann Sitzler
Geschrieben von Susann Sitzler

Südkoreas Hauptstadt ist hip. Doch braucht der Besucher Zeit, bis er hinter der glatten Maske der Stadt ihr wahres Gesicht erkennt. Unsere Reporterin hat Seoul lange genug studiert – und war hellauf begeistert

Mit unbewegtem Gesicht surrt der Mann auf mich zu. Sein Blick wischt unaufhörlich wie ein Laserstrahl über den Boden. Alarmiert fasse ich in meine Tasche. Gott sei Dank – das grellbunte Kaugummipapier ist noch da. Der Mann auf dem Segway scheint eine Art futuristischer Müllmann zu sein. Kleinste Fitzelchen fischt er mit seinem Greifarm  vom stäub­chenfreien Bürger­steig. Ich stehe vor dem Dongdaemun Design Plaza im Zen­t­rum von Seoul. Das Designzentrum ist gigan­tisch wie ein Raum­schiff und amorph ge­formt wie ein Pantoffeltier­chen.

Angesagte Metropole

Spätestens seit dem Video zum Superhit „Gangnam Style“ gilt Südkoreas Hauptstadt als eine der hippsten Städte der Welt. Gut 10 Millionen Menschen teilen sich knapp die doppelte Fläche von München. Auffallend langsam schieben sie sich an den Glas­fassaden der Shoppingzentren und Geschäftshäuser vorbei. Das Fußgängertempo in Seoul liegt definitiv näher an Tübingen als an Tokio. Und es ist ruhig: kein lautes Lachen, kein übermütiges Schubsen. Niemand küsst sich, niemand hupt. Die Stadt verzieht keine Miene. Es ist, als trage Seoul eine Maske.

Scharfer Reistopf Bibimpap

Ich hingegen verliere schon eine Viertelstunde später die Fassung. Beim Bibimpap, dem würzigen Reistopf mit Gemüse und Fleisch, schniefe ich, als ob sich gerade meine Lieblingsband aufgelöst hätte. Das Zeug ist saumäßig scharf. Das urige Restaurant im Untergeschoss des Ssamgigil-Do-it-yourself-Marktes an der Insadong-Fußgängerzone habe ich angesteuert, weil es mit seinen Holzbänken und langen Tafeln irgendwie warmherzig wirkte. Hier hoffe ich, der Seele der Stadt etwas näherzukommen. Immerhin tragen die Kellnerinnen Rüschenschürzen und haben den  Einheitspagenschnitt, der Frauen ab 40 in dieser Stadt zu verbinden scheint.

Jogyesa-Tempel

Der Jogyesa-Tempel ist das Zentrum des Zen-Buddhismus in Südkorea

Vorsicht vor den strengen Tanten!

Diese Frauen werden in Korea „Ajumma“ genannt – etwa: strenge Tante. Mit ihnen ist nicht zu spaßen, wie ich sogleich bemerke. Wie in allen asiatischen Ländern darf man in Korea beim Essen schlürfen und schmatzen. Aber auf gar keinen Fall darf man sich schnäuzen. Während ich verzweifelte Pantomimen ausführe, um meine laufende Nase  diskret mit einem Tüchlein abzutupfen, umkreisen mich die strengen Tanten mit mahnenden Blicken. Memme! Langnase! Kein Benehmen! Ich habe eine erste Vermutung, warum sich hier lieber niemand gehen lässt.

shopping

Gedeckte Farben dominieren in der Modeszene von Seoul

Eine Stadt mit Stil

Mein Eindruck bestätigt sich im Univiertel Hongdae. Die Hongik-Universität ist eine der renommiertesten Kunsthochschulen des Landes. Die Straßen sind voller junger Menschen in cooler Bekleidung: raffiniert geschnittene Oberteile, futuristische Stoffe, jungen-hafte Männer in engen Hipsterhosen, die Frauen in stylishen Röcken. Seoul ist eine Stadt mit Stil – und mit einer Vorliebe für gedeckte Farben.

Die Sangsu-dong Culture Street ist eine Schlendermeile mit Restaurants und Upcycling-Stores, in denen Bilderrahmen aus alten Fahrradspeichen und coole Kulturbeutel aus ausrangierten Fototaschen verkauft werden. Jedes dritte Geschäft verkauft Kosmetik: Seoul soll ein Hotspot der Schönheitschirurgie sein, aber diese Art der Bearbeitung kann ich den Tausenden ebenmäßigen Gesichtern, die sich an mir vorbeischieben, nicht ansehen.

Im Gästehaus wird das alte Korea lebendig

Noch vor 40 Jahren lebten die meisten Bewohner in verwinkelten Hofhäusern. Fast alle dieser Hanok mussten Wolkenkratzern weichen. Doch im Bukchon Hanok Village lugen noch die traditionell geschwungene Holzdächer über hohe Mauern. Durch die schwere Holztür des „Rak Ko Jae“-Gästehauses trete ich in eine Welt, in der sich die Stille des alten Koreas konzentriert wie Brühe in einem Suppenwürfel. Hier werde ich heute schlafen.

Ein hochgelegener Holzsteg windet sich um ein Art Hofboden aus gestampftem Lehm, daran entlang verteilen sich Behausungen mit Wänden aus Reispapier und ziselierten, gewölbten Dächern. Ein Ofen verbreitet feinen Rauch. Kein Geräusch ist zu hören außer dem Knistern des Holzes und dem Trippeln der Hausdame Whoopie. Sie ist es gewohnt, dass Neuankömmlinge erst mal in Ruhe gelassen werden wollen.

Gästehaus "Rak Ko Jae": hier können Besucher das Flair des alten Korea erleben

Gästehaus „Rak Ko Jae“: Hier können Besucher das Flair des alten Korea erleben

Guter Schlaf auf dicken Matten

Später wird Whoopie mir meine Bettstatt berei­ten. Wie in Korea üblich, werden die dicken Schlafmatten abends einfach da ausgebreitet, wo Platz ist, und morgens wieder zusammengerollt. Die Sorge, dass danach die Knochen knirschen, ist unnötig – in Korea gehört die Fußbodenheizung seit Jahrhunderten zum Alltag und der Steinboden ist so mollig warm, dass ich nie wieder aufstehen möchte.

Im Beverly Hills von Seoul

Wie die Besiedlung eines fremdartigen Planeten schlängelt sich Seouls Gebäudekruste zwischen den Hängen der 37 bewaldeten Berge entlang, die sich auf dem Stadtgebiet erheben. Als breites Band glitzert der Fluss Han dazwischen. Ihn werde ich nun überqueren – auf nach Gangnam! Wörtlich bedeutet der Name des Reichenviertels so viel wie „südlich des Flusses“.

Auch Gangnam verbirgt sich zunächst hinter einem Neubauriegels am Ufer. Doch dahinter entdecke ich Garosu-gil, die „Ginkgo-Alley“. Diese  Shoppingallee ist ein Juwel. Unter dem  Grün der  Ginkgo-Bäume paradieren schmale Hipster mit dicken Schals an langhaarigen Frauen vorbei, die sich – wegen ihrer turmhohen Killerheels – gegenseitig stützen. Posierliche Häuser säumen die zierliche Straße, in fast jedem eine stilvoll dekorierte Boutique.

Ich bin mit dem Mann verabredet, der die Avantgarde nach Korea brachte. 2009 eröffnete der deutsche Tom Bueschemann einen Ableger der Berliner „Platoon Kunsthalle“ in Seoul. Sechs Jahre lang stellten er und sein Team jungen Künstlern Ateliers zur Verfügung und zeigten zeitgenössische Kunst aus Korea. Bueschemann flitzt mit rasantem Schritt über die  breiten Bürgersteige. Vorbei an den Luxus-Shops, die sich an den Edelboulevards Cheongdam und Apgujeong reihen.

Kim Jung Man:

Künstler Kim Jung Man: Der „Helmut Newton Koreas“ hat jahrzehntelang für die „Vogue“ fotografiert

Der Helmut Newton Koreas

Vor Dolce & Gabbana bleibt Bueschemann stehen. „Ich möchte dir einen sehr lieben Freund vorstellen.“ Er drückt den obersten Aufzugknopf. „Velvet Underground Studios“ steht auf dem Schild. „Willkommen, meine Freunde!“, ruft ein  tätowierter, altersloser Mann mit  Sonnenbrille. Kim Jung Man, „der Helmut Newton Koreas“, hat jahrzehntelang für die „Vogue“ fotografiert. Vor fünf Jahren schnitt er seine Dreadlocks ab und macht seither nur noch Kunst. Schwarzweißfotografien zeigen tiefdunkle Wälder, verloren wirkende Berge, verkrüppelte Äste in Großaufnahmen. „Es sind meine Bilder von Korea“, sagt Kim.

Die Maske fällt

„So, genug jetzt mit der Kunst“, sagt Kim unvermittelt. Im Tiefflug zischt ein Sittich über einen Papierbogen. Ein Assistent köpft die erste Flasche Champagner. Über Gangnam geht langsam die Sonne unter. „Bleibt noch ein bisschen“, sagt der Meister. Seoul legt seine Maske ab. Endlich.

Info

Rak Ko Jae Hanok

98 Gye-dong, Jongno-gu

Die meditative Stille des alten Korea erlebt man in diesem über 130 Jahre alten, liebevoll geführten Hofhaus. Die geringe Zahl von nur vier Zimmern stellt sicher, dass es hier niemals laut wird. Die Gäste werden umsorgt von der munteren Hausdame Whoopie, die das traditionelle Essen individuell in den Zimmer oder auf den dazugehörigen Terrassen serviert. DZ ab 245 Euro

 

Ibis Styles

302, Samil-daero, Jung-gu

Weit mehr gastliche Atmosphäre, als man bei dem Budget-Preis erwarten würde, bietet das neue „Ibis Styles Hotel“. Es liegt mitten im lebhaften Innenstadtbezirk Myeong Dong. Die farbenfroh gestalteten Zimmer nehmen die Atmosphäre der Umgebung auf. Allein schon der tolle Blick von der hoteleigenen Rooftop-Bar ist den Übernachtungspreis wert. DZ ab 105 Euro

 

Koreanische Zentrale für Tourismus

Baseler Straße 35 bis 37, Frankfurt/Main

Tel. 069/ 23 32 26


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Über diesen Autor

Susann Sitzler

Susann Sitzler

Möchte reisen, sobald sie am Schreibtisch sitzt, und schreiben, sobald sie reist. Darum tut die Journalistin und Buchautorin beides. Jedenfalls, seitdem sie 2005 endlich ihre Existenz als Stubenhockerin aufgab und zum ersten Mal Europa verließ - um, hui, in die USA zu fliegen. Was damals einer persönlichen Mondlandung gleichkam, ist heute selbstverständliche Leidenschaft: Je weiter weg die Reise führt, desto besser. Ihr Interesse gilt dabei vor allem dem Alltag fremder Orte. Sie liebt ausländische Supermärkte, besucht gerne bizarre Kaschemmen in verrufenen Gegenden - und ist nirgendwo so glücklich wie in der Wüste.

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