Cruises

Spitzbergen | Kreuzfahrt in den hohen Norden

Thomas Linkel
Geschrieben von Thomas Linkel

Die norwegische Inselgruppe hart am Arktischen Ozean bietet Spitzen-Cinemascope im ganz hohen Norden. Wir haben sie an Bord eines nostalgischen Hurtigruten-Schiffs erkundet – und bekamen wider Erwarten keinen einzigen Eisbär so richtig nah vor die Linse.

Die erste und wichtigste Information, die alle Spitzbergen-Besucher erhalten, lautet: Die Ortschaften niemals ohne ein Gewehr verlassen. Wer das Nielsen-Gewehr im Svalbard Museum gesehen hat, versteht, dass die Bewohner der arktischen Inselgruppe auch beim Joggen oder Biken mit der Waffe unterwegs sind. Grund sind die 2.000 bis 3.000 hier heimischen Eisbären, denen man auch als Schiffspassagier nicht allein begegnen mag.

Gletscher

Die über 400 Inseln und Schären liegen nördlich des Polarkreises zwischen 74 und 81 Grad nördlicher Breite

So sind neben Zodiacs auch Gewehre für die Guides mit an Bord der 1956 gebauten „Nordstjernen“, einem Hurtigruten-Schiff mit herrlich altmodischer Linie und ganz besonderer Note. Dafür kennt man nach kurzer Zeit jeden Winkel des Schiffes, jedes Crewmitglied und jeden Gast. Und man erlebt Wetter und Wellengang viel intensiver als auf großen Hotelpötten – die „Nordstjernen“ vermittelt Schifffahrt pur.

Gute Stimmung trotz kalter Temperaturen

Es liegt eine dicke Wolkendecke über dem Isfjord, als wir den Hafen von Longyearbyen verlassen. Am Horizont bilden Himmel und Meer eine graue Fläche. Trotz Wind und Nieselregen sind alle Passagiere an Deck, die meisten in bunte Outdoor-Klamotten verpackt bis über die Nasenspitze, das Außenthermometer zeigt drei Grad plus. Unablässig passieren wir Gletscherzungen, die wie weiß-blaue Tropfen an den Fjordhängen kleben.

Ein Motorboot treibt vorbei, an Deck zwei Männer, die mit schnellen Handgriffen Fisch ausnehmen. Dem einen scheint warm zu sein, außer einer Jeans trägt er nur ein T-Shirt mit Rambo-Aufdruck. Als wir in den Grønfjord einbiegen, um in der russischen Enklave Barentsburg anzulanden, taucht eine Robbe neben uns auf, guckt für einen Wimpernschlag herüber und hinterlässt nichts weiter als eine flüchtige Luftblase, die von unserer Bugwelle verschluckt wird.

Kirche Barentsburg

Grønfjord: Russisch-orthodoxe Kirche

Vom Schiff aus betrachtet ist Barentsburg keine Schönheit. Ein schmaler Kai und Lagerhäuser am grau-braunen Hang, weiter oben eine Handvoll lang gestreckter, bunter Wohnblöcke, daneben und dazwischen Abraumhalden, Container, ratternde Förderbänder und Metallschrott. Wer will hier schon leben? Im Moment jedenfalls knapp 400 Menschen. Die meisten arbeiten in der Kohlemine oder deren Verwaltung.

Spitzbergen. Spitze! Immer was los!

Uns führt Natalia durch den Ort, eine junge Ukrainerin, die ihrem Freund, der als Bergmann in der Grube arbeitet, hierher gefolgt ist. Besser als daheim, meint sie, hier gebe es schließlich Arbeit und keinen Krieg. Außerdem sei immer was los, manchmal sogar zu viel. Ein Kreuzfahrtschiff bringt 200 Gäste nach Barentsburg. So ein bisschen wie in Venedig, meint sie, da seien auch nur noch Touristen unterwegs. Barentsburg und Venedig – vielleicht ein etwas kühner Vergleich. Aber während in Venedig im Winter nichts los sei, tobe hier in der dunklen Jahreszeit der Bär. Dann kämen Gruppen von Schneemobilfahrern aus Longyearbyen vorbei. Sie besuchten die örtliche Brauerei Krasniy Medved und natürlich die Kantine.

Einen Eisbären bitte, einen einzigen!

Barentsburg verlassen wir mit Kurs Nord. Die Wolken haben sich verzogen, über uns breitet sich knackiges Blau aus, die „Nordstjernen“ dampft durch das Wasser, das wie Seide glänzt. Auf dem Sonnendeck am Heck wird in Decken gekuschelt und der eine oder andere Drink genommen. Am Bug stehen die unermüdlichen Entdecker und suchen den Fjord ab nach Eisbären, Walrössern oder sonstigem Getier.

Zodiac Schlauchboot

In Zodiacs geht es von der im Monacofjord ankernden „Nordstjernen“ zum Gletscher Monacobreen

Als wir viel später in den Monacofjord einbiegen, wird es an Deck plötzlich hektisch. Jemand hat am Ufer einen ungewöhnlichen Punkt entdeckt, und als das Schiff sich diesem bis auf einen Kilometer nähert, kann man mit einem starken Fernglas eine Eisbärin mit ihrem Jungen ausmachen. Beide liegen dösend am Kiesstrand, dann hebt die Mutter den Kopf, wittert in unsere Richtung und wälzt sich auf den Rücken. Das Eisbärenkind schlummert weiter, ein gelb-weißer Punkt auf grauem Grund. Hunderte Male Kameraklicken und das Hoffen auf mehr Bärenbewegung, so lange, bis der Kapitän nach einer Stunde abdreht und unser Schiff tiefer in den Fjord hineinsteuert. Es soll die einzige Bärenbegegnung auf der Reise bleiben …

Erste Eisbrocken treiben vorbei, manche prallen mit einem satten „Klonk“ gegen die Schiffswand. Als die Maschinen gestoppt werden, umgibt uns ein gewaltiges 180-Grad-Panorama. An drei Seiten fließen Gletscherzungen die Berge hinunter, hat das Eis tiefe, u-förmige Täler aus dem Gestein gefräst. Dann knattert ein Außenborder, das erste rote Zodiac schießt über türkises Wasser auf die etwa sechs Kilometer breite Eiswand des Monacobreen zu.

Showtime am Gletscher

Wir stoppen unsere Fahrt in sicherer Entfernung zur Gletscherzunge. Das Meer ist eine dicke Eissuppe, die träge an das Zodiac schwappt. Neben dem Kreischen der Dreizehenmöwen hören wir das Gurgeln des Wassers und das Knistern des Eises. Etwas entfernt stürzt Schmelzwasser über die zerklüftete Gletscherkante. Die Dimensionen sind gewaltig: Obwohl das vor uns gestartete Boot nicht mehr als 200 Meter entfernt ist, verlieren wir es immer wieder zwischen den treibenden Eisbrocken aus den Augen, bis es an anderer Stelle wieder als roter Punkt auftaucht.

Plötzlich liegt dunkles Grollen in der Luft. Mit sattem Krachen löst sich ein Gletschereis-Turm und versinkt wie in Zeitlupe in einer Gischtwolke im Meer. Kurz darauf taucht der Eisklotz wieder auf, dreht und wendet sich, bis er ausbalanciert ist, und schwimmt dann in Form eines Pilzes auf der Wasseroberfläche.

Als alle wieder an Bord sind, werden auf dem Sonnendeck frische Waffeln serviert, back- und steuerbord ziehen unablässig neue Gletscherzungen vorbei. Spitzbergen gibt uns eine Vorführung in Cinemascope. Die Farbe der Fjordhänge wechselt zwischen rot, grau und gelb. Auf Moffen Island liegt eine Walrosskolonie, die massigen Körper aneinan­dergedrängt, durchs Fernglas sind die weißen Stoßzähne der Männchen zu sehen. Später durchbohren Minkwale die Wasseroberfläche. Schwarze, glänzende Körper mit eleganten Bewegungen, die abtauchen, als wir beidrehen.

Kommandobruecke MS Nordstjernen

Alles so schön analog hier auf der Kommandobrücke der „Nordstjernen“

Stippviste bei Wissenschaftlern

Etwas hat sich im Laufe der Reise verändert. Während in den ersten Tagen bei schlechtem Wetter nur vereinzelte Passagiere draußen an Deck waren, ist jetzt das Vorderschiff auch im strömenden Regen gut besetzt. Unsere Zeit an Bord, auf Spitzbergen, läuft ab, immer mehr erkennen die Einzigartigkeit der Reise und wollen jede Sekunde intensiv erleben, sich dem Wetter aussetzen. Zwei Landgänge liegen noch vor uns: die Anlandung im Moellerfjord und der Besuch der Forschungsstation Ny-Ålesund. Früher der Ausgangspunkt legendärer Nordpolexpeditionen, später eine Bergbausiedlung, wird in einer der nördlichsten Siedlungen der Welt von Wissenschaftlern aus zehn Nationen Polar- und Umweltforschung betrieben. Mehrere niedrige Häuser, ein Laden mit Postschalter, ein Museum, auf den Schotterwegen Menschen mit geschultertem Gewehr. Auf der Terrasse vor dem einzigen Café stehen Winterstiefel, die Scheiben sind beschlagen, Lachen dringt nach draußen.

Alesund

Ny-Ålesund: Zehn Länder unterhalten hier durchgehend besetzte Forschungsinstitute

Einige der Kreuzfahrer haben sich unter die Forscher gemischt, es gibt Bier und Hotdogs, untermalt von Hardrock. Neben mich setzt sich Thomas, ein Bär von Mann, und beginnt sofort von einer Schneemobiltour im letzten Winter zu erzählen. Ich notiere viele beeindruckende Daten: 770 Kilometer Fahrtstrecke, Ausrüstung mit Ersatzbenzin 250 Kilogramm. Unter dem Helm vier Wollkappen mit Halsschutz, zwei Thermoanzüge und ein Spezialanzug, der vor allem das Areal unter den Frontreißverschlüssen abdeckt. „Wasserlassen nur morgens und abends“, ist dazu sein Kommentar. Zwei Schlafsäcke, zwei Garnituren Unterwäsche. Fußheizung. Minus 40 Grad Celsius, mit Windchill etwa minus 70 Grad. Noch Fragen? Wie war es, will ich von Thomas wissen? „Lot of fun!“

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Infos

Veranstalter: Sechs Tage mit der „MS Nordstjernen“ von Hurtigruten ab 1.399 Euro in der Innenkabine ohne Bad, ab 1.999 Euro in der Außenkabine mit Bad.
Arktis Reisen bietet unter anderem eine zwölftägige Reise zu Spitzbergens Eisbären an, mit Flug kostet das ab 6.190 Euro in der Zwei-Bett-Kabine. Ein ähnliches Reisearran­gement hat Nordwind Reisen im Angebot. ContrasTravel bietet die Kombination Segeln und Wandern ab 3.350 Euro ohne Flug.
Anreise: Flug nach Spitzbergen etwa mit SAS oder Lufthansa von verschiedenen deutschen Flughäfen aus ab 520 Euro


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Über diesen Autor

Thomas Linkel

Thomas Linkel

„Meine Neugier ist unstillbar.“
Nach einer fotografischen Ausbildung im Stilllife-Studio und dem Abschluss zum Diplomwirtschaftsgeograf arbeitet Thomas seit 15 Jahren für internationale Magazine in den Bereichen Reise, Reportage, Portrait und Architektur sowie für die Unternehmenskommunikation internationaler Kunden. Für seine Produktionen hat er über 100 Länder bereist.

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