Outdoor

Survival | Tschüs, Komfortzone!

Christian Haas
Geschrieben von Christian Haas

Fischzubereitung mit Holzkeule und Messer, Schlafplatzrichten mit Fichtenzweigen, Feuermachen mit Funkenstab und Tampon: Im Survival-Camp wird einem nichts geschenkt. Außer viel Wissen, Denkimpulse und eine neue Sicht auf die Natur

Drei Tage Dauerregen, gepaart mit kühlen Temperaturen: Da kommen angesichts des nahenden Survival-Wochenendes samt Übernachtung im Wald eher Zweifel als Freude auf. Vielleicht wird die Aktion ja verschoben, grüble ich beim Blick aus dem Fenster. Doch beim Blick in die Anmeldepapiere herrscht schnell Gewissheit: „Der Kurs findet bei jedem Wetter statt.“ Passt ja auch irgendwie zum Thema „Überlebenstechniken in der Natur“. Wer könnte sich in einer Notsituation schon das Wetter aussuchen?

Weg? Welcher Weg? Beim Survival-Camp geht es über Stock und Stein

So betrachtet werden wir ideal eingestimmt: Auf der Fahrt zum Survival-Kurs sehen wir eine fast geschlossene Schneedecke – zugleich aber blaue Hoffnungsschimmer am Horizont, als wir den Wagen am Bahnhof des 1.200-Einwohner-Ortes Schemmerberg bei Biberach an der Riß abstellen. Bis die Sonne sich durchsetzen kann, braucht es aber noch Wärmeimpulse: Jacke über Fließ über Pullover und ein dampfender Kaffee im Tante-Emma-Laden ums Eck. Hier treffen wir um Punkt neun auch die anderen Kursteilnehmer – insgesamt drei Frauen und vier Männer – sowie den Gründer und Leiter der „Philipp Davis Survivalschule“, eben Philipp Davis, 32 Jahre jung, kurze Haare, sportlicher Typ, eher schmal als wuchtig, Camouflage-Klamotten.

Harry, Philipp und Olli haben jahrelang bei der Bundeswehr gelernt (und gelehrt), sind aber ganz zivil im Umgang

Da seine beiden Assistenten Olli und Harry ebenfalls in Tarnkleidung daherkommen, kommt kurz Unbehagen auf. Was erwartet uns? Ein Bootcamp mit militärischem Bellton? Aber das häufige Lächeln und die angenehm-sanfte Art insbesondere von Philipp vertreiben derartige Sorgen so schnell wie die Sonne die Regenfront.

Marschzahlen weisen den Weg

Apropos schnell: Das Kursprogramm scheint straff zu sein, also zackzack Material verteilen. Seile und Beile, Sägen und Spaten sowie Päckchen mit Erste-Hilfe-Zeug und Not-Essensrationen wollen in die mitgebrachten Rucksäcke, in denen jeder Schlafsack, Isomatte, Kochgeschirr, Messer (Hinweis in der Anmeldung: „Waffengesetz beachten!“), Trinkwasser sowie Kleidung gegen drohende Kälte und Regen mitschleppt, dazugepackt werden.

Analoge Navigation: Orientierungshilfe mit Karte und Kompass

Kompasse und laminierte DINA4-Umgebungskarten für jeden bleiben draußen, kommen sie doch gleich zum Einsatz. „Heutzutage verlassen sich ja alle aufs Navi“, meint Philipp, „Kartenlesen kann kaum mehr jemand.“ Also soll hier das Wissen aufgefrischt werden, indem wir uns selbst auf dem Ausschnitt verorten, dann den Sportplatz, den nächsten Stopp.

Fichtennadeln als Kaugummi-Ersatz

Per Marschzahl visieren wir das nächste Ziel an, einen halb verfallenen Schuppen am Ende des Feldes. Aber klar, in Wahrheit ist der Weg das Ziel. Und auf dem erzählt Philipp, der als Bundeswehr-Ausbilder in zwölf Jahren mehr als 1.200 Soldaten Outdoortechniken beibrachte. Diese Erfahrung merkt man ihm absolut an. Ständig gibt es etwas zu entdecken: Hier die Wildtierfurt durch den Bach („Ein idealer Ort für eine Falle“), dort Bibernagespuren, die Otto Normalwanderer wahrscheinlich übersehen hätte, ebenso wie später einen in der Riß schwimmenden Biber höchstselbst. Dann da oben: ein Roter Milan. Dort unten: eine Eidechse. Und was haben wir denn hier bei den Brennnesseln? „Weinbergschnecken! Mit etwas Bärlauch, Öl und Knoblauch schmecken die köstlich“, frohlockt Philipp. „Die gibt’s später zum Nachtisch!“ Als Appetitanreger reicht er uns Löwenzahnblätter und frische Fichtentriebe zum Kauen.

Alles ausziehen außer Uhr und Schuhe und ab in die kalte Riß – Camp-Leiter Philipp Davis zeigt Courage, muss sich aber der starken Strömung geschlagen geben

Schemmerberg liegt zwar noch nicht einmal zwei Kilometer entfernt und doch fühlen wir uns schon ein bisschen wie Robinson Crusoe. Aber eher so auf die angenehme Art: ohne richtigen Schmutz an den Händen, ohne richtigen Hunger, ohne richtiges Leiden. Und dennoch ist der Entdeckergeist geweckt, der Blick für die Besonderheiten der umgebenden Natur geschärft.

Die Sehnsucht nach rauer Natur

Dieses Bedürfnis scheinen viele zu haben. Survival-Camps, eintägig oder als Wochenendaktion konzipiert, sind schwer gefragt. 23 derartige Angebote vermittelt allein Jochen Schweizer, deutscher Marktführer für, wie es so schön heißt, „Erlebnisse und Erlebnisgeschenke“, hinzu kommen noch viele weitere, oft kleine Veranstalter, die sich selbst vermarkten. Keine Frage: Die Nachfrage steigt stetig. Das spürt auch Philipp, der seine Survival-Schule erst 2016 gründete, aber dessen Kurse für 2017 bereits gut gebucht sind. Er denkt sogar schon an die nächsten Ausbaustufen. Eine hochfliegende Idee etwa sieht vor, die Themen Fallschirmspringen und Übernachten im Wald zu kombinieren.

Spurensuche: Camp-Teilnehmerin Steffi inspiziert Biber-Nagereien

Der Wald ist auch bei unserem Camp zentraler Kursort. Wir sehen: viele Fichten, wenig Licht, kaum andere Pflanzen. Wir spüren: die Schräglage des Hanges, der kaum ebene Stellen aufweist. Wir hören: ungefähr alle 15 Minuten einen Zug, der in ein paar Hundert Meter Entfernung vorbeirattert. Wir wissen: Hinter der Kuppe liegen die ersten Häuser von Schemmerberg, dem wir uns bogenartig wieder genähert haben. Kurz: Wildnis ist hier nur angedeutet, die Schönheit der Natur auch.

Aber hey, hier geht es nicht um Naturromantik, sondern um eine praktische Kulisse für praxisorientierte Kursinhalte! Hier muss man sich erst mal per Spaten eine ebene Fläche für sein Notlager schaffen, bevor es mit Planen oder Baummaterial überdacht wird. Zudem werden jetzt alle Register gezogen: Äste gesägt, Zweige drapiert, Wurzeln aus dem Erdreich gerupft und als Naturleinen verwendet.

Blutspritzer auf dem Unterarmtattoo

Nach dem Lagerbau und einer Runde Knotenkunde steht Fischzubereitung an. Olli zeigt, wie’s geht. „Forelle aus dem Bottich mit Wasser schnappen und in der Hand beruhigen. Dann hinknien und mit einem kräftigen Hieb den Fisch erschlagen.“ Spricht’s, nimmt ein Holzscheit, drischt drauf und Blut spritzt – sein Unterarmtattoo wird rot gesprenkelt. Bei den nächsten Versuchen tauschen wir Holzkeule gegen Messergriff, was unblutiger vonstattengeht. Dann kommt Schritt drei: das spitze Messer am Anus ansetzen und Fisch zum Kopf hin aufschlitzen, den Bauch aufklappen und die Innereien per Hand entfernen, aber: „Vorsicht, Gallenblase nicht verletzen, sonst schmeckt der Fisch bitter!“ Dann schneidet Olli die Kiemen raus, zeigt uns noch das kleine Herz und reicht das Messer weiter.

Fichtenzapfen sorgen für leichte Knistereffekte und angenehmen Geruch

An mich. Ich hab’ so etwas, typisch Stadtmensch, noch nie gemacht. Eine intensive Erfahrung! Vor allem der Moment, Leben zu beenden. Wie leicht es doch ist, im Supermarkt ins Regal zu greifen! Doch wenn es gelingt, den eigenen Kopf auszuschalten, während man den Fischkopf malträtiert, ist das Schlimmste geschafft. Bis der Fisch letztlich verzehrt werden kann, dauert es noch. Erst müssen Wassertonnen zum Lagerplatz geschleppt, die Sitzkreissteine nivelliert, eine Latrine ausgehoben werden.

Dann heißt es, Holz sammeln, sägen, spalten – alles fürs Feuer. Das soll, na klar, ohne Streichholz oder ähnliches entfacht werden. Dafür mit einem Mischstahl-Magnesium-Stift, dem „Firestarter“. Von dem werden Funken auf ein entzündliches Konglomerat aus Birkenrinde, Trockenholz und harzigem Kienspan geschabt. Noch leichter geht es mit einem aufgebauschten Tampon. Der brennt vorzüglich.

Forelle nach Art des Waldes

Und vorzüglich munden die Forellen, die, in drei Lagen Zewa eingewickelt, in der Glut liegen, bis die erste Tuchschicht verbrannt ist – im Gegensatz zum Fisch! Wow, wir erleben die zarteste Versuchung, seit es Lagerfeuer gibt! Die Stimmung steigt so schnell, wie die Temperatur sinkt. Klare Sache, das wird eine frostige Nacht! Glücklich, wer einen warmen Schlafsack hat und wer nach dem unüberhörbar lauten Vogelgezwitscher vor (!) Sonnenaufgang noch mal einschlafen kann.

Planstelle: Um sich eine einigermaßen angenehme Nachtruhe zu ermöglichen, wird der Schlafplatz eingeebnet und überdacht

Ich kann und werde mit Instantkaffee aus der Notration am Bett geweckt. Uhrzeit hab’ ich keine, weil das Smartphone auch mal Pause hat, aber alle sind schon wach und halten Stockbrote über die Glut, dazu wird Honig gereicht. Doch damit gar nicht erst Relaxgedanken aufkommen, geht es bald weiter im Programm: mit Abseiltechniken im steilen Gelände, Hangeltraining sowie Erläuterungen, wie man mit einem Stück Kohle Dreckwasser filtert, mit einer Plastikflasche und Ästen eine Reuse und mit Brettern und einem Stein eine Rattenfalle baut. Zum Glück sind wir darauf im echten Leben nicht angewiesen und freuen uns lieber auf Rührei und „leicht“ verkohlte Kartoffeln, die Olli derweil über dem Feuer zubereitet hat.

Wir überreden Philipp zum Lunch in der Sonne, und erst als wir aus dem dunklen, schrägen Waldstück auf die Wiese treten, merken wir, wie warm es mittlerweile ist. Und wie hell. Wie lang waren wir „weg“, im Survival-Modus? Eine halbe Ewigkeit, fühlt es sich an. Ob wir noch mehr wissen wollen, fragt Philipp, aber unser Speicher quillt angesichts der 30-stündigen Info-Dauerbefeuerung über, es reicht. Wir wollen nur noch eins: ein Stück Kuchen auf einer Café-Terrasse. Vorher befreien wir aber noch die Weinbergschnecken.

Rührei mit (leicht) verkohlten Kartoffeln – köstlich!

Weitere Informationen

Jochen Schweizer vermittelt Survival-Tage für 100 Euro und zweitägige Survival-Camps für 150 Euro in 18 respektive 19 Survival-Schulen in Deutschland, darunter ist auch die „Philipp Davis Survivalschule“ bei Biberach an der Riß, hinzu kommen noch drei Anbieter in Österreich und einer in Lothringen. Gut zu wissen: Normale physische und psychische Verfassung reicht zur Teilnahme aus


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Über diesen Autor

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas – Jahrgang 1974, Wirkungsstätte München – liebt seit jeher die Kombination Reisen und Schreiben. Naheliegende Konsequenz: Studium der Geographie und Kommunikationswissenschaften in Eichstätt und München. Diplomarbeit in Venezuela, Nationalparkpraktikum in Puerto Rico, Redakteursanstellung in München. Seit 2002 als Reisejournalist und Autor selbstständig, Schwerpunkt Outdoor, Familie, Kurioses. Seit 2013 gehört Christian Haas zum Redaktionsteam von abenteuer und reisen.

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