Länderberichte

Südafrika per E-Bike | Mit Rückenwind ans Kap

Christian Haas
Geschrieben von Christian Haas

E-Biken liegt im Trend, Südafrika ebenfalls. Jetzt kombiniert ein Veranstalter beides und präsentiert in diesem Winter die erste deutsche E-Bike-Fernreise überhaupt. Wir waren bei der Testfahrt dabei

„Das ist ja viel sportlicher, als ich dachte“, bekennt Silvia nach ihrer allerersten E-Bike-Fahrt. Die hat ihr zwar frei lebende Pinguine und erhabene Blicke auf die wildromantische Kap-Halbinsel samt zerklüfteter Atlantikküste beschert, aber eben auch unerwartete Schweißperlen. „Ich hatte mit weniger Eigenleistung gerechnet. Eher mit so einem Mitfahrgefühl!“ Jetzt weiß sie es besser: Zwar sorgt der Elektro-Antrieb für Entlastung (und das in drei Intensitätsstufen), aber wer nicht in die Pedale tritt, kommt auch nicht voran. Nur wer druckvoll tritt, wird unterstützt. Diesen Komfort des Gebens und Nehmens wissen immer mehr Deutsche zu schätzen. 2016 fuhren bereits rund drei Millionen akkubetriebene Räder auf deutschen Straßen, Tendenz stark steigend.

Einfach laufen lassen – entspannte Radstrecke oberhalb von Kapstadt

Ein bisschen Genuss, ein bisschen Sport

Ein Markt, den zunehmend Tourismusverbände entdecken, indem sie Leihräder an Gäste vermieten. Spezialveranstalter haben entsprechende Touren, mitunter ganze Reisen im Programm. Nun wagt sich Belvelo, erst 2016 als Tochter des renommierten Veranstalters Lernidee Reisen gegründet, einen Schritt weiter und bietet E-Bike-Fernreisen an. Als erster Anbieter überhaupt! Das Konzept: rund 14-tägige, von der Anreise über die Unterkunft und Transport bis zum deutschsprachigen Guide organisierte Gruppenreisen mit höchstens zwölf Teilnehmern und durchschnittlichen Tagesetappen zwischen 30 und 50 Kilometern. Das Motto: Im Mittelpunkt steht der Genuss – kulinarisch, kulturell und in der Natur – nicht der sportliche Wettkampf. Zehn Destinationen stehen im druckfrischen Katalog, von Chile bis Marokko und Vietnam. Ebenfalls dabei: Südafrika, das nach der „WM-Delle“ von 2010 einen starken Zuspruch erfährt, 2016 steuert auf ein Rekordjahr von deutschen Besuchern zu. Na, wenn das mal nicht passt!

Doch bevor die erste „echte“ Reisegruppe losradelt, steht eine Testreise an. Unter den acht Teilnehmern mit dabei: Silvia. Mit knapp 50 Jahren liegt sie deutlich unter dem gefühlten E-Biker-Durchschnitt (das wahre Altersmittel verschiebt sich gerade massiv nach unten). Doch schon zu Beginn der mehrtägigen Reise in der Kap-Region wird klar, dass es weniger aufs Alter ankommt, sondern eher auf die Affinität zum Thema Radeln, insbesondere zum E-Biken. Der diesbezüglich erfahrene Martin etwa führt trotz baldiger Pensionierung das sich rasch in die Länge ziehende Bikerfeld regelmäßig an. Mal von Jens Deister abgesehen. Der 46-Jährige ist unser Guide und ein echter Allrounder, kennt er sich doch sowohl mit dem Thema Radeln top aus – 1990 durchquerte er per Bike ganz Afrika! – als auch mit Südafrika.

Immer voran: Guide Jens Deister

Südafrika mit allen Sinnen

Seit über 20 Jahren lebt er in Kapstadt, war mit einer Südafrikanerin verheiratet, gründete den Radreiseanbieter „African Bikers“ (wobei dies hier auch seine erste E-Bike-Reise darstellt) und weiß generell ungemein viel über das Land, das einerseits dank der englischen Sprache und der zahlreichen europäischen Einflüsse einerseits so vertraut wirkt und dann doch wieder so exotisch. Die vielen Hautfarben der Menschen! Die ungemein vielen endemischen Pflanzen, die beim Besuch im fantastischen Botanischen Garten Kirstenbosch geballt erlebt werden können. Und die tolle Tierwelt. Bei der Tour zum Kap der Guten Hoffnung etwa queren unvermittelt Strauße die Straße, etwas weiter sorgen am Wegesrand grasende Elenantilopen für Staunen und eine Extrafotosession. Die „Baboons“, posierlich wirkende Paviane, bieten sich auch gerne als Fotomodel an, aber Warnschilder weisen auf deren kriminelle Energie hin. Wir überstehen die Begegnungen jedoch schadlos.

Sieht süß aus, hat es aber faustdick hinter den Ohren; ein Baboon am Straßenrand

Auch von anderem Unheil bleiben wir verschont. Pannen? Während der sechs Tage keine einzige, woran sicher die nagelneuen, hochmodernen, extra aus Deutschland importierten 2700-Euro-Räder samt Unplattbar-Bereifung und stets zuverlässiger Akkus großen Anteil haben. Unfälle? Fehlanzeige. Auch wenn der Linksverkehr und die vielen Impressionen durchaus vom Fahren ablenken. Vor allem auf dem Weg durchs quirlige Kapstadt, der vermutlich sportlichsten Etappe. Von der Talstation der Tafelberg-Gondelbahn, immerhin auf rund 400 Höhenmeter gelegen, geht es erst durch schönes Grün und später mitten durch die Stadt, in der zwar so manche Radspuren, aber Biker nach wie vor selten zu sehen sind. Silvias Einschätzung: „Wer in Deutschland ungern in der Großstadt fährt, wird hier leicht überfordert sein.“

Langa, die „Stadt in der Stadt“

Die meisten in unserer Gruppe sind es aber nicht und folgen Jens durch wohlhabende Wohnviertel mit vornehmen Häusern (und omnipräsenten Alarmanlagen und vielen Gittern), durch den berüchtigten District Six, der zur Hochphase der grässlichen Apartheid von Schwarzen „gesäubert“ wurde und heute trotz zentraler Lage immer noch wenig besiedelt ist, weiter bis nach Langa, dem ältesten Township Kapstadts. Am Eingang dieser „Stadt in der Stadt“, in der rund 50.000 größtenteils Schwarze in Baracken und einfachen Häusern leben, holt uns Nati ab. Junger Mann, coole Sonnenbrille, Typ Spaßmacher. Der lebt hier schon immer und wird uns durch die Straßen zu dem Haus einer Bekannten geleiten, wo uns ein Mittagessen und der 50-jährige Vusi erwarten. Doch vorher großes Hallo. Mit Jens, der das ungewöhnliche Treffen – die allerwenigsten Touristen verirren sich in diese Armenviertel – und mit den Rädern. Nati will die „Wunderdinger“ sofort ausprobieren und cruist davon. „Das geb’ ich nicht mehr her!“, ruft er, um es nach dem Lunch freilich doch zu tun.

Die Lage in den Townships? Nicht viel besser als 1990

Nach zehn Minuten Fahrt durch arg vermüllte Straßen und an Minikiosken, Bretterverschlägen und spielenden Kindern vorbei (auffallend: Es sind kaum Smartphones zu sehen) biegen wir in eine Einfahrt eines einfachen Hauses ein. Zeit für Essen und Zeit für eine Zeitreise. Vusi erzählt von vor 1990 und der Entwicklung danach. Auch wenn sich freilich seit der Präsidentschaft des allseits hochgeschätzten Nelson Mandela vieles verbessert hat, kommt der Langzeitarbeitslose doch zu der bitteren Erkenntnis: „Für uns hier im Township ist die Lage nicht viel besser geworden als vor 20 Jahren.“ „Das liegt vor allem an der miserablen Bildung. Wir wissen einfach nicht, wie etwas geht“, klagt Nati. Mit seinen geführten Touren weiß er immerhin eine Nische zu besetzen.

Am Anfang etwas ungewohnt: Radtour durchs Township Langa

Nach drei Stunden im Township fällt es erstmal nicht leicht, zum gewohnten Genussstandard zurückzukehren. Und der ist generell hoch: das von Live-Musik begleitete Dinner im „Africa Café“, die Weinprobe auf dem Land, die Wanderung auf den unglaublich beeindruckenden Tafelberg! Dann die Hotels, die alle über USPs verfügen: direkt an der Vergnügungs- und Einkaufsmeile V&A Waterfront oder mitten im Weinort Stellenbosch gelegen, mal in der Halbwüste, mal mitten im privaten Game Reserve, bei dem die Teilnehmer mal vom Rad in den Jeep wechseln. Zwischen den Stationen übernimmt ein Kleinbus den Transport, allein die Strecke durch die Steppe der Kleinen Karoo würde per Bike Tage dauern, so nur ein paar Stunden.

Und dann erst die Hitze! Bei 36 Grad tagsüber wird selbst eine kurze Radetappe nicht nur Silvia zu viel. Kurzerhand wird diese in die weniger warmen Morgenstunden verlegt. Und Silvias 27 Kilo schweres Rad von Hans, dem farbigen Namibier mit dem urdeutschen Vornamen, auf den Anhänger gehievt. Praktisch: Wer nicht mehr kann oder will, nimmt eben den Bus, der als „Lumpensammler“ hinter der Radtruppe herfährt. Wobei man beim Radeln alles intensiver aufnimmt: die Gerüche! Die Farben! Der Fahrtwind, wenn es ganz ohne elektrische Unterstützung (bei 25 km/h riegelt diese ohnehin automatisch ab!) etwa durch die Schlucht von der Cango Cove runter zur Oystrich Farm geht. Und das dortige Buffet samt Straußenfleisch und Savannah-Cidre hat man sich dann auch noch mehr verdient. Ein gutes Gefühl ist es allemal. Und ein gutes Gefühl haben die meisten der Teilnehmer auch, was das Projekt „E-Bike-Fernreise“ generell anbelangt. „Kann schon klappen“, prognostiziert Martin. „Aber es kommt sehr auf die Gruppe an. Wenn sehr unterschiedliche Fahrlevels und Vorstellungen vorherrschen, könnte es schwierig werden, alle bei der Stange zu halten.“ Und damit ist durchaus die Fahrradstange gemeint …


Infos

Die meisten Flugverbindungen nach Südafrika untertält South African Airways, die täglich von Frankfurt und München nonstop über Nacht nach Johannesburg fliegen – und weiter zu vielen Zielorten im Südlichen Afrika.

Belvelo ist der erste Spezialveranstalter für geführte E-Bike-Reisen auf allen Kontinenten. Im ersten Katalog, der diesen Sommer herausgebracht wurden, werden Reisen in folgende Destinationen angeboten: Jakobsweg, Toskana, Marokko, Chile, Costa Rica, USA, Vietnam/Kambodscha, Neuseeland und eben Südafrika.

Die Reise zwischen Kapstadt und Port Elizabeth wird 2017 zu sieben Terminen zwischen Februar und November angeboten und ist ab 2.545 EUR (ohne Flüge ab/bis D) bzw. 3.495 EUR (inkl. Flüge ab/bis D) buchbar.

Weitere deutschsprachige Informationen zu Südafrika sind erhältlich beim South African Tourism Board, das auch aktuelle Reiseangebote sämtlicher deutscher Veranstalter
bereit hält.


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Über diesen Autor

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas – Jahrgang 1974, Wirkungsstätte München – liebt seit jeher die Kombination Reisen und Schreiben. Naheliegende Konsequenz: Studium der Geographie und Kommunikationswissenschaften in Eichstätt und München. Diplomarbeit in Venezuela, Nationalparkpraktikum in Puerto Rico, Redakteursanstellung in München. Seit 2002 als Reisejournalist und Autor selbstständig, Schwerpunkt Outdoor, Familie, Kurioses. Seit 2013 gehört Christian Haas zum Redaktionsteam von abenteuer und reisen.

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