Länderberichte

Texas | Houston, so hot!

Robert Haidinger
Geschrieben von Robert Haidinger

Die viertgrößte Stadt der USA ist ein Mekka der Museen für Freunde großer Kunst, echter Wissenschaft, der Bierdosen-Architektur und sonstiger spleeniger
Kreativität. Auf nach H-Town!

Prominent ausladende Rinderhörner am Kühlergrill? Das fanden Ann und James Harithas bereits vor 30 Jahren zum Gähnen. Mit stinknormalen Longhorns wollten sich die beiden texanischen Kunstfreaks nie blicken lassen – und widmeten sich lieber dem Art Car Movement.

Wer  von Houstons Stadtzentrum zum Art Car Museum hinausrollt, der muss den Blinker nur einmal setzen. Ansonsten geht es immer nur den Memorial Drive entlang, der sich neben dem Buffalo Bayou schlängelt.

Jim Hatchett ist die treibende Kraft hinter der Car Art Szene in den Vereinigten Staaten

Jim Hatchett ist die treibende Kraft hinter der Car Art Szene in den Vereinigten Staaten

Autos als Kunstwerke? Na klar!

Rollt man beim Spotts Park den Heights Boulevard hoch, tauchen an der Nr. 140 ganz andere Viecher auf. Ein in einen Riesen-Plüschhasen verwandelter VW Golf („Rabbit“) parkte bereits hier. Ferner Cadillacs mit ultimativem, mexikanischem Madonna-Airbrush und mit echten Kaffernbüffel-Köpfen an der Stoßstange. Chromblitzende Dach- und Fassadendetails markieren hier Houstons Art Car Museum, das einzige seiner Art weltweit.

Ann und James gelten heute als Hohepriester extrem gepimpter Autos. Begründer der in ganz Amerika bekannten Houston Art Car Parade, einer Art Karnevalsumzug für Viertakter, sind sie sowieso. Wir stehen vor „Swamp Mutha“, einem Chevy, den Ann Harithas eigenhändig auf Kunstwerk getrimmt hat. Swamp bedeutet auf Englisch Sumpf, und wie ein geheimnisvolles Sumpfwesen sieht der 1982er Chevrolet Monte Carlo mit der sämig-schlammigen Goldlackierung auch aus. Ein Hirschgeweih sowie aufgeklebtes Spielzeug räkeln sich auf dem Autodach. Ein bleicher Alligatorschädel hält einen Plastikfisch zwischen den Zähnen. Neben steifen Gänsen und einem Totenkopf findet sich sogar ein ausgestopftes Gürteltier.

Auf in den Museum District!

Wer im Museum District nördlich des Hermann Park unterwegs ist, der kommt schnell in Zeitnot. Die spektakulären Dino-Skelette im neuen Paläontologie-Flügel des Naturkundemuseums sind hier Pflicht. Schmetterlingshaus, Maya-Artefakte, altägyptische Sarkophage – auch alles da. Eine ganze Reihe von Kunstmuseen hält Picasso, Cy Twombly, Warhol, Rodin oder Matisse im Stile einer Pralinenschachtel bereit – von allem etwas. Ein skurriles Bestattungsmuseum, das man eher im morbiden Wien vermutet hätte, Events der Asiatic Society und ein Buchdruck-Museum runden ab – neben Oper, Theater, Ballett.

Ein Haus 50.000 Bierdosen

Spannende Hinweise auf den Kunst-Hotspot Houston tauchen bereits im Freien auf, neben den lokalen Texas-Varianten schattiger Weiden, Ulmen und Eichen, die den breiten Boulevards des zentral gelegenen Viertels einen besonderen Charme verleihen. Kugelige Skulpturen finden sich da und eine rostige Eisenpalme, die aus einer Mini-Pyramide sprießt.

Wer zur weiter nördlich gelegenen Malone Street 222 hinausrauscht, der kann sogar über ein Gebäude und Terrassen aus 50.000 platt gemachten Bierdosen staunen – und über die endlich mal allgemein nachvollziehbare künstlerische Position des John Milkovisch.

Der pensionierte Tapezierer und Schöpfer des skurrilen Beer Can House legte zunächst den subtropisch wuchernden Rasen mit Bud-Light-Blechen aus und outet sich dabei als Gartenarbeit-Muffel: „I got sick of mowing the grass.“

Skulptur vor dem Museum of Natural Science. Houston hat mit die höchste Museendichte aller US-Metropolen

Skulptur vor dem Museum of Natural Science. Houston hat mit die höchste Museendichte aller US-Metropolen

Bobo Chic statt Petro-Dollar-Prunk

Während das texanische Lebensgefühl ab den 1970ern parallel zum Ölpreis in manisch-depressiven Schüben verlief, gelang Houston irgendwann die Selbstheilung: Pharmazie, Hightech und Raumfahrt relativierten auch die Bedeutung des Port of Houston, des nach South Louisiana zweitgrößten Hafens der Vereinigten Staaten. Die Erfolgsgeschichte der jungen Stadt ging sogar zur Jahrtausendwende weiter. Als ganz Amerika in die Rezession taumelte, vernahm man am Golf von Mexico: „Houston? Wir haben kein Problem.“

Ganz im Gegenteil. Die kontinuierlich guten Nachrichten bescheren der nach New York, L. A. und Chicago viertgrößten Stadt der USA (in wenigen Jahren wird sich Houston vor Chicago schieben) eine betont multikulturelle Szene, inklusive Cocktails an sonnigen Bar-Terrassen. Wer bäuerliches Roadhouse-Yippiayeh oder den nicht weniger plumpen Goldrand-Spießer-Stil des texanischen Geldadels befürchtet, der darf sich in Ausgehvierteln wie Montrose oder der angesagten Washington Avenue sicher fühlen.

Wir kippen „The Final Word“, einen Cocktail aus Roggenwhiskey, grünem Chartreuse, Maraschino sowie Limone und sind uns sicher: Manche der coolen Bars, die sich hier unter mächtigen Bäumen und zwischen den verzierten Holzveranden der Southern Homes finden, könnten genauso in San Francisco oder Miami stehen.

Gastro-Imperium einer Nürnbergerin

Das gilt im Speziellen für die in Midtown gelegene „Sparrow Bar + Cookshop“. Stil: Raw Industrial Warmth. Der ehemalige Lagerschuppen verströmt internationalen Bobo Chic: nackte Ziegelmauern, Eisenträger und Industrieleuchten, die soeben Kicher­erbsen-Fritten, Shiitake Dumplings, Bison-Burger und Fisch mit Green Curry Raita ins beste Licht rücken – typisch für die bunte Foodie-Szene der Stadt. Die „Sparrow Bar“ gehört zum kulinarischen Reich der in Nürnberg als Kind eines US-Armee-Angehörigen geborenen Monica Pope.

Monica ist Houstons Farm-to-table-Queen, die das internationale Konzept regionaler Zutaten eingeführt hat und daraus international inspirierte Gerichte kreiert. Für eine Stadt, die jeden März in einen mehrwöchigen Rodeo- und BBQ-Taumel versinkt, wäre das vor einiger Zeit noch einer Provokation gleichgekommen. Doch längst kommt Houston auch ohne bräsige Krokoleder-Cowboystiefel ganz gut vom Fleck.


INFOS

Einreise

Deutsche, Schweizer oder Österreicher können für 90 Tage ohne Visum einreisen. Mindestens 72 Stunden vor Abflug muss eine elektronische Einreise-Erlaubnis beim Electronic System for Travel Authorization (ESTA, ) eingeholt sein (13 Euro). Erwachsene wie Kinder benötigen einen maschinenlesbaren Reisepass, ebenso erforderlich: Rückflugticket sowie Adresse des ersten Hotels.

Hotel-Tipps

Modern B&B: Moderne, mit Solarenergie betriebene Pension. Zimmer mit Bio-Matratzen und Terrasse. DZ ab 90 Euro ohne Frühstück.

Sara’s Inn on the Boulevard: Über 100-jährige viktorianische Villa mit typischer Südstaaten-Veranda. Nur vier Meilen von Downtown entfernt. „Full homemade Breakfast“ mit Pfannkuchen, Waffeln, Früchten und Muffins. DZ ab 140 Euro.

Web-Tipps

Offizielle Seite des Tourismusbüros  und Deutschsprachiger offizieller Texas-Guide


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Über diesen Autor

Robert Haidinger

Robert Haidinger

Seit drei Jahrzehnten Foto-Nomade mit Ankerplatz Wien mit extremer Reiseerfahrung. Er arbeitete in bislang über 80 Staaten und auf fünf Kontinenten. Der Schwerpunkt dieser Reisetätigkeit liegt neben Afrika und Zentralamerika vor allem im kulturell so komplexen Asien. Langzeitaufenthalte in Japan, China, Sri Lanka und Indien machen ihn zum Spezialisten dieser Region. Seine Arbeiten werden von der Kölner Agentur Laif vertreten. „Meine fotografische Arbeit wird von unterschiedlichen Welten geprägt, die im Idealfall miteinander kommunizieren. Zum einen wäre da die Sensibilisierung auf moderne Lifestyle-Codes, geschärft durch langjährige Arbeit in den Bereichen Design und Architektur. Das Eintauchen und Verstehen fremder Kulturen setzt wiederum eine ganz andere Form von Erfahrung voraus – erworben durch Jahrzehnte lange intensive Kontakte auf allen gesellschaftlichen Ebenen Asiens. Heute fühle ich mich dort wie ein Fisch im Wasser. Zugleich führen mich immer wieder Reportage-Reisen an die „Last Frontier“: Besondere und oft raue Orte am Rande der globalisierten Welt, die eine besondere Form der Annäherung bedürfen. In unverbrauchten Weltregionen wie Mosambiks Norden oder Australiens Arnhem Land relativieren sich unsere Vorstellungen von Normalität.

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