Länderberichte

Südtirol | Knödel, Späne, Schweinereien

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Die Buzzwords „authentisch“, „nachhaltig“ und „regional“ kann man fast nicht mehr hören. Es geht auch einfacher, mit Südtiroler Bauernhofurlaub, sagt der Rote Hahn. Wir haben das mal in aller Ruhe getestet.

 

Nein, der Weg ist nicht das Ziel. Sondern Martha Thalers wunderbare Knödel. Ihr Zuhause, der Zmailer Hof, steht an einem sehr steilen Hang 800 Meter über dem Tal von Meran. Wer mit dem Wagen anreist, hat eine steile, enge und kurvige Straße vor sich. Die sollte man auch ohne Gegenverkehr keinesfalls mit zu viel Hauswein im Blut in Angriff nehmen.

Mithin empfiehlt sich bei gutem Wetter das Pilgern zu Fuß, ab der Talstation von Meran 2000. So leert man  die Kaloriendepots und verputzt auf der großen Panoramaterrasse des Hofschanks mit umso besserem Gewissen Marthas formidable Brennnesselknödel.

Südtiroler Bauernhofurlaub schmeckt!

Bei unserem Besuch kurz nach der Schneeschmel­ze wuchsen noch keine Brennnesseln, deshalb wurden wir in der hölzernen Bauernstube mit butterzartem Gulasch und Speckknödeln verwöhnt. Was Südtirols „Knödel-Königin“ in der Räucherstube (Selchkuchl) mit pechschwarzem Deckengewölbe Tag für Tag mit Geduld zurechtrollt, behagt auch den strengen „Gault-Millau“-Testern. Die loben Martha immer wieder für ihre Speck-, Käse- und Brennnesselknödel.

KnoedelkocheN

Martha Thalers Knödel sind handgemacht – oder sollte man sagen: handgestreichelt?

Zu trinken gibt es auf dem Hofschank Hauswein, Säfte und Bier. Cola, Spezi und Konsorten sind tabu, ge­hört der Hof doch zum Roten Hahn. Und der hat sich zu 100 Prozent Südtiroler Produkten verpflichtet.

Knoedel mit Loewenzahnsalat

Knödel mit Salat aus frischem Löwenzahn. „Unkraut“ kann ein Genuss sein

Der Hof am Schennaberg hat eine 600 Jahre alte Geschichte. Ebenso bewährt sind die Gerichte, die neben Knödeln, Kaiserschmarrn und Krapfen auf den Tisch kommen: Schöpsernes, Bauernbratl oder Löwenzahnsalat. Die meisten Zutaten stammen aus der eigenen Landwirtschaft.

20 Stück Milchvieh haben die Thalers im Stall, neben dem Rindfleisch (Bauer Johann ist auch Metzger) und der Milch für den Hofschank haben sie unten im Tal bei Schenna eigene Äpfel, Johannis- und Holunderbeeren sowie Kartoffeln und Kraut im Garten. Das ist „think global, eat local“ auf die Spitze getrieben. Nachhaltigkeits-Test: bestanden!

Knoedelzubereitung

Wer richtig gute Knödel essen will, steuert am besten den Zmailer Hof hoch über Schenna an

Sexy food: her mit dem fetten Speck!

Start-up heißt im Neusprech das, was Franz Innerhofer auf einem sonni­gen Plateau am Ortsrand von Vöran aufgezogen hat. Der gelernte Maurer sattelte vor einem Jahr auf Speck um. Das Fett zergeht auf der Zunge, das Fleisch schmeckt wunderbar. Die Textur: sanft, butterzart. Und kein Schweins­geruch. Der komme, so Franz, davon, dass die Schweine unter großem Stress geschlachtet wer­den. Die Stresshormone bleiben im Fleisch und versauen es.

Innerhofer Franz_Speckproduzent

Franz Innerhofers Speck kann in aller Ruhe in der Räucherkammer reifen

Franz Innerhofer

Wenn es glückliche Schweine gibt, dann gehören die von Franz Innerhofer sicher dazu

Franz’ Ferkel haben fast dreimal so viel Zeit, sich unter den hohen Lärchen schlachtreif zu fressen und sich im wahrsten Sinn des Wortes bumsfidel im Schlamm zu wälzen, wie das gemeine Hochleistungsferkel. Der Speck reift ein Jahr in Ruhe vor sich hin. Ohne Pökellaken-Injek­tio­nen wie beim Industrie-Speck aus holländischen Schweinen. Tschüs, Speckimitate mit der Konsistenz von Fensterdichtungen und dem Geruch notgeiler Eber. 30 Euro fürs Kilo sind nicht nur in Zeiten von Nullzins eine lohnende Anlage. Geschmacks-Test: bestanden!

Schnitzen, hämmern, streicheln

Für fast den gleichen Betrag kann man sich in Feldthurns in die Geheimnisse der Schnitzens mit Stecheisen, Hohlbeiteln und Klopfholz einweihen lassen. Kunstfertig macht dort auf dem Thalerhof Herbert Kerschbaumer, nachdem die Adepten voller Hingabe die Späne fliegen ließen, beim „Feinschliff“ aus eher vermurksten Arbeiten kleine Kunstwerke. Kindertauglichkeits-Test: bestanden!

Anhang 1

In Herbert Kerschbaumers Werkstatt lässt der Reporter die Späne fliegen…

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… und das kam dabei raus. Nicht ohne essentielles Nacharbeiten durch den Meister persönlich

Herbert Kerschbaumer

Herbert Kerschbaumer ist ein begnadeter Herrgottsschnitzer – und vermittelt seine Kunst auch gern an Kinder

Was macht so einen bodenständigen Südtirol-Trip für Reisende mit Nachwuchs perfekt? Ein Bergbauernhof mit Kühen, Ziegen, Schafen, Hasen, drei verschmusten Katzen und einem noch verschmusteren Hund. Mit Fladen, in die man treten kann, mit Dreck, den man sich unter die Fingernägel einarbeiten kann. Mit struppigem Fell, das man wuschelt. Mit eigener Milch zum Bauernfrühstück, selbst gebackenem Brot, selbst gemachten Marmeladen und hausgemachtem Saft. Mit netten Gastgebern wie etwa Florian und Erika Obrist, die mit Hingabe neben Hof und Kindern auch noch ihre Gäste umsorgen … Komfort- und Charme-Test: bestanden!

Gastro-Knigge

Das „Weiße“ vom Speck bleibt dran! Wer beim Speck das Weiße nicht ehrt, ist das Rote nicht wert. Nur, wer zusammen mit dem roten Flei­sch und auch ein biss­chen Fett isst, kommt in den vollen Genuss – Fett ist Geschmacksträger Nummer eins.

Finger-food! Speck isst man nicht mit der Gabel. Alles, was zu einer „Brett­l­ma­rende“ ser­viert wird, wird mit den Hän­den gegessen.

Messer weg! Den banalen Schnitt mit dem Messer haben weder Köchin noch Knödel verdient. Ein gut gemachter (=weicher, luftiger) Knö­del lässt sich mit der Gabel zerlegenaus­ein­an­der.

Keinen Cappuccino zum Dessert! Da ist Südtirol wie ganz Italien, dieses sättigende Getränk ordert man zum Frühstück, aber nicht nach einem opulenten Mahl. Besser: Espresso macchiato, den man getrost als „espresso“ bestellen kann.

 

 


 

Info Südtiroler Bauernhofurlaub

Alle hier genannten Betriebe, Produzenten und Unterkünfte gehören zum Roter Hahn, einem Zusammenschluss von 1.600 Südtiroler bäuerlichen Betrieben, von Hofschänken, bäuerlichen Handwerkern und Produzenten mit hohen Qualitätskriterien.

Der Zmailer Hof hat 10 bis 18 Uhr geöffnet, Juli/August ist er freitags geschlossen. Abends nur mit Voranmeldung. Tel.: 0039/331/ 2 91 88 76

Obertimpfler Hof
Franz Innerhofers Speck, Salami und Kaminwurzen gibt es auch online zu kaufen. Kilo Speck ab 30 Euro

Thalhofer Hof
Familie Obrist bietet zwei sehr schöne,  top ausgestattete Ferienwohnungen ab 65 Euro. Holzboden und modernes Bad. Tolle Lage in Latzfons bei Klausen.

Schnitzkurs

Voll konzentriert sind die Kinder dabei. „Blutige Finger gibt’s“, so Herbert Kerschbaumer, „so gut wie nie“

Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch? 10.000-km-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „abenteuer und reisen“ liebt fremde Ufer und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up Paddling, auf dem Bike und in der Sauna.

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