Länderberichte

Yangon | Myanmars charmante Boomtown

Yangon
Manuela Imre
Geschrieben von Manuela Imre

Yangon ist Tradition und Moderne, befindet sich im Wandel. Kunst und Gastronomie boomen, ohne den Bezug zur Geschichte des Landes zu verlieren

Lange Jahre stumm gehalten, bricht die Kunstszene in der Fünf-Millionen-Stadt Yangon nun explosionsartig hervor. Junge Maler wie Aung Naing Soe funktionieren kurzerhand ihre privaten Wohnungen zu einer Mischung aus Galerie und Atelier um. In einem schmalen Raum wird gemalt, Tee gekocht, gelehrt und diskutiert.

Museen für die heimische Kunst hat das südostasiatische Land kaum, auch Kunstunterricht ist selten. „Es läuft alles im Selbstmodus“, sagt Aung Naing Soe, was anstrengend, aber auch spannend sei.

Großes Hallo an der Shwedagon Pagoda

Doch nicht nur die Kunst boomt: In ähnlich schnellem Tempo bringen Querdenker, Trendbewusste und Hipster mit neuen Bars, Restaurants und Designershops einen frischen Wind in den verstaubten Apparat des Landes – und das, ohne die Tradition zu vernachlässigen. Zwar sprießen coole Bars und Restaurants wie „Union“, „Fahrenheit“ oder „Gekko“ Pilzen gleich aus dem Boden, niemals aber ohne Bezug zur Geschichte von Myanmar.

Tradition und Moderne leben in Yangon so dicht nebeneinander, dass sie fließend ineinander übergehen. So trifft sich die junge Szene zum Happy-Hour-Cocktail im „Union“, quetscht sich anschließend eine Hausecke weiter auf Plastikhocker, um frisch gemachte Shan-Style-Nudeln vom Mini-Straßenstand zu bestellen.

Danach gibt es einen Drink in der neusten Sake-Bar oder man zieht gleich weiter zur nächsten Ausstellungseröffnung – um dann morgens brav vor dem Tempel zu stehen und den vorbeigehenden Mönchen Essensspenden zu überreichen.

Klebrige Schwüle breitet sich aus

Die frühen Morgenstunden kurz nach Sonnenaufgang, wenn die ansonsten verkehrsverstopften Straßen noch frei sind und die Luft noch klar und frisch ist, lernen auch wir zu lieben. Ab zehn Uhr drückt die Sonne auf Yangons Tempeldächer und eine klebrige Schwüle breitet sich aus.

Fotograf Thomas Linkel jongliert zwei große Kameras auf einem Hotel-Bike vorbei am grünen „Peoples Park“, in dem die ersten Frühsportler elegante Tai-Chi-Bewegungen machen.

Kurz vor dem Frühstück, der Arbeit, der Schule tummelt sich halb Yangon in der majestätisch, weitläufigen, gut 2.500 Jahre alten buddhistischen Anlage der Shwedagon Pagoda, um sich den Segen für den anstehenden Tag abzuholen.

Warten vor Dickbauch-Buddhas

Shwedagon, das wichtigste, heiligste, schönste und schimmerndste Monument des Landes, kann einem leicht Sprache und Orientierungssinn rauben. Die 60.000 Quadratmeter große Plattform thront auf dem Singuttara-Hügel und ist ein weitläufiges und verwinkeltes Labyrinth aus Gold, Marmor und Edelsteinen.

Man wartet geduldig in Schlangen vor einem dickbauchigen Buddha, legt Blumen nieder und zündet ein Räucherstäbchen an. Mönche in dunkelroten Gewändern schreiten geschäftig über den weißen Marmorboden, dahinter folgen Einheimische im Sonntagsgewand in einer kleinen Prozession zum Glockenklang.

Wasser schöpfen fürs Glück

„An welchem Wochentag bist du geboren?“, fragt eine Stimme neben mir. Drei Minuten später werde ich von einem älteren Herren sanft vor eine Garuda-Statue geschoben. Die mystische buddhistische Kreatur, halb Vogel, halb Mensch, ist für die Sonntagskinder gedacht. Und nun?

Kumin, ein 20 Jahre jünger aussehender 81-Jähriger, ist ein pensionierter Geschichtsprofessor. „Du bist interessiert, hast aber keine Ahnung“, analysiert er die Lage richtig … und legt los mit meiner Garuda-Lehrstunde: „Mit einem kleinen, silbernen Becher Wasser vom Brunnen nehmen, Hände waschen. Dann den Becher wieder füllen und über Garuda kippen. Einmal für Gesundheit, einmal für Frieden, einmal für Erfolg im Beruf, einmal für die Eltern, einmal …“

Ich schöpfe und schöpfe, bis mir die Glücksthemen ausgehen. Dann muss ich, laut Kumin, den unteren Teil der Statue anfassen und der Herr Professor rezitiert ein schön klingendes Gebet, von dem ich keine Silbe verstehe.

Nun kann der nächste Yangon-Tag richtig beginnen. Mit einem frischen Kaffee, bitte, und einem Nudelsnack. Wir radeln zurück in Richtung Innenstadt. So quirlig das Treiben auf den breiten Straßen und in den engen, verwinkelten Gassen auch sein mag: Ein ruhiger Plastikhocker für einen heißen Kaffee findet sich immer.

Wissensdurst und Bildungshunger

Wir quetschen uns an einen winzigen Tisch, neben uns lesen ältere Herren konzentriert Zeitung. Die Presse-Dichte, die allmorgendlich auf kleinen Holztischen drapiert wird, ist beachtlich. Auf den Titelseiten gibt es an diesem Morgen Bilder von bewaffnetem Militär in einem kleinen Dorf im Norden des Landes. „Soldaten“, sagt Mr. Mua sachlich, „sind nicht gut für uns.“

Die anschließende Kaffeebestellung verläuft ohne Probleme im Hand-Zeige-Deute-Modus. Wobei viele Burmesen ordentlich Englisch sprechen, vor allem die junge Generation. Yangons Straßenkaffee ist süß von der eingerührten Kondensmilch und damit perfekt für den im Keller gelandeten Kreislauf.

Weniger Hektik, weniger Dezibel

Wer sich durch Yangons verwinkelte Straßen treiben lässt, der lernt die Stadt nicht unbedingt von ihrer schönsten, aber definitiv von ihrer authentischen und herzlichsten Seite kennen. Während in Downtown Yangon mit seinen neuen Restaurants, dem Hotel „The Strand“ im Kolonialstil und polierten Parkanlagen ein westlich anmutendes Flair herrscht, sind die Gebäude in Chinatown und den Straßen drumherum oft heruntergekommen, davor bröckelnde Straßendecken und Schotterbelag, über den Köpfen wirre Stromleitungen.

Im Labyrinth der Gassen herrscht ein typisch asiatisches Reizspiel aus Gerüchen, Farben und Geräuschen. Verglichen mit den oft kreischigen Märkten von Bangkok oder Hanoi verläuft hier alles auf niedrigerem Intensitätslevel. Keiner zieht einen am Ärmel.

Zeit für etwas Kunst

Vorbei geht es an der Sule Pagoda und am Victory Monument, weiter in Richtung Fluss. Aung Naing Soe hatte uns zur Einstimmung auf die brodelnde Kunstszene die beiden alteingesessenen Galerien der Stadt empfohlen: „Pansodan“ und „River“. Die eine wird seit dem Jahr 2008 im Bohemian-Stil vom Künstler Aung Soe Min geführt, die andere seit 2006 von der Neuseeländerin Gill Pattison.

Während in Pattisons „River Gallery“ die betuchteren Kunden und die bereits etablierteren, älteren Künstler ein und aus gehen, wuselt es in der „Pansodan Gallery“ etwas weiter stadteinwärts nur so von jungen Hipstern und schüchternen Newcomern wie Zwe Mon.

Von der Kunst allein kann kaum einer leben

Die schlanke 27-Jährige mit dem zurückhaltenden Lächeln verstaut gerade eine Riege ihrer großflächigen, bunten Gemälde im Hinterzimmer in Regalen. Ihre in Acryl gemalten Motive reichen von Darstellungen von Aung San Suu Kyi über hart arbeitende Bäuerinnen bis zu edel wirkenden jungen Frauen. „Die Traditionen der Frauen unseres Landes sind mir wichtig. Wir arbeiten, erziehen die Kinder, unterstützen unsere Partner und wollen trotzdem unsere eigenen Träume verwirklichen“, sagt sie mit leiser, aber bestimmter Stimme.

Wie viele Künstler des Landes hat auch Zwe Mon mehrere Jobs, von der Malerei könne sie ihre Familie nicht ernähren. „Umso wichtiger ist es“, sagt Aye Ko, als wir ihn später zum Jasmintee in einem kleinen Café wiedertreffen, „dass wir Nischen für die Kunst schaffen.“ Er selbst gibt ein Magazin heraus und hat ein Sandalen-Business fürs Einkommen. Sein Herz schlage aber nach wie vor für die Kunst und das Lehren von freiem Denken.

Im zweiten Stock eines unscheinbaren Gebäudes befindet sich seine Galerie „New Zero Art Space“. Sie ist der Mittelpunkt einer jungen, kreativen Szene, halb Ausbildungsstätte, halb Ausstellungsraum. Den Namen hat Aye Ko bewusst gewählt: „New Zero ist der Punkt, an dem sich unser Land befindet. Stunde Null, ein kompletter Neuanfang. Mit dem Motto: Alles ist möglich.“


INFO

Übernachten

East Hotel
Die schlichten Zimmer sind klein, aber sauber. Manche etwas dunkel, bei der Buchung nach mehreren Fenstern fragen und ein Zimmer weiter oben wählen. Kleine Terrasse und Mini-Gym. Im Frühstücksraum lernt man schnell andere Reisende kennen. In Gehnähe zur Sule Pagoda. DZ/F ab 40 Euro

Belmond Governor’s Residence
Ein Relikt vergangener Tage, das im Botschaftsviertel hinter Palmen thront. Die Veranden der großen Zimmer blicken auf den abends beleuchteten Pool. Würde Ernest Hemingway die Holzstufen heraufschreiten, keiner würde wohl mit der Wimper zucken … Heute trifft man im Café des Hotels auf Geschäftsreisende, Touristen, Journalisten oder Künstler wie Htein Lin, der seine Werke an die Hotels der Stadt ausleiht. DZ/F und WiFi ab 300 Euro

Genießen

 The Summer Palace
Im Hotel „Sule Shangri-La“
Lust auf Dim Sum? Im weitläufigen Hotel-Restaurant gibt es die gefüllten, gerollten, gegarten oder gedämpften „chinesischen Mittags-Tapas“ bis zum Abwinken, nämlich „all you can eat“ für knapp 25 Euro. Abends ist die kantonesische Küche mit Ente oder Gemüsegerichten zu empfehlen.
Mittleres Preisniveau


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Über diesen Autor

Manuela Imre

Manuela Imre

Den Fuß in die Schreiberei bekam Manuela mit 15 bei der Lokalzeitung. Heute lebt sie in New York, reist aber am liebsten um die Welt. Luxus? Ist schön, muss aber nicht sein. Am spannendsten sind letztendlich immer die unerwarteten Entdeckungen in verwinkelten Seitenstraßen, die spontanen Gespräche mit Einheimischen und die atemraubenden Ausblicke auf den Spitzen kleiner Bergdörfer. Auf wuseligen Märkten, an Straßenständen und in versteckten Suppenküchen verbergen sich zudem oft die köstlichsten Gerichte – die dürfen gern scharf und würzig sein. Die besten Mitbringsel aus fernen Ländern sind sowieso lokale Rezepte wie Amok aus Kambodscha, Laksa aus Malaysia oder Tom Yum aus Thailand. Die schmecken nachgekocht zwar meist nicht ganz so perfekt wie auf Reisen, machen aber die schönsten Erinnerungen wieder lebendig. Wenn die Journalistin nicht gerade auf Booten, Fahrrädern oder in Flugzeugen unterwegs ist, lässt sie es mit Yoga etwas ruhiger und rückenschonender angehen...der nächste lange Flug kommt bestimmt.

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