Länderberichte

Shimla | Der ideale Indien-Einstieg

Christian Haas
Geschrieben von Christian Haas

Shimla, die einstige Sommerresidenz der Engländer am
Fuß des Himalayas ist mit ihren gemäßigten Temperaturen
und einer überschaubaren Größe der perfekte Startort für
Indien-Neulinge. Vorausgesetzt, sie haben keine Angst vor Affen …

Die breite Fußgängerzone von Shimla heißt „The Mall“

Die breite Fußgängerzone von Shimla heißt „The Mall“

Zack! Plötzlich ist die Brille weg. Ein gezielter Griff von hinten, ohne Lärm, ohne Schramme. Und ohne Vorwarnung. Höchstens mit Vorahnung! Denn wie sagte doch Amit Khandelwal vor dem Ausflug? „Passen Sie gut auf Ihre Brille und Wertsachen auf!“ Der 38-jährige Guide war schließlich schon öfter auf Jakhu Hill und wusste: „Die Affen hier sind gerissen und haben schon einiges geklaut!“ Als wir zu Füßen des Jakhu Hills aus dem Wagen stiegen und mit Amit Richtung Tempel liefen, war die Konzentration noch hoch und die Brille vorsichtshalber in der Hand.

Pilgertour zum Tempel-Berg

Ohnehin herrschte eine ehrfürchtige Stimmung angesichts des heiligen Platzes, der durch die mit knapp 33 Metern welthöchste Statue der hinduistischen und äußerst populären Gottheit Hanuman unterstrichen wurde. Und da Hanuman gern als Affe dargestellt wird, tummelten sich hier am höchsten Punkt der nordindischen Stadt Shimla eben auch besonders viele Affen. Genauer gesagt: Macaca mulatta, Rhesusaffen.

Sehen ja auch ganz nett aus, die niedlichen Primaten. Doch aufgrund dieser trügerischen Harmlosigkeit wich die Konzentration zunehmender Entspannung. Lauschte dem Priester. Kaufte den als Opfergabe gedachten obligatorischen Puffreis. Schmunzelte noch über eine Touristin, die ihres roten Schales beraubt wurde, die nun einen Affen im Napoleon-Stil zierte. Machte Fotos, mittlerweile die Brille auf der Nase. Und wunderte sich, warum sich zu Füßen der leuchtend roten Riesenstatue kein einziger Affe blicken ließ. Und ein paar Sekunden später darüber, dass wie aus dem Nichts einer auftauchte.

Die Affen rasen durch den Wald - gern auch mal Habseligkeiten so manchen Besuchers

Die Affen rasen durch den Wald – gern auch mal mit Habseligkeiten so manchen Besuchers

Tierische Diebe

Fakt: Die Brille hält ein Makake in den Fängen. Bei jedem Nachsetzen rennt er weg, immer schön Abstand haltend. Da helfen kein Zureden und kein Drohen. Wer hilft, ist Amit, der Mahner, der Weise, jetzt der Retter, der einen Puffreis-Verkäufer zu Rate zieht. Dieser kennt das Klauproblem (oder steckt gar mit den Dieben unter einer Decke?), schmeißt dem Räuber einen so großen Papierball hin, dass er diesen mit beiden Händen packen, sprich das Sehgerät kurz ablegen muss. In diesem Moment klatscht der Verkäufer laut in die Hände, das Tier macht aus Schreck einen Satz nach hinten. Dann nochmal. Und nochmal. Bis der Affe soweit weg ist, dass er die Brille holen kann.

Blick auf Shimla und den Himalaya

Shimlas Welt sind die Berge: Blick auf den Himalaya

Erleichtert und klaren Blickes geht es ins Hotel Wildflower Hall. Das wirkt von außen so unindisch wie ganz Shimla, der Hauptstadt des Bundesstaates Himachal Pradesh. Auf einem Hügel etwas außerhalb gelegen, ragt das ehrwürdige Luxushotel mit seinen spitzen Turmdächern wie ein Märchenschloss über die umliegenden Zedern- und Pinienwipfel. Topargumente für betuchte Gäste: 87 geräumige Zimmer und Suiten, eine zu den besten Spas Asiens zählende Wellnessabteilung und ein unvergleichlicher Blick auf schneebedeckte Himalaya-Gipfel.

Affen an der Mini-Bar

Doch auch hier: jede Menge Affen. „Beware of the monkeys“ warnen Schilder – immer wieder entern wohl die lustigen, aber lästigen Tiere die Zimmer. Und dann die Minibars! Die Hotelleitung hat sich schon extra einen Raubvogel zur Affenabwehr angeschafft. Gedanken darüber muss sich jeder in Shimla machen, denn schätzungsweise 15.000 bis 20.000 Affen sind selbst für indische Verhältnisse enorm viel. Angst um seine Gesundheit muss zwar keiner haben – aber um Einkaufstaschen, Wertsachen, Smartphones.

Pool und Ausblick vom Wildflower Hall Hotel in Shimla

Indien auf die luxuriöse Art: Pool und Ausblick vom Wildflower Hall Hotel

Mal abgesehen von der Affenplage ist das auf 2.100 Meter Höhe gelegen Shimla der ideale Einstieg für Indien-Novizen. Das liegt vor allem an den angenehmen Temperaturen. Es ist weniger schwül, weniger drückend als andernorts in Indien. Selbst im Juli, wo sich der Subkontinent gern mal auf bis zu 50 Grad aufheizt, vermeldet Shimla durchschnittlich 20-23 Grad. Im Winter kann es sogar mal schneien. Alles in allem eine echte Komfortzone für Briten, die von 1834 bis 1939 ihren Regierungssitz in den Sommermonaten hierher verlegten. Eine Komfortzone auch für all jene, die zum ersten Mal in Indien urlauben und angesichts zu vieler neuer Eindrücke zuweilen überfordert sein könnten.

Indien auf die softe Art

Angenehm ist auch die Größe der Stadt. Im Gegensatz zu den Megacitys Delhi, Mumbai und Kolkata leben gerade einmal 170000 Einwohner in teilweise spektakulär in den Hang gebauten Häusern. Eben geht es hier fast nirgends zu, bis auf die breite Fußgängerzone auf dem Grat, genannt „The Mall“, müssen Stadtbesucher überall treppauf, treppab. Und auch wenn es hier deutlich geordneter und sauberer zugeht als in anderen Städten des Landes, sind Neulinge sofort drin im Indien-Universum. Eines mit einer unvergleichlichen Bandbreite an Farben, Gerüchen, Geschmacksrichtungen. Und einem quirligen Straßenleben. Da suchen sich Karrenschieber, Radler, Fußgänger, alte Schrottautos und neue Oberklassewagen einen Weg durch die verstopften Straßen – dazwischen und daneben spielende Kinder, mit Kühlschränken bepackte Männer, Teigwaren verkaufende Frauen, Bettler vor Tempeln. Zugleich ist auch die Zukunft überall spürbar: Smartphones, teure Kleidung, Internetfirmen – alles gegenwärtig.

Musikcombo vor dem Tempel der weiblichen Gottheit

Musikcombo vor dem Tempel der weiblichen Gottheit

Auf den Spuren der Gandhis

Und ja, auch Dreck und Elend gehört zum Alltag. Doch verendende Hunde auf der Straße, bettelnde Jungmütter, penetrante Gerüche und Kloaken neben dem Spielplatz sind in Shimla seltener zu sehen als sonst in Indien. Auch das ein Vorteil für die Südasien-Premiere. Deutlich sichtbar ist indessen Indiens zweitälteste protestantische Kirche, die Christ Church. Diese befindet sich wie auch ein paar verbliebene Kolonialgebäude und der achteckige Musikpavillon an der „Mall“. Ebenso wie eine Statue von Mahatma Gandhi. Der war ja auch ein paar Mal zu Gast. Und seine Namensvetterin Indira ebenfalls. Hier unterzeichnete die Premierministerin 1971 mit dem pakistanischen Staatspräsident Zulfikar Ali Bhutto die so wichtige Waffenstillstandslinie in Kaschmir. Ein Akt, der als Shimla-Abkommen in die Geschichtsbücher einging.

Seinen Status als politisch relevante Schaltzentrale hat Shimla zwar verloren, den Anschluss an die hundertjährige Kalka-Shimla-Bahn jedoch nicht. Die bietet – vorausgesetzt, man hat reserviert – grandiose Ausblicke auf den Himalaya. Fast schade, wenn man nach 40 Minuten in Taradevi schon wieder aussteigen muss. Doch es lohnt sich: Im dortigen Tempel hängen Hindus rote Schals, zumindest die, die nicht von Affen geklaut wurden, mit ihren Wünschen an den Baum. Ein Stockwerk tiefer gibt es Reis und Linsen für jeden, der hungrig ist. Man isst mit den Fingern. „Inder wollen ihr Essen fühlen“, erklärt Amit: „Mit Löffel und Gabel essen ist, als würdest du deine Frau durch einen anderen Mann lieben.“ Das ist keine angenehme Vorstellung. Angenehm jedoch: Hier in Taradevi kann man angesichts einer deutlich geringeren Affendichte ganz unbekümmert umhergehen – die Brille bleibt, wo sie hingehört. Auf der Nase.

Weitere Informationen:

Flugverbindungen nach Indien (Delhi) gibt es mehrmals täglich ab Frankfurt, etwa im Direktflug mit Lufthansa. Interessante Angebote bietet auch Oman Air mit Stopp in Muscat. Wer nach Shimla reisen will, nimmt am besten einen kurzen Inlandsflug nach Chandigarh. Von dort sind es per Bus, Auto oder Zug noch drei Stunden bis Shimla.

Für Indien-Einsteiger jenseits Backpackerambitionen eignen sich pauschale Angebote mit deutschsprachigem Führer und Fahrer, etwa die elftägige Nordindien-Rundreise von Enchanting Travels. Sie führt durch Delhi, Agra (Taj Mahal), Jaipur und eben nach Shimla und kostet inkl. Flug von/bis Deutschland ab 2.010 Euro pro Person. Ideale Reisezeit ist von November bis März.

Allgemeine Informationen: Indisches Fremdenverkehrsamt


Ihr wollt jeden Monat informative, reich bebilderte Reportagen aus aller Welt lesen und von vielen vor Ort recherchierten Tipps profitieren? Dann  jederzeit kündbares Zeitlos-Abo abschließen, eine ältere Ausgabe versandkostenfrei nachbestellen  oder das ganze Heft als eMagazine auf dem Tablet-PC lesen

Über diesen Autor

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas – Jahrgang 1974, Wirkungsstätte München – liebt seit jeher die Kombination Reisen und Schreiben. Naheliegende Konsequenz: Studium der Geographie und Kommunikationswissenschaften in Eichstätt und München. Diplomarbeit in Venezuela, Nationalparkpraktikum in Puerto Rico, Redakteursanstellung in München. Seit 2002 als Reisejournalist und Autor selbstständig, Schwerpunkt Outdoor, Familie, Kurioses. Seit 2013 gehört Christian Haas zum Redaktionsteam von abenteuer und reisen.

Katalog-Service

Nice 'n' easy

Holen Sie sich für Ihre Reiseplanung die Kataloge renommierter Spezialveranstalter gratis ins Haus