Länderberichte

Thailand | Elefantencamps ohne schlechtes Gewissen

Elefant in einem der "guten" Elefantencamps
Dagmar Gehm
Geschrieben von Dagmar Gehm

Shows, Waschrituale, Ausritte: Für viele Thailand-Urlauber stellen Programme mit Elefanten das Highlight ihrer Reise dar. Wie sehr die Tiere ihretwegen leiden müssen, war lange Zeit den wenigsten bewusst. Mit Unterstützung von Reiseveranstaltern wie TUI und Co. zeigen immer mehr Elefantencamps, wie es auch tierfreundlicher geht

Denn sie wissen nicht, was sie tun. Wenn sie Elefanten streicheln, waschen und füttern. Wenn sie zu zweit oder zu viert auf ihnen reiten, Stunde um Stunde. „Das mögen die Dickhäuter“, glauben 80 Prozent der Touristen, die in Elefantencamps hautnahen Kontakt zu den Tieren aufnehmen.

Doch da irren sie sich, weiß Tierarzt Dr. Jan Schmidt-Burbach, Berater von WAP (World Animal Protection). Die Grautiere spüren sehr wohl die scheuernden Sitze auf den Rücken und die schweren Ketten um die Fußgelenke. „Auch das Waschen durch Besucher ist ein Problem. Aus Sicherheitsgründen werden dann die Elefanten von den Mahuts, ihren Betreuern, extra kurz an die Kette gelegt.“

Thailand geht neue Wege beim Tierschutz, mit besseren Bedingungen für Elefanten in Elefanten-Camps

Im Elefantencamp „Happy Elephant Care Valley“ sind nicht nur die Dickhäuter glücklich, sondern auch Mahut Sutouch

Rücken Scharen von Urlaubern den sensiblen Giganten auf den Pelz, geraten sie unter Stress. Vom Schmerz ganz abgesehen, den die Mahuts ihnen durch einen Stock mit scharfem Haken zufügen, um sie anzutreiben und ihren Willen zu brechen. Zur Bespaßung der Besucher, die Geld in die Kassen von Elefantencamps und -Shows bringen.

Elefantencamps: das große Umdenken beginnt

Einer der Mahuts ist Sutouch, der im „Happy Elephant Care Valley“ (HEV) bei Chiang Mai, dem ersten Vorzeigeprojekte von World Animal Protection, arbeitet und gerade seinem Schützling Moliko ein Bananenblatt reicht. „Wir waren es früher nicht anders gewohnt, als unsere Elefanten wie Zirkustiere zu dressieren“, sagt der 29-Jährige. Very happy sei er jetzt darüber, dass ein Umdenken stattfindet und sich das HEV als erstes elefantenfreundliches Camp in ein Vorzeigeprojekt verwandelt, dem viele weitere folgen sollen.

Veranstalter streichen Dickhäuter-Touren

Mit seinem Vater hat der Besitzer Supakorn Tanaseth drei herkömmliche Elefantencamps in Chiang Mai geführt, wo Urlauber reiten und mit den Elefanten baden durften. Dann folgte er der Einladung von WAP an alle Manager von Elefantencamps und ließ sich überzeugen, mit dem HEV neue Wege zu gehen.

Die von Reisterrassen umgebene Anlage wurde umgebaut und erhielt eine große, überdachte Terrasse, wo Besucher dem Bad der sechs Elefanten im Fluss zuschauen können, ohne ihnen zu nahe zu kommen. Fast 200 Reiseveranstalter, mit TUI als Vorreiter, haben auf Initiative von World Animal Protection in Partnerschaft mit der TUI Care Foundation inzwischen Elefantenreiten aus ihrem Programm gestrichen.

Elefantencamps 2.0 – in immer mehr thailändischen Camps wird Wert auf Tierschutz gelegt

Alles Banane? Und wie! Mit den Blättern und Strünken der süßen Frucht zieht man Rüsseltiere schnell auf seine Seite

Weitaus schwieriger gestaltet sich die Überzeugungsarbeit bei den Camp-Betrei­bern. 176 Elefantencamps gibt es allein rund um Chiang Mai. „Als ich vor elf Jahren nach Thailand kam, war ich schockiert, wie stark die kommer­zielle Ausbeutung fortgeschritten war“, sagt Schmidt-Burbach. „Einer Kehrtwende standen anfangs alle Betreiber skeptisch gegenüber. Deshalb erschien es uns der beste Ansatz, mit der Reiseindustrie zusammenzuarbeiten.“

Ultimatives Gefühl von Freiheit

In Thailand leben 4.400 Elefanten in Gefangenschaft – trauriger Spitzenwert in Asien. Eben­falls traurig: In 77 Prozent der Elefantencamps sind die Zustände unzureichend. Elefanten auszuwildern ist nicht ein­fach. „Viele von ihnen haben einen psychischen Schaden und würden ins nächste Dorf laufen, um sich Futter zu holen“, erklärt der Veterinär. Dass bei vielen Thailand-Besuchern ein Umdenken stattfindet und sie mit Elefantenbeobachten aus respektvoller Entfernung genauso zufrieden sind, müssen die Camp-Manager erst verinnerlichen. Ihre größte Sorge ist natürlich, ob ihnen das neue Konzept genauso viele Einkünfte beschert. „Wir haben ihnen gezeigt, was sie ändern können, um den neuen Anfragen gerecht zu werden.“

Alles im grünen Bereich - in guten Elefantencamps können Elefanten ihre Bahnen ziehen

Keine Ketten, keine Schläge, keine engen Stallungen: Die Elefanten ge­nießen den großen Freiraum im „Elephant Valley Thailand“ bei Chiang Rai

Eine Besuchergruppe im „Elephant Valley Thailand“ (EVT) bei Chiang Rai zieht mit sechs Elefanten durch die halb gezähmte Wildnis, immer im respektvollen Abstand. Die Elefanten sind entspannt, die Menschen scheinen sie nicht zu stören. Jack High­wood hat mit Spenden eine Plantage erworben, ein Hektar ist Besuchern vorbehalten, 14 Hektar den fünf Elefanten und einem Baby, das Ende 2019 erwartet wird. Immer weiter wollen der Engländer und seine Schweizer Frau Brigitte die Anlage ausweiten.

Reiten und Waschen stehen außer Diskussion, nur Füttern über eine doppelte Barrikade hinweg, die zwischen Tier und Mensch einen Zwischenraum von 1,5 Metern schafft, ist noch erlaubt. Ob sich ein Elefant per Rüssel der Hand nähert, die ihm Bananenblätter und -strünke reicht, kann er selbst entscheiden.

Hilfe zur Selbsthilfe in den Elefantencamps

Gerade füttert eine Reisegruppe die Elefanten. „Wir fin­den es viel besser, dass wir auf diese Weise mit ihnen zu tun haben“, sagt ein Paar aus Toronto. „Jetzt nimmt der Elefant freiwillig Kontakt mit uns auf, das ist doch viel natürlicher.“ Ansonsten sollte der Mindestwohlfühlabstand zehn Meter betragen, meint Jack. „Näher dürfen sich Mensch und Tier nicht kommen, menschliche Nähe mögen die Rüsseltiere nicht besonders.“

Auf seiner ersten Thailand-Reise vor 15 Jahren wa­ren Elefantenritte für den heute 36-Jährigen ein Riesenspaß: „Das war so normal wie Pferdereiten im Westen. Jetzt muss jedes Tier, das wir aus unwürdi­gen Verhältnissen herauskaufen, von den ,al­ten Hasen‘ erst mal lernen, sich frei zu bewegen. Sie bringen sich gegenseitig bei, wieder Elefanten zu sein.“

Höchstens sechs Besucher…

Frei bewegen dürfen sich auch die 12 Elefanten im „Boon Lott’s Elephant Sanctuary“ (BLES) in der Nähe von Sukothai. Vor 12 Jahren hat sich die ehemalige Tänzerin Katherine Connor aus London bei einer Freiwilligenarbeit in einer thailändischen Tierklinik in das Elefantenbaby Boon Lott verliebt. Das war die Initialzündung für spätere Aktionen, misshandelte Tiere von ihren ehemaligen Besitzern aufzukaufen.

Mit vielen Spendenaktionen hat sie das 308 Hektar große Schutzgebiet gekauft. „Nur Gruppen von maximal sechs Menschen dürfen sich gleichzeitig in der Nähe der Elefanten aufhalten“, sagt die Tierliebhaberin, die auch streunenden Hunden Asyl gewährt.

Thailands Elefantencamps haben einen zweifelhaften Ruf, aber nicht mehr alle

Dieser Elefant blickt in eine bessere Zukunft, auch dank des Umdenkens von Reiseveranstaltern

Von einem Hochsitz beobachten Besucher, wie sich eine Elefantendame wohlig in einem Schlammloch suhlt. Ihr Mahout lässt sie die Spa-Behandlung mit Naturprodukten so lange genießen, wie sie mag. Ein Paradies? „Selbst elefantenfreundliche Camps und Naturschutzreservate wie das BLES sind Kompromisse“, räumt Tierarzt Schmidt-Burbach ein. „Doch dies ist die letzte Generation von Elefanten, die generell noch leiden muss“, zeigt er sich überzeugt.

Glückliche Elefanten, glückliche Mahuts

Feierabend im Elefantencamp „Happy Elephant Valley“. Vor seiner schlichten Holzhütte raucht Sutouch eine Zigarre. Neben der Hütte hat er ein schlammbespritztes Motorrad geparkt – sein ganzer Stolz. Damit brettert er in seiner Freizeit mit seiner Frau nach Chiang Mai. In Sichtweite wiegt Moliko den Kopf. Ein friedliches Bild. „Ja, ich bin glücklich. Weil mein Elefant jetzt glücklich ist. Weil die schlimmen Zeiten jetzt ein für alle Mal beendet sind“, sagt der Mahut und zündet sich eine neue Zigarre an.

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Info Elefantencamps

Die Partnerschaft von TUI Care Foundation und der Organisation World Animal Protection setzt sich dafür ein, die Bedingungen für ungefähr 1.500 in Gefangenschaft lebende Elefanten in Asien bis zum Jahr 2020 nachhal­tig zu verbessern. In allen drei geteste­ten Elefantencamps gibt es auch Unterkünfte für Besucher.


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Über diesen Autor

Dagmar Gehm

Dagmar Gehm

Dagmar Gehm ist freie Journalistin, ihr Heimathafen ist Hamburg. Von hier aus startet sie zu Reisen oft abenteuerlicher Natur rund um den Globus. Jedes Jahr treibt sie als Hilfshirtin 2.000 Schafe über den Similaun-Gletscher, im Herbst war sie mit 17 Harley-Fahrern 3.300 Kilometer in China unterwegs. Zu ihren Lieblingsplätzen zählen Sri Lanka und Indien. Auf Sri Lanka war sie lange als Korrespondentin im Einsatz, mitten im Bürgerkrieg suchte sie die tamilischen Rebellen im umkämpften Norden auf. Den indischen Subkontinent hat sie so häufig bereist, dass sie tiefe Einblicke gewinnen konnte in Politik, Kultur, Wirtschaft, Spiritualität und die oft krassen Gegensätze: "Doch um das Mysterium Indiens ganz zu enträtseln, bedarf es wohl vieler Wiedergeburten!" Eines steht auf jeden Fall für die Vielreisende fest: Nirgendwo sind die Farben leuchtender, die Gerüche intensiver, ist die Sinnlichkeit spürbarer. Zuletzt erschien von ihr der Marco Polo-Reiseführer über Indiens Süden – auch mit vielen Tipps für Frauen.