Länderberichte

USA | Roadbook

Mehr als nur ein Teerband – eine Reise auf den Highways des Südwestens verspricht Freiheit.
Stefan Nink
Geschrieben von Stefan Nink

Die Titelstory im September 2015 führte durch Weltstädte
und Provinzkäffer, über schnurgerade Highways und zu Bären,
die in die Luft gehen. Spinnerte B&B-Wirte und tumbe
Polizisten treten ebenfalls auf.Hier ein paar Auszüge aus
Stefan Ninks Betriebsanleitung für die USA.

Da ist zuerst einmal diese grenzenlose Weite. Eine Weite, die dieses Land beherrscht, die einen anspringt, anzieht, aufsaugt, sobald man Stadt und Vorstadt hinter sich gelassen hat. Eine Weite, die man nicht erwartet hat, nicht schon zehn, fünfzehn Meilen hinter Washington, Dallas oder Philadelphia, nicht schon jetzt. Eine Weite, die keine lange Übergangsphase zum vollendeten Entfalten benötigt, sondern ganz plötzlich und unerwartet beginnt. An der nächsten Ampel oder Tankstelle.

 

Highways: Immer geradeaus

Zu den bemerkenswertesten Erfahrungen einer Autoreise durch die USA gehört die Erkenntnis, wie viel Natur und Leere hier wie nahe an den großen Metropolen liegen. Ein, zwei Autostunden nördlich von New York: die Catskills mit den Adirondacks. Die gleiche Fahrtzeit weg von Los Angeles: die Foothills der Sierra Nevada. Westlich von Denver: die Rocky Mountains. Nördlich von Phoenix: die Wüste. Östlich von Seattle: Regenwälder und Vulkane. Die Weite ist immer da, dort draußen, gleich hinter dem Horizont. Und immer gibt es einen Highway, der dorthin führt.

Lassen Sie uns kurz über Straßen reden. Amerika ist das Land der Highways, und wer es entdecken will, muss fahren. Viel. Und weit und meistens geradeaus, immer weiter geradeaus. Es gibt Stunden auf dem Highway, in denen Autofahren zur Hypnose wird. Stunden, in denen Weite und Meilen die Aufmerksamkeit des Reisenden kapern, indem sie ihn völlig isolieren von der Welt, aus der er kommt. Dann ersetzt der Überfluss an Horizont das Ich-Gefühl durch Raumgefühl und man wird ganz klein. In diesen Stunden ahnt man, dass es beim Fahren auf dem Highway nicht unbedingt ums Ankommen geht, sondern ums Wegfahren. Wer auf dem Highway unterwegs ist, bewegt sich nicht bloß zwischen zwei Orten, sondern auch zwischen zwei Gemütszuständen, und manchmal sogar zwischen zwei Leben. Man lässt seine alte Identität hinter sich und sucht eine neue, jedenfalls für eine Zeit lang. Man fährt auf der Straße der Erinnerung oder auf der des Vergessens. Man fährt, bis der Tank leer ist. Und dann füllt man auf und fährt weiter.

 

Texas: Across the Borderline

Der Highway liegt da wie eine tote Schlange. Platt und grau und ausgestreckt. Unter einem trüb-gelblichen Himmel, der aussieht, als wolle er sich jeden Moment übergeben. Seit Stunden würgt er, immer wieder jagen Windböen Sand und Regentropfen durch das geöffnete Seitenfenster, zerplatzen fette, blutleere Käfer an der Windschutzscheibe – sonst passiert nichts. Gar nichts. So geht das jetzt seit El Paso und irgendwie hat man das Gefühl, dass sich das auch nicht mehr ändern wird bis zum Golf. Manchmal sieht man ein Glitzern auf der rechten Seite. Das ist der Fluss.

Auf gut 2.000 Kilometer Länge bildet der Rio Grande die Grenze zwischen den USA und Mexiko. Man denkt da ja gern an einen reißenden Strom, aber lange Dürreperioden und rigoroses Abzapfen haben ihn zu einem erbärmlichen Rinnsal werden lassen. An vielen Stellen kann man den „Großen Fluss“ zu Fuß überqueren, ohne sich die Knie nass zu machen.

Früher hat hier ein ziemliches Hin und Her von Ufer zu Ufer geherrscht. Die einen wollten über den Fluss, weil sie den Arm des Gesetzes fürchteten. Die von der anderen Seite, weil sie die Pferde der texanischen Züchter liebten. Und nicht einsehen wollten, weshalb ihr geliebtes Tejas nach einem unglücklich verlorenen Krieg Texas heißen und den USA gehören sollte.

Texico oder Mexas? Blick über El Paso Downtown.

Texico oder Mexas? Blick über El Paso Downtown.

Mittlerweile ist der Grenzwechsel eine einseitige Angelegenheit geworden: Das rettende Ufer des Rio Grande liegt im Norden und dahinter das Land der angeblich so unbegrenzten Möglichkeiten. Die, die es erreichen wollten, sind Leute, die zuvor irgendwer aus ihrem Zuhause in Guatemala, Belize oder Chiapas gelockt hat mit dem Versprechen, sie in das Gelobte Land zu bringen. Wo sie dann hoffentlich von der Border Patrol gefunden werden, bevor sie in der Gluthitze verdursten.

In der blauen Stunde, wenn die Sonne hinter den Bergen versinkt, kommen die Menschen von beiden Seiten des Flusses zum Bier in den alten Trading Post. Die Gringos in Pick-ups oder auf schweren Harleys, die Mexikaner auf Pferden oder mit einer kleinen Fähre, je nach Wasserstand. Drinnen gibt es eisgekühltes Bier und ein handgeschriebenes Pappschild an der Kasse: „Welcome to Mexas. Bienvenido a Texi­ko.“ Vor der Tür sitzt ein Mexikaner mit Zapata-Bart und Akkordeon. „There’s a land, so I’ve been told“, singt er mit knarziger Stimme, „every street is paved with gold, and it’s just across the borderline“. Manche Mythen sterben nie.

Canyons: Ins Herz der Welt

Der Boden bricht plötzlich weg, im beinahe rechten Winkel. Die Erde öffnet sich und direkt unter einem klafft die Schlucht. Der Coyote Gulch im südlichen Utah gehört zu jenen Canyons, bei deren Anblick man sich am besten erst einmal setzt, so unermesslich groß und gewaltig kommt er einem vor. Und überhaupt muss man mal schnell nachdenken, in was man da eigentlich gerade hinunterblickt.

Es ist noch nicht allzu lange her, da schaute man von hier auf einen lang gestreckten See. Bis vor wenigen Jahren lag der Grund des Coyote Gulch 20 Meter unter der Wasseroberfläche. Ein Stück weiter südlich war in den 1960ern der Colorado River auf einer Länge von 270 Kilometern gestaut worden. Der Glen Canyon und fast 200 seiner Seitenarme versanken im Wasser des Lake-Powell-Stausees, und mit ihnen Sandsteinbögen, Überhänge, Felszeichnungen und 3.000 Ruinen präkolumbianischer Kulturen.

Diese Welt war für immer verloren. Dachte man. Dann aber kam die Dürre, ab der Jahrtausendwende, ins 15. Jahr geht sie nun schon. Im Lake Powell ist der Pegel auf unter ein Drittel gesunken. Aus dem verzweigten Labyrinth der Seitencanyons ist das Wasser beinahe komplett verschwunden.

Coyote Gulch: Jacob Hamblin Arch im Grandstaircase-Escalante National Monument.

Coyote Gulch: Jacob Hamblin Arch im Grandstaircase-Escalante National Monument.

 

Coyote Gulch: Wunderwelt

Es gibt nicht viele Orte auf der Welt, an denen man schon vor dem Ende der Menschheit ziemlich gut sehen kann, wie schnell deren Sünden eines Tages unsichtbar sein werden. Vielleicht auch deshalb übt ein menschenleerer Canyon wie der Coyote Gulch eine eigentümliche Faszination aus, wenn man in ihn hinuntersteigt. Natürlich hat das mit dem Wissen zu tun, sich in einem eben noch versunkenen Reich zu bewegen. Bestimmt aber trägt auch das Gefühl der Abgeschiedenheit dazu bei und das Empfinden, geradewegs ins Herz der Welt unterwegs zu sein.

Es ist eine seltsame Mischung aus Verlorensein und höhlenartiger Geborgenheit, die einen in solchen Canyons umgibt, und aus einem nervösen Kribbeln, das zuverlässig an jeder Kante oder Kurve dieser sogenannten Slot Canyons einsetzt. Weil das Gebiet vor der Flutung in den 1960er-Jahren nicht komplett durchkartografiert war, gibt es in dieser Region immer noch weiße Flecken. Man kann Ruinen entdecken, von deren Existenz niemand etwas wusste.

Gut möglich, dass man plötzlich irgendwo einen Schluchtenabschnitt erreicht, den – im Gegensatz zum fast überlaufenen und weltberühmten Antelope Canyon in der Nähe von Page, Arizona – seit Ewigkeiten kein Mensch mehr betreten hat. In dem Tonscherben der Anasazi auf dem Sandboden verstreut liegen oder versteinerte Stückchen von Dinosaurier-Knochen. In dem man sich vorkommt, als sei man ins Herz der Welt gelaufen. In das Herz der Welt und in eine andere Zeit.


 


INFOS

Einreise

Deutsche, Schweizer oder Österreicher können für 90 Tage ohne Visum einreisen. Mindestens 72 Stunden vor Abflug muss eine elektronische Einreise-Erlaubnis beim Electronic System for Travel Authorization (ESTA) eingeholt sein (13 Euro). Erwachsene wie Kinder benötigen einen maschinenlesbaren Reisepass, ebenso erforderlich: Rückflugticket sowie Adresse des ersten Hotels.

Hotel-Tipps

Urban Holiday Lofts: 2014 West Wabansia Avenue, Chicago Umgebaute Loft-Eigentumswohnungen. 25 Zwei- und Mehrbettzimmer. Das Haus versprüht rohen Charme mit unverputzten Mauerwänden, Hartholzböden und Stockbetten. Guter Startpunkt für den Ausflug ins Nachtleben von Wicker Park. DZ ab 90 Euro (mit eigenem Bad).

Little America Hotel:  2515 East Butler Avenue, Flagstaff (Arizona)Das komfortable, etwas plüschige Haus wird umgeben von einem kleinen Pinienwald. Zahlreiche Sehenswürdigkeiten, wie Grand Canyon National Park, Wupatki National Monument (mit Pueblo-Relikten der Anasazi-Kultur), Walnut Canyon und Montezuma Castle liegen nicht weiter als 120 Kilometer entfernt. DZ ab 140 Euro.

Buchtipps

Die Top-Reiseziele der USA führt der 748 Seiten starke Baedeker-Band „USA“ (29 Euro) auf, dazu Hintergrundinformationen, 114 Karten sowie Reisekarte mit Alaska und Hawaii. Auf stattliche 1.370 Seiten kommt „USA“ von Lonely Planet (29 Euro), gespickt mit reisepraktischen Informationen sowie Beschreibungen von Sehenswürdigkeiten und vielen detaillierten Restaurants- und Hotel-Tipps

Buchungstipp

Große Auswahl an Hotels, Rundreisen, Mietwagen, Campern und Flügen bei Dertour, Meiers Weltreisen, Canusa oder CRD  und America Unlimited.


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Über diesen Autor

Stefan Nink

Stefan Nink

wurde 1965 geboren und wuchs in einer Schule auf: Sein Vater war Lehrer in Neuwied am Rhein. Stefan wollte deswegen lange Zeit ebenfalls Lehrer werden. Frühere Berufswünsche waren u.a. „Taktstocker“ (Dirigent ist ein kompliziertes Wort, wenn man drei Jahre alt ist). Er hat stattdessen Politikwissenschaften studiert, Schwerpunkt Internationales Krisenmanagement. Damit war er prädestiniert für eine Laufbahn in der siebten oder achten diplomatischen Reihe. Oder der neunten. Stattdessen volontierte er beim SWR (damals noch SWF) und schrieb lange ausschließlich über Musik, beim „Musikexpress“ und für die „Welt“. Später gehörte er zum Gründungsteam des deutschen „Rolling Stone“ und interviewte Musiker für die ARD und das FAZ-Magazin. Größter Beinahe-Flop: Nach einem Spaghettikochabend bei Lenny Kravitz in NYC verzottelte er ein DAT-Band mit einer Gesangsspur von Kravitz, das er zwei Tage später Mick Jagger in London überreichen sollte. Glücklicherweise tauchte das Band wieder auf und das Duett der beiden dann auf Jaggers nächstem Soloalbum. Stefan begann 1991, Reisegeschichten zu schreiben. Und macht das bis heute. Zum Beispiel für „abenteuer und reisen“. Seine Reportagen wurden in 17 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Im Oktober erschein sein neuer Roman „Sonntags im Maskierten Waschbär“. Wie schon „Donnerstags im Fetten Hecht“ und „Freitags in der Faulen Kobra“ trägt auch das neue Buch starke autobiographische Züge.