Länderberichte

Westaustralien | Hochburg der Orcas

Orca in der Bremer Bay
Hilke Maunder
Geschrieben von Hilke Maunder

Die Bremer Bay ist ein besonderer Ort. Nirgendwo auf der südlichen Hemisphäre sammeln sich zwischen Februar und April so viele Orcas wie hier, südöstlich von Perth – auf einem Gebiet,
das gerade mal so groß ist wie eine paar Fußballfelder.

Drei Meter breit ist sie, in der Mitte eingekerbt und pechschwarz: die Fluke, die nur wenige Meter neben uns ins Wasser klatscht. Dann taucht der massige Körper auf, schwarz-weiß, fast wie gerippt. Und für den Bruchteil einer Sekunde habe ich das Gefühl, der Orca mustert mich abschätzend. Vermutlich Einbildung. Dann dreht er ab und zieht durch die Wellen der Bremer Bay Richtung Antarktis und macht einer Schule Pottwalen Platz. Wie eine Nussschale schaukelt das Boot, Spielball der Wellen und Wale. Mal sind sie 40, mal 20 Meter entfernt, tauchen unter dem Boot hindurch, umkreisen es und ziehen dann von dannen.

Bremer Bay

Einsamer Naturstrand mit Blick Richtung Arktis: Bre­mer Bay Beach. Das Meer ist trotz trügerischem Türkis eiskalt – für Orcas die ideale Temperatur

Magnet für Meeressäuger, Ölfirmen, Forscher

Wilder als hier wird’s kaum im Süden von Westaus­tralien. Schuld daran ist der Bremer Canyon. Entlang der Südküste Australiens gibt es rund drei Dutzend solcher Tiefwasserschluchten am Rand des australischen Kontinentalsockels. Doch keine produziert eine derartige Artenvielfalt, ist solch ein Wildnis-Hotspot wie die Bremer Bay. Der Grund: Unter dem Bremer Bay Canyon lagern riesige Gas- und Erdölvorräte. Sie geben Methan, Propan, Butan und andere chemische Verbindungen ins Meerwasser ab. Win­zige Bakterien verwandeln sie in Stickstoff – und damit in einen wahren Turbo-Dünger für Phytoplankton. Wenn im australischen Sommer der Wellengang nachlässt, drängt es in besonders großen Mengen nach oben – ein Festschmaus für Garnelen, Krabben und Schalentiere. Sie bilden den Anfang einer Nahrungskette, die schließlich die großen australischen Raubfische und Meeressäuger anlockt: Orcas, Pottwale, Schnabelwale, unzählige Haiarten, Delfine, Riesenkalmare und Seelöwen.

Wildnis_an_der_Bremer_Bay

Laufsteg in der Wildnis: Der Fitzgerald River National Park ist dank Dutzender Trails ein Wander-Dorado, insbesondere für Hiker mit Sinn für exotische Pflanzen

Whale Watching sorgt für Forschungsgelder

Und Forscher wie David Riggs. Sein Bremer Bay Project untersucht das Wechselspiel zwischen den untermeerischen Öl- und Gaslagerstätten und der Artenvielfalt im Ozean. 2013 stellte er die wilde Wal-Bucht von Westaustralien erstmals im US-Fernsehen vor. Der Reichtum der Bucht rief auch die Ölfirmen auf den Plan. Riggs reagierte mit der Gründung von Naturaliste Charters, das mit Whale-Watching-Törns seine Forschungen finanziert. Und zugleich auf viele Schultern verteilt: Jeder, der mitfährt, dokumentiert mit seinen Bildern dieses erstaunliche Ökosystem und hilft so es zu schützen.

Orca auf dem Sprung

Orca (fast) in voller Pracht

Mit an Bord der Wildnistörns sind immer auch Meeresbiologen wie Kirsty Alexander und Bec Wallard. Sie wollen ein Geheimnis lüften: Wo sind die Orcas der Bremer Bay das restliche Jahr? Erste Spuren geben ihre Gesänge. Sie sind nahezu identisch mit denen der Schwertwale der Antarktis. 2010 nahmen Riggs und Wallard DNA-Proben von einem Orca, der in der Bremer Bay verendet war. Verwandt mit den Orcas des Nordwestpazifik, verriet die Ana­lyse. Und bestätigte, was die Forscher längst geahnt hatten: Auch die Orcas migrieren über riesige Strecken durch die Weltmeere.

Zarte Blüten im Wilden Westen Australiens

Wild wie die Bremer Bay ist auch ihr Hinterland. Im 3.300 Quadratkilometer großen Fitzgerald River National Park wachsen unter den rund 2.000 Pflanzenarten 75 Exoten, die weltweit nur hier zu finden sind: feingliedrige Pflanzen wie die Pimela und die Quaalup Bell, imposante wie die Hakea Victoria, deren Blüten­stand stolz meterhoch aus dem Dickicht ragt.

Wanderer

Wanderer über dem Nebelmeer? Nein, über dem Fitzgerald National Park

Die weite Wildnis der Bremer Bay begeisterte zwei Hamburger so sehr, dass sie 2003 nach Australien auswanderten und das Groß­stadtleben gegen einen Neuanfang im Busch eintauschten. Fern­ab von der Zivilisation kauften Karin und Carsten Richelmann das historische „Quaalup Homestead“ und verwandelten es in eine Öko-Lodge – authentisch, rustikal und doch überraschend komfortabel. Am Rande des Anwesens markiert ein ausrangier­ter Teepott mit Geldschlitz im Deckel den Eingang zum Nature Walk, den Karin und Carsten samt hölzernem Ausguck auf 40 Hektar Buschland angelegt haben. Abends hüpfen Kängurus auf die Hofstelle und grasen zu Füßen der Gäste. Neugierig guckt ein „Joey“ aus dem Beutel. „Wir sind hier die Kinderstube der Natur“, sagt Karin. „Von Juni bis September etwa kommen die Buckelwale in die Bremer Bay, um ihren Nachwuchs zu gebären.“ Im April 2019 verirrte sich ein Blauwal in die Bucht. Das hätte er mal besser gelassen: Wie dort 50 Orcas das weltgrößte Tier zerfleischen, wurde dank den Aufnahmen von David Riggs ein viraler Hit.

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INFO

Whale Watching: Einziger offizieller Anbieter ist Naturaliste Charters (ab 245 Euro/8 Stunden), whales-australia.com.au/bremercanyonkillerwhales
Schlafen: Die einfache Öko-Lodge „Quaalup Homestead“ (Zimmer und Hüt­ten für zwei bis sieben Personen) ist einzige Unterkunft im Nationalpark, auch Cam­ping und Caravaning. DZ ab 75 Euro. whalesandwildflowers.com.au
Klicken: Ideen und Infos über Westaustralien unter westernaustralia.com

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