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Waldhüttendorf Ramenai | Viel Holz vor und in den Hütten

Ramenai
Christian Haas
Geschrieben von Christian Haas

Almhütten- und Chaletdörfer am Berg und auf weiten Wiesen gibt es zuhauf – aber ein Waldhüttendorf? Ist eine sehr seltene Spezies. Im Dezember hat mit der Ramenai eines im Böhmerwald eröffnet. Wir waren als eine der ersten Gäste vor Ort …

Auf den ersten Blick

Keine Autos, kein Haupthaus mit Restaurant und Spa, kein Schilderwald, keine Weite. Als Erstes fällt auf, was alles nicht da ist. Was da ist: jede Menge Wald ringsum und sieben Holzhäuser, die sich um eine Art XXL-Hütte gruppieren. Man spürt sofort: Hier geht es familiär und unprätentiös zu, die versprochene „unaufgeregte Einfachheit“ lässt sich gleich erkennen. Wobei man sich jetzt keine stromlosen Herbergen mit Plumpsklo vorstellen darf, sondern komfortable und geräumige Behausungen mit Heizung, Privatsauna und stilvoller Innenausstattung. Gut zu wissen: Die Hütten unterschieden sich allesamt – in Größe, Ausrichtung und architektonischen wie ausstattungstechnischen Details.

RamenaiWald

Das Waldhüttendorf ist auto-, ergo stressfrei

In der Jägerhütte etwa kommen „nur“ zwei Personen unter, in den beiden Holzknechthütten  sind es zwei bis vier, in den zwei Waldbauernhäusern vier bis acht Gäste. Das Forsthaus wendet sich an größere  Gruppen (in Zukunft insbesondere für Seminare). Alle haben sie jedoch genügend Abstand zueinander und sind so gebaut, dass man nirgends groß reinsehen kann. Wenn im Sommer die Narben der Baustelle zugewachsen sind, dürfte das Areal noch privater wirken …

Was ist das Besondere an der Ramenai?

Hochplateau oder zumindest eine große Wiese, dazu Weit-, idealerweise Bergblick: So sieht die bekannte Kulisse von Almhüttendörfern aus. Was ja beileibe kein Makel darstellt, aber irgendwann auch austauschbar wird. Die Ramenai, im Dezember 2019 in großen Teilen eröffnet, schlägt einen anderen Weg ein. Das „Waldlerdorf“ liegt – nomen est omen – mitten im Wald, am Rand eines Naturschutzgebiets obendrein. So etwas gibt es bislang so gut wie nirgends, auch weil die Hürden für einen Neubau in so einem sensiblen Areal quasi unüberwindbar sind. „Mein Glück war“, sagt Betreiber Günter Hofbauer, „dass hier bereits einige Hütten standen und diese zudem der Gemeinde gehörten.“

Kamin_in_der_Ramenai

Sorgt für knisternde Stimmung: Feuer im Kamin

Die nämlich war froh, die arg heruntergewirtschafteten Objekte, zu denen auch ein hoher, hölzerner Aussichtsturm zählt, jemandem übereignen zu können, den man schon von einem anderen Projekt her als zuverlässigen Partner kannte. Schließlich betreibt Hofbauer seit rund zehn Jahren einen Hochseilpark (samt „Baumbett“) gleich ums Eck. Dessen Büro dient auch als Empfang für das Hüttendorf. Und das hat er in erstaunlich schneller Zeit soweit umgekrempelt (sprich, die alten Hütten von Grund auf saniert und weitere dazugebaut), dass bereits nach ein bis zwei Jahren die ersten Gäste einziehen können.

Hüttendorf

In der Architektur der Ramenai-Hütten vereinen sich alte Traditionen mit modernen Ansprüchen

So wohnt und schläft man

Bevor Besucher ihr Auto auf einem kleinen Parkplatz abstellen und die letzten 800 Meter zu Fuß – und sehr wirkungsvoll – durch den Wald zurücklegen (während das Gepäck mit einem charmanten Ape-Dreirad oder einem Quad transportiert wird), verdeutlichet bereits die Anfahrt, dass man sich in einem etwas versteckten Gebiet bewegt. Genau genommen im Dreiländereck Bayern, Oberösterreich und Tschechien, dessen Grenze sich zu Fuß in einer halben Stunde Waldspaziergang erreichen lässt. Bis 1990 war hier das Ende der westlichen Welt. Sackgasse. Nicht unbedingt „the place to be“. Der Vorteil heute: Ruhe im Überfluss. Und das Angrenzen ans größte zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas.

Böhmerwaldhütte

Zum nächsten Baum ist es nie weit – Fernblick geht anders

Das Material der aufgehübschten und minimal inversiv auf dem Waldboden installierten Hütten kommt überwiegend aus der Region. Vor allem ist das: Holz. Außen und innen vor allem helles Fichtenholz. Auch die bis zu sechs Meter hohen Räume sorgen – etwa im Waldbauernhaus – mit ihren vielen Fenstern für ein Kontrast zum ja tendenziell eher dunklen Wald. Und genau das ist das Aufregende: In den kann man aus der hütteneigenen Sauna oder vom Sofa am Holzofen hinaussehen. Hier ein umgestürzter Baumstamm mit viel Moos, dort emsige Vöglein bei der Nahrungssuche. Vielleicht lässt sich sogar mal ein Hirsch blicken, ein Luchs, eine Wildkatze?

Ramenai_Schlafen

Die Betten sind höher und härter als andernorts

Keine Autos, kein unnötiger Lärm, die Beleuchtung recht dezent. Da schläft man ruhig, wenngleich die Matratzen auf den überraschend hohen Holzbetten überraschend hart daherkommen. Ein Wort noch zur Galerie im ersten Stock: Die bietet kleineren Kindern viel Spielraum und einen guten Rückzugsort. Was aber bei mehr Menschen zu kurz kommt: Flez-Möglichkeiten vor dem Ofen oder dem Fernseher, wie dem Schaukelstuhl, dem Sessel oder dem Zweiersofa. Mehr als drei bis höchstens vier können sich gleichzeitig nicht in Lümmelposition bringen. Ausreichend Platz bietet hingegen der fast schon riesige Ahorn-Tisch. Hier würde auch die Maximalbesatzung von acht Leuten bequem sitzen.

Ramenaikueche

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt – und was die Gäste selbst anrichten

Geschmackssachen

Getreu dem Ansatz, auf jeden unnötigen Schischi verzichten zu wollen, existieren weder Haupthaus noch Wellnesstempel noch Restaurant. Hofbauers Grundidee: „Ich möchte den Menschen zeigen, das Zeit und Ruhe größter Luxus sind.“ Demzufolge sollen/dürfen sich die Gäste so viel wie möglich selbst beschäftigen – inklusive eigenes Kochen. Das heißt: Bis auf ein ansprechendes Begrüßungspackage, das aus regionalen Leckereien wie Milch, Käse, Honig und anderem besteht, muss man alles mitbringen. Zubereitet wird das dann in der „schwarzen Küche“, die nicht nur wegen ihrer Wandfarbe so heißt, sondern auch mit ihrem Equipment an eben jene Küchen der alten Zeit, die auch so hießen, erinnern sollen. Mit Emaille-Sieben, Vintage-Töpfen, speziellen Glas-Kaffeekannen.

Ramenai_Schwarzkueche

Die Küchenzeilen in den Ramenai-Hütten sind nicht umsonst schwarz gehalten – sie sind eine Erinnerung an früher

Unsere Erfahung: Für kleinere Gruppen und den Normalbetrieb reichen die beiden Herdplatten (Backofen gibt es keinen) gut aus, ist aber mal Aufwändigeres geplant und für viele Leute, könnte es eng werden. Wer übrigens mal partout keine Lust auf Kochen hat, findet auch in fußläufiger Umgebung Wirtshäuser – Hofbauer und sein Team informieren da gern.

Ramenai_Waldhüttendorf

Holz ist das bestimmende Material im Waldhüttendorf. Sei es vor der Hütte als auch die Hütte selbst

Was uns besonders gut gefällt

„Ich bin einer, der nichts importieren, sondern etwas Eigenes kreieren will“, erzählt Hofbauer. Gepaart mit der Tatsache, dass er sich als ehemaliger Reiseleiter und aktueller Hochseilgartenbetreiber zwar mit Gästen auskennt, aber nicht aus der Hotellerie kommt, sorgt das für einen frischen Ansatz. Und das spürt man. Vieles probiert er einfach aus: Die kleine Jägerhütte für zwei, ein unorthodoxes Romantiknest, in dem sich Küche, Schlafzimmer und Stube in einem Raum befinden. Oder demnächst die Ruheoasen samt Sitz- und Liegegelegenheiten im Wald.

Ramenai_Hauptraum

Herzstück der Hütten ist die helle und großzügige Stube

Vielleicht wird es sogar kleine Feuerstellen geben? Spektakulär mutet auch das Zimmerprojekt rund 15 Meter über dem Erdboden und ganz oben beim bereits bestehenden Aussichtsturm an. Weitere Indizien, dass man es nicht mit einer großen Hotelkette oder unpersönlichen Investoren zu tun hat, sind die architektonischen und innengestalterischen Details, die mit der Geschichte der Region zu tun haben. Die Art der Türen, der große Stubentisch, die seitwärts aufgehenden Schlafzimmertüren. „Ich habe Archive durchforstet und die Alten gefragt, um möglichst viel Authentisches mitunterzubringen“, erzählt Hofbauer. Dazu zählt auch ein dezentes, in Vergessenheit geratenes Blumenfarbmuster an einigen Wänden, das hervorragend mit dem Holz und dem Schwarz des zentralen Kamins und der Lampen harmoniert.

Lazy Ramenai

Da möchte man gar nicht mehr aufstehen – muss man ja auch nicht …

Die Ramenai ist ideal für …

… Paare, Familien (insbesondere mit kleineren Kindern) und Freundesgruppen, die wenig Input von außen benötigen. Generell Leute, die gut mit sich selbst auskommen, und die Ruhe und Abgeschiedenheit zu schätzen wissen und denen das Betütelwerden eines Chaletdorfs (das im heimlichen Frühstückstischdecken der Angestellten gipfelt) nicht recht behagt. Wem selbst das WLAN zu viel ist, kann es separat für die ganze Hütte abschalten (lassen) und sich voll auf das Leben rund um den Kamin und im Wald konzentrieren. Im Winter wartet der Einstieg ins Dutzende Kilometer umfassende Loipennetz direkt vor der Tür! Schön wäre es noch, wenn der Außenbereich rund um die Hütten etwas großzügiger nutzbar wäre – etwa in Gestalt einer Terrasse. Wobei es hierzu bereits Überlegungen gibt, ein paar der Hütten bieten auch jetzt schon etwas Outdoorfläche.

Holzholen_Ramenai

Ich und mein Holz: In der Ramenai dreht sich alles um Stämme, Äste, Zweige. Die sind auch wichtig fürs Feuermachen …

Sauna, Pool, Spa?

Das einzige ausgiebige Bad, das man in der Ramenai nehmen kann, ist ein Waldbad. Weder gibt es in den Hütten Badewannen (dafür sehr schöne Duschen) noch Plantsch- oder Schwimmmöglichkeiten. Pool, Naturteich, Jacuzzi? Fehlanzeige. Dafür sorgt die private Sauna für erhebende Gefühle. Nicht nur dass sie sich erfreulich schnell aufheizt, sie begeistert  zudem mit einem bodenlangen Fenster nach draußen. Angst vor Spannern? Muss man nicht haben. Höchstens vor gaffenden Eichhörnchen …

Galerie in der Ramenai

In der Galerie der Hütten können noch mal bis zu vier weitere (kleine) Gäste nächtigen. Oder spielen

Die Preisfrage

Eine Hüttennacht ist ab 125 Euro buchbar. Das ist nicht wirklich teuer. Neben ganz viel Ruhe, frischer Luft und einem sehr besonderen Platz mitten im Wald bekommt man außerdem einen Korb Kaminholz und das Waldlerpaket zur Begrüßung mit regionalen Leckereien bei der Ankunft.

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Info

www.ramenai.at


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Bildquellen

  • Ramenai_Aussicht: © Jan Hanser
  • Ramenai_Ofen: © Jan Hanser
  • Ramenai_Tisch: © Jan Hanser
  • Ramenai_Wald: © Jan Hanser
  • Ramenai_Schlafzimmer: © Jan Hanser
  • Ramenai_Kueche: © Jan Hanser
  • Ramenai_Schwarzkueche: © Jan Hanser
  • Ramenai_Aussenansicht: © Ramenai
  • Ramenai_Sofa: © Jan Hanser
  • Ramenai_Fuessehoch: © Jan Hanser
  • Ramenai_Holz: © Jan Hanser
  • Ramenai_Galerie: © Jan Hanser
  • Ramenai_Stube: © Jan Hanser

Über diesen Autor

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas – Jahrgang 1974, Wirkungsstätte München – liebt seit jeher die Kombination Reisen und Schreiben. Naheliegende Konsequenz: Studium der Geographie und Kommunikationswissenschaften in Eichstätt und München. Diplomarbeit in Venezuela, Nationalparkpraktikum in Puerto Rico, Redakteursanstellung in München. Seit 2002 als Reisejournalist und Autor selbstständig, Schwerpunkt Outdoor, Familie, Kurioses. Seit 2013 gehört Christian Haas zum Redaktionsteam von abenteuer und reisen.