Länderberichte

Wüstenwandern im Oman | Dünen-Rausch!

Wandern im Oman: Märchenhafter Sternenhimmel über der Rub al-Chali
Dietmar Denger
Geschrieben von Dietmar Denger

Wer im Urlaub vor allem Freiraum braucht, wird beim Wüstenwandern im Oman geradezu euphorisch. Die weltgrößte Sandwüste Rub al-Khali fasziniert mit surreal wirkenden Gebirgen aus Sand und einem Sternenhimmel, wie ihn sonst wohl nur Astronauten erleben

Die aufregendsten Reisen beginnen dort, wo Straßen enden. An einem baufälligen, kleinen Kiosk im Nirgendwo quittieren unsere schwer beladenen Geländewagen das abrupte Ende des Asphalts mit einem Rumpler. Ab nun ziehen wir eine dicke Sandwolke hinter uns her. Das Abenteuer „Wüstenwandern im Oman“ kann beginnen!

Wandern im Oman: Ganz schön anstrengend: Überquerung eines Dünenfelds in der Rub al-Khali

Ganz schön anstrengend: Überquerung eines Dünenfelds in der Rub al-Khali

Vom Arabischen Meer in Salalah aus sind wir drei Stunden in den Norden gefahren, vorbei an den Ruinen des antiken Städtchens Ubar. Hinein ins „leere Viertel“, so die Übersetzung für Rub al-Khali, die größte Sandwüste der Erde! Fast zweimal so groß wie Deutschland und mit 300 Meter hohen Dünen so unwirklich, dass sich sogar die meisten Beduinen seit jeher lediglich durch deren Ränder wagten.

Spektakuläre Nächte in der Rub al-Khali

Unser Guide schaut auf sein GPS. „Hier links ab“, ruft Jerome Blösser unserem omanischen Begleiter Amur zu. Dann biegen wir ab, mitten hinein ins Meer aus Sand. Nach dem ersten kleinen Schock, als das Auto mit heulendem Motor auf eine Mauer aus Sand zufährt und dann steil in die Höhe steigt, macht es Spaß. Noch ein bisschen Zickzack durch die Düne, dann ist der Lagerplatz erreicht, von dem aus unser Abenteuer Wüstenwandern im Oman beginnt.

Am frühen Abend kann man dem eigenen Herzschlag lauschen. Über die Gegend legt sich eine Stille, die am ersten Tag fast unheimlich wirkt. Wenn die Wüste die letzten Rosatöne verschluckt hat, wenn das Brummen und Säuseln, Zischen und Singen des Windes über den Dünen verstummt, wenn Ohren, Haare und Klamotten halbwegs vom Sand befreit sind, dann lässt sich seelenruhig das spektakuläre Nachtprogramm genießen.

Wüstenwandern im Oman: Morgens beim Queren eines riesigen Dünenfelds

Szenen unserer Wüstenwanderung im Oman: Morgens beim Queren eines riesigen Dünenfelds

Erfahrener Wüsten-Guide

Wer sich als unbeholfener Mitteleuropäer zum Wandern in die größte Sandwüste wagt, hat am besten jemanden dabei, der sich hier auskennt. Uns führt sogar einer der versiertesten Wüstenwanderer überhaupt durch die Rub al-Khali.

Jerome Blösser hat zu Fuß schon zahlreiche Sand- und Eiswüsten durchquert und sich dabei mitunter nachts von den Sternen führen lassen. Darum tappen wir auch nicht im Dunkeln, als er zum Beduinen-Dinner von den Wandersachen ins traditionelle, lange Kurta-Hemd und den Wisar genannten Wickelrock wechselt, dann auf dem Boden Platz nimmt und zwecks Sternenkunde die große Lagerlampe ausknipst. Der Sternenhimmel über der Wüste wirkt derart zum Greifen nah, wie ihn ansonsten wohl nur Raumfahrer erleben.

Wandern im Oman: Guide Jerome Blösser

Hat schon viele Sand- und Eiswüsten durchquert: Jerome Blösser

Großes Sternbild-Raten

Blösser zeigt uns den Orion, den mythischen Himmelsjäger, erklärt die Kassiopeia, die ihr markantes W in den Nachthimmel zeichnet, und beschreibt seine Methode, wie man sich Sternenbilder mit zeitgemäßen Assoziationen manchmal besser erschließen kann. „Schaut mal, wenn man sich Sirius als eine Hundenase vorstellt, dann sieht das Sternbild Canis Major plötzlich aus wie ein süßer Yorkshire-Terrier.“

 

Wandern im Oman: Ein letzter Schluck vor dem Dünenaufstieg

Ein letzter Schluck vor dem Dünenaufstieg

Anstrengender Dünen-Aufstieg

Nach einer kurzen Etappe durch ein flaches Trockental folgen wir dem Bogen eines Dünengrats empor, den der Wind perfekt aus dem Sand geblasen hat. Dünen entpuppen sich unter den Füßen als äußerst fragile, weiche Gebilde. Das Gehen bergauf ist vergleichbar mit einem steilen Aufstieg durch Neuschnee … und ist extrem anstrengend.

Ab 9 Uhr zeigt die Sonne, was sie draufhat. Noch wichtiger als Stöcke ist eine gute Kopfbedeckung. Die Gruppenteilnehmer haben sich in Salalah mit den farbenfrohen Massar-Tüchern für den omanischen „Turban“ eingedeckt. Je nach Sonnenstand zieht man daraus Ecken als Schattenspender ins Gesicht, zugleich kühlt das Tuch, wenn es vom Schweiß feucht wird. Und man schwitzt ordentlich, auch wenn Wintertage in der Wüste mit rund 30 Grad vergleichsweise moderat warm sind.

Wandern im Oman: Grundstein für einen erfolgreichen Wüstentag gelegt

Beim Frühstück wird der Grundstein für einen erfolgreichen Wüstentag gelegt

Wüstenwandern im Oman: Unser erster Gipfel!

Unser erster Wüstengipfel erhebt sich 150 Meter über die Wadis, die trockenen Flusstäler. Die Aussicht von oben ist spektakulär. Wie endlos lange Gebirgsstöcke erhebt sich eine Dünenwand nach der anderen bis zum Horizont.

Blösser navigiert im Nomadenstil: nach Augenmaß. Zur Sicherheit hat er aber auch GPS und Peilkompass im Gepäck. Er ist jetzt ganz in seinem Element. Er schaut auf den Dünenhang vor uns, in den der Wind ein perfektes Wellenmuster geformt hat wie den geharkten Kies eines Zen-Gartens. „Total faszinierend ist, dass die feinen Muster im Sand ihre Entsprechung auch im ganz großen Maßstab haben, wenn man sich die lang gestreckten Dünenfelder und Wadis dazwischen auf einem Satellitenbild anschaut.“

Wandern im Oman: Überwältigend: Sternenhimmel über der Wüste

Überwältigende Augenblicke: Sterne, zum Greifen nah!

Der Wüstenwanderer aus Berlin

Der Beginn der Wüstenleidenschaft von Blösser liegt 27 Jahre zurück. Aufgewachsen in Berlin und schon immer fasziniert von Wüstenfotos, durchquerte er 1992 die Sahara per Motorrad. Zwei Jahre später entdeckte er bei der Traverse der algerischen Grand Erg Oriental seine Liebe zum Wandern. Es folgten Wüstendurchquerungen in Mauretanien und Namibia, Libyen und China.Schließlich schmiss er den gut bezahlten Managerjob in der Medienbranche hin und entschied sich, seine Passion für die Wüste und das Reisen zum Beruf zu machen.

Mit dem eigenen Unternehmen teilt er seit einigen Jahren seine Faszination mit wanderbegeisterten Gästen in den menschenleeren Regionen dieser Welt.

„Ich habe die Wüste mit dem Auto, Motorrad, Lkw und zu Fuß bereist und muss sagen, dass das Gehen die einzig adäquate Art des Reisens in dieser Landschaft ist. Natürlich schafft man auf einer Wanderreise viel weniger Strecke als mit dem Geländewagen, aber man erlebt die Wüste Schritt für Schritt sehr intensiv.“

Wandern im Oman: Überraschende Begegnung mit einem Nachtfalter

Überraschende Begegnung mit einem Nachtfalter

Beduinen-Beats aus dem Auto

Als uns Amur, Assad und Youssef mit den Geländewagen einholen und die Türen öffnen, quellen kühle Klima-Anlagenluft und hämmernde Beats omanischer Beduinentrommeln aus dem Auto. Amur, hält es persönlich gern mit dem modernen omanischen Lifestyle. Lachend bekennt er: „Autofahren macht mir in der Wüste, glaub’ ich, noch ein bisschen mehr Spaß als das Wandern.“

Von der nächsten Düne aus ist unser Tagesziel zu erkennen. Blösser deutet auf einen markanten Sandberg auf der anderen Seite eines weiten Wadis. „An seinem Fuß werden wir übernachten.“ Die Entfernung lässt uns einen kompletten Tagesmarsch befürchten, das täuscht aber gewaltig. „In einer Stunde sind wir da“, beruhigt der Fachmann fürs Sandige. Verblüffend: Ohne Erfahrung und einen klaren Bezugspunkt sind Entfernungen kaum einzuschätzen.

Abstecher nach Salalah: Weihrauch im Suq

Dreigängiges Wüstenmenü

„Genusswandern“ nennt Blösser unsere Reise. Es ist die softere Variante seiner Oman-Trips. Statt einer kompletten Tagestour wandert die Gruppe dabei nur vier bis fünf Stunden. Kurz nach Mittag ist bereits das Lager erreicht, wo die omanischen Helfer schon Tee, Datteln und Melonen auf dem Teppich drapiert haben.

Als die Sonne wie eine rote Riesenkugel aufs Sandmeer herabsinkt und bei ihrem Verschwinden ein dramatisches Farbenspiel von Gelb und Feuerrot, Orange und Rosa entfacht, duftet es vom kleinen Kochzelt hinter den Autos verführerisch. Drei Gänge zaubert das „Team Oman“ allabendlich aus den Vorräten, die den Laderaum eines Wagens ausfüllen. Der zweite ist bis zum Anschlag mit Wasser beladen, im dritten finden Zelte und der Rest der Ausrüstung Platz.

Wandern im Oman: Am Strand von Salalah

Ausklang an der Küste: Am Strand von Salalah

Regen bringt den Sand zum Blühen

In den nächsten Tagen sind unsere Etappen länger und die Dünen höher. Schnell gewöhnt man sich an diesen Rhythmus des Unterwegsseins. Und auch an die Entbehrungen beim Wüstenwandern. Dazu gehört, dass das kostbare Wasser allein zum Trinken und Kochen da ist. Die nächste Dusche gibt es erst in Salalah.

Jeder Tag und jede Nacht bringen Überraschungen. Nach den regenreichen Wochen zum Winterbeginn sind einzelne Wadis in ein gelbes Blütenmeer getaucht. Sogar hoch oben auf den Dünen sprießen Pflanzen aus dem Sand. In der dritten Nacht zeigt die Rub al-Khali, dass sie nicht nur still und sternenklar sein kann. Fallwinde kneten die Zelte ordentlich durch und treiben den Sand durch die Moskitonetze.

Zum Abschluss unserer Wandertour stehen am frühen Morgen Mond, Venus und Jupiter so klar als Trio über dem Horizont, dass man sogar noch drei Jupitermonde mit bloßem Auge erkennen kann!

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne
Der Artikel wurde durchschnittlich mit 4,82 von maximal 5 möglichen Sternen aus 33 Bewertungen bewertet.
4.82 5 33
Loading...

Das könnte dich auch interessieren:
Weitere Reportagen aus dem Oman

 


Info Wüstenwandern im Oman

Veranstalter

Mit seinem kleinen Unternehmen Puretreks organisiert Jerome Blösser Wanderreisen auf vier Kontinenten. Bei den Wüstenreisen im Oman stehen zum Tourstart und -ende einige Strandtage in Salalah auf dem Programm. Die softere Version kann auch von aktiven Gästen ohne viel Wandererfahrung bewältigt werden. puretreks.com

Hauser Exkursionen bietet ebenfalls mehrere Trekkingreisen im Oman an. hauser-exkursionen.de

Buch-Tipp

In seinem neuen Buch „Freiheit unterm Wüstenhimmel“ erzählt Wüstenwanderer Jerome Blösser in Text und Bild von seinen Abenteuern in Mauretanien, Grönland, Libyen, China, Namibia, Oman und anderen Ländern und gibt dabei auch spannende Einblicke in die Kulturen der Länder. Erschienen bei Frederking & Thaler. frederking-thaler.de

Web

Weitere Infos über das Ministry of Tourism Oman. experienceoman.om


Ihr wollt diese Reportage ungekürzt oder weitere spannende Reportagen zu unseren Zielen lesen und von vielen reportergetesteten Tipps und Adressen in den Info-Guides profitieren? Dann empfiehlt sich unser  flexibles Zeitlos-Abo oder eines unserer attraktiven Prämienabos.

 

Über diesen Autor

Dietmar Denger

Dietmar Denger

Zuhause in beiden Welten – Bild und Text – und bietet Fotoreportagen aus einer Hand: unkompliziert in der Umsetzung vor Ort, stimmig und intensiv im Zusammenspiel von Text und Bildern. Fotografieren und gutes Schreiben lernte er schon früh als freier Mitarbeiter bei Zeitungen und der dpa. Mit Fotos und Texten finanzierte er sich das Studium der Medienwissenschaften und Tourismus-Geographie. Danach folgte ein Volontariat bei „Max“, ehemals das Magazin schlechthin für Foto-, Design- und Popkultur. Später war er Redakteur bei „abenteuer und reisen“ und leitender Redakteur beim „ADAC reisemagazin Traveller“. Mit Reportagen aus aller Welt lebt er seine Begeisterung fürs Reisen, mag bei der Fotografie Menschen ganz nah ebenso wie Stadtporträts, grandiose Naturlandschaften genauso wie Lifestyle, Design und Architektur. Zeitgemäße Themen und Motive für seine zweite Leidenschaft Berge findet der gebürtige Westfale zwischendurch immer wieder gern rund um seine Wahlheimat in den Bayrischen Alpen.