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Selbstversuch | Ich und ein Wohnmobil?

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Unser Autor reist gern mit kleinem Gepäck und schnellen
Autos, übernachtet am liebsten in schönen, großzügigen
Hotelzimmern. Er ist also alles andere als ein natural born
Wohnmobilist.
Aus Neugier fuhr er im Sommer mit einem
Sieben-Meter-Koloss durch Dänemark.

Oh mein Gott! Das Teil ist riesig. Und wertvoll! 79.690 Euro kostet der Hymer ML-I 580 in der Basisausstattung. Und heiß ist es da drin! Am Tag der Übergabe in Bad Waldsee brennt die August-Sonne vom Himmel. Drinnen: Backofentemperatur. „Hat der Klima?“, will ich wissen. „Nur, wenn er fährt.“ Ok, denke ich mir, bei Hitze werde ich den ganzen Urlaub fahren müssen, nie stehen bleiben. Oder doch lieber den kühlen Norden ansteuern? Dänemark etwa. Das kleine Land zwischen Nord- und Ostsee ist entspannt, zählt sage und schreibe 449 „Campingpladser“ und gilt als Camper-Paradies. Alle 95 Quadratkilometer ein Platz.

Versorgen, entsorgen, sichern

Zeit für die technische „Einweisung“. Nach wenigen Minuten schwirrt dir der Kopf. Schalter, Systeme, Gasflaschenhaupthahn, Toilettenkassette, Klappbett, Kurbeln, Entsichern, Einrasten, Füllstandskontrolle, verriegeln, entriegeln, zentrales Kontroll-Paneel, automatische Brauchwasserentleerung, Entlüften, Kurbeln, Fixieren. Hier das Kabel mit Adapter, dort der Schlauch, Keile und Bremsklötze, Sitzarretierung, Bettfixierung, absenkbare Handbremse.

Es ist klar: Man muss technikaffin sein, passionierter Heimwerker und  Tüftler mit Hang zur Ent- und Versorgung. Sonst wird das nichts mit dem reibungsslosen Campingurlaub. Ob wir jemals kühles Bier aus dem Kühlschrank, ein warmes Gericht und ein korrekt entleertes Bord-WC hinbekommen werden? Ob ich das Riesenteil ohne Kollateralschäden auf enge Stellplätze bekomme?

Start zur ersten Etappe: Bad Waldsee – Herrsching. King of the Road-Feeling mit nur 3,5 Tonnen Stahl, Kunststoff und Elektronik unterm Hintern. Die Frontscheibe weit vor mir. Laut dieselt der 2,2 Liter Sprinter-Motor. Der Aufbau erweist sich auf der A 96 als effektives Seitenwindsegel. Wie mag das wohl im stürmischen Norden werden?

Truck beladen statt Koffer packen

Nach den ersten Autobahn-Überholmanövern und zwei, drei achtsam im Schritttempo genommenen Kreisverkehren ist die Anspannung verpufft. Zuhause ein großes Hallo. Die Kleine jubelt. Der Nachbar staunt. Der Pfänder rennt. Rein und raus. Rein und raus.

Das Beladen mit dem Allernotwendigsten – keine zehn Prozent dessen, was auf einschlägigen Plattformen als unverzichtbar definiert wird – zieht sich. Stunde um Stunde schleppen wir den halben Hausrat, Fahrrräder (die kommen in die 1.20 Meter hohe und 2.20 Meter lange Heckgarage), Stühle & Co. in das WoMo, das alles schluckt, auch die abschließenden 120 Liter Frischwasser.

Abfahrt am folgenden Tag in aller Herrgottsfrüh. Ziel: das dänische Küsten-Örtchen mit dem nicht ganz so frisch klingenden Namen Gammelgab.

Bis dahin sind es 1.019 Kilometer. Mit Pkw kein Problem, aber mit einer rollenden Wohn-, Koch-, Dusch- und Schlafeinheit? Auch keins. Wäre da nicht der Endlosstau zwischen Hamburg und Flensburg. Das ansonsten in Staus nervtötende und streitbringende „ich muss Pipi“ von den hinteren Plätzen lässt uns kalt. „Dann mach doch“, das ist schon praktisch.

Schnell und nicht zu durstig

Erste Lektion: Die Dinger sind schneller als man glaubt. Die 143 PS des Basis-Sprinters bringen uns vor Sonnenuntergang an die Ostsee. Lektion zwei: So durstig wie befürchtet ist das Gefährt mit der Aerodynamik einer Staumauer gar nicht. Knapp 12 Liter schluckt unsere rollende Burg im Schnitt. Und dank extrem kurzen Radstands sind auch alle der wirklich zahlreichen Kreisverkehre der Dänen heil geblieben.

Lektion drei: Wer mühsame Manövrier- und Einparkarbeit vermeiden will, fährt auf dänische Campingplätze. Die haben immer acht bis neun Meter breite Stellflächen, denn aus feuerrechtlichen Gründen müssen zu den Nachbarn auf beiden Seiten mindestens drei Meter Luft bleiben.

Abendspaziergang mit der Pipi-Kiste

Wohnmobil geparkt, Sitze und Tisch in Position gebracht. Stromkabel angeschlossen, Gasherd angeworfen, kühler Wein aus dem 140 Liter fassenden Kühlschrank, Beine hoch. Ja, das ist hyggelig, wie der Däne zu sagen pflegt.

Aber dann, nach dem Espresso, ist Spülzeit. Wassererhitzung ist angesagt. Drehen und Drücken am Paneel. Das dauert. Und ist eng. Und riecht irgendwie. Ich hab keine Geduld.

Also das ganze Geschirr filigran gestapelt zur Gemeinschaftsspülbeckenhütte balanciert. Ein Glas geht zu Bruch. Irritierte Blicke der Könnerfraktion. Dann ist Anstehen angesagt. Nur Männer sind beim Spülen. Die machen das gründlich, umständlich und kontemplativ.

Lektion vier: Du bist nie allein. Und nie der erste. Auch nicht bei den Duschen. Und den Toiletten. Und schon gar nicht dort, wo man die WC-Kassette entleert. Lektion fünf ist eine Frage. Soll man es Urlaub nennen, wenn erwachsene Männer einen Plastikbehälter auf Rädern hinter sich herziehen, in dem 20 Liter Urin, Wasser und Chemie schwappen? Jeden Tag, da vor allem die Kleine nichts lieber macht als auf der bordeigenen Toilette Pipi.

Das tägliche Suchspiel

Lektion sechs: Die Matratzen sind bequemer als in vielen Hotels. Wer länger als 1,85 ist, schläft mit angezogenen Beinen. Lektion sieben: Ein Hund kläfft immer. Auch nachts. Camper lieben nicht nur ihre rollenden Pipi-Kisten, Trainingshosen und Windschutzschilde aus PE-Folie, sondern auch Hunde. Die sind natürlich mit dabei und freuen sich. Meist lautstark.

Erstes Frühstück an Bord. Wo ist der Kaffee? Wo das Tablett. Wo das Brot? Und das Allroundmesser. Schublade auf, Schublade zu. Klappe auf, Klappe zu. Mein Kurzzeitgedächtnis lässt nach. Oder ein Unbekannter hat nachts alles umgeräumt. Lektion acht: Du suchst immer.

Lektion neun: Sage beim Check-in immer, dass dein Gefährt 2,22 Meter breit und sieben Meter lang ist. Sonst bekommst du von Hecken umstellte, abgelegene Stellplätze mit 2,30 schmaler Zufahrt zugewiesen, in die man das Wohnmobil besser per Kranwagen platziert.

Immer in der ersten Reihe!

Unsere rollende Trutzburg ist vollautark. Mit Gasvorräten für drei Wochen, viel Frischwasser und großem Abwassertank. Da könnte – und sollte – man die große Freiheit nutzen, einfach so in die Dünen fahren oder am Fjord das Lager aufschlagen. Geht aber nicht.

In Dänemark wie in den meisten Ländern Europas ist das offiziell verboten. Wird hie und da geduldet, in Dänemark aber rigoros unterbunden und ist  nur in Schweden, Finnland, Norwegen und der Schweiz dank Jedermannsrecht erlaubt.

Was bleibt, um sich ein Gefühl von Freiheit zu bewahren? Immer in der ersten Reihe stehen, mit dem Bug im tobenden Wind, und nur das Meer vor Augen, keine anderen Wohnburgen.

Ja, der Wind, unser ständiger Begleiter. Der dänische Sommer hatte für uns an allen Tagen zwischen vier und sechs Beaufort parat. Die Flanke des Wohnmobils wirkt wie ein Segel. Der Fahrer muss aufpassen, das Wohnmobil macht dann Sprünge wie eine bockige Geiß. Dafür ließ sich unser Riese beim Verfahren in Arhus gutwillig und extrem wendig auch durch engste Straßen manövrieren.

Lektion zehn: Wohnmobil-Kapitäne grüßen sich auf der Straße – und helfen sich bei technischen Problemen. Es sei denn, die WoMo-Driver kommen aus Italien. Die blockieren unter lautstarken Diskussionen die Ver- und Entsorge-Spots auf den Campingplätzen. Dabei ist der technische Unverstand, den sie an den Tag legen, genau so groß wie die Grandezza, mit der die fahrenden Burgen umständlich hin- und her rangiert werden.

Meine Erkenntnis: Pfänder, du bist genetisch bedingt kein natural born camper. Dafür aber kann unser Leih-Wohnmobil nun gar nichts. Das ist wendig, sparsam und leicht. Und auch für einen Laien gut zu haben. Erkenntnis Nummer zwei: Flossen und Taucherbrille braucht man in Dänemark nicht wirklich. Erkenntnis Nummer drei: Mein nächster Urlaub findet wieder mit Koffer statt, einem ganz kleinen.


 

Wohnmobil leihen

Bei rent-easy.de bekommt die ganze Hymer-Bandbreite von kompakt bis XXL. Ein vollintegriertes WoMo der Kategorie „Exclusive First“ wie etwa der ML- I 580 von knapp 3,5 Tonnen kostet in der Nebensaison 126 Euro, in der Hochsaison 173 Euro pro Tag, zuzüglich Servicepauschale von 145 Euro.

Campingplätze und Tipps zur Rundreise

Lyngvig Camping liegt großartig zwischen Nordsee und dem Ringkøbing Fjord beim Örtchen Hvide Sande. Freie Platzwahl, viele Kitesurfer, legeres Ambiente zwischen wunderschönen Dünen. Unterdurchschnittliche, nicht wirklich saubere Sanitäranlagen – aber dafür ein irrsinnig schöner, wilder Strand.
Sehenswertes auf der An- und Weiterreise: Die fast schon kitschige Altstadt von Ribe, die langen Strände und Dünenlandschaften der Westküste von Jütland und der weitläufige Nykobing Fjord, eine spannende amphibische Landschaft.

Camping Skiveren unweit der wilden Nordseeküste im Naturschutzgebiet (!). Eckig, heckig und wenig naturnah. Sehr gute und zahlreiche Sanitär- und Kücheneinrichtungen, großer Spielplatz, netter Pool.
Sehenswertes auf der An- und Weiterreise: Sensationelles Naturschauspiel in Grenen bei Skagen, wo Ost- und Nordsee im wahren Sinn des Wortes aufeinanderprallen. Das großartig gemachte und extrem lehrreiche Nordsee-Ozeanarium in Hirtshals. Die Wanderdüne Råbjerg Mile und die Versandete Kirche.

CampOne Bøjden auf der Insel Fünen ist viel zu teuer für die gebotene Leistung und angesichts der Tatsache, dass sogar Duschwasser extra abgerechnet wird. Dennoch: Wer einen Platz in der ersten Reihe, nur zehn Meter vom Ostseestrand bekommt, hat fast das Gefühl, allein in der Natur zu stehen. Ideal für Wassersportler und Exkursionen durch die Dänische Südsee ab dem netten Städtchen Faaborg.
Sehenswertes in der Umgebung: Faaborg, Svendborg und die vielen vorgelagerten Inseln der Dänischen Südsee.

DCU Camping Absalon ist ein großer, recht günstiger und gut ausgestatteter Platz nur 15 S-Bahn-Minuten vom Zentrum Kopenhagens. Bahnstation 15 Gehminuten entfernt. Für Kopenhagen sollte man man drei Tage einplanen. Außerdem unbedingt nach Roskilde fahren, dort locken das klasse gemachte Wikingermuseum mit viel Hands-on-Erlebnissen, eine prächtige Altstadt sowie die Domkirche mit Königsgräbern.

Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch? 10.000-km-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „abenteuer und reisen“ liebt fremde Ufer und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up Paddling, auf dem Bike und in der Sauna.

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