Lifestyle

Essay | Scheinreise

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Social Media, Airbnb und Bewertungsportale sowie die steigende Zahl von Reisenden weltweit verändern den Tourismus und unsere Art des Reisens, Sehens und Erlebens. Gedanken zum Urlaub in der Echokammer

Die World Trade Organization UNWTO prognostiziert, dass die weltweite Zahl der Reisenden von einer Milliarde im Jahr 2012 auf 1,8 Milliarden* im Jahr 2030 steigen werde. Das kann heiter werden, nicht nur aus ökologischer Sicht.

Letzten Herbst war ich für eine Produktion zur Zeit der Laubverfärbung in Kyoto. Ein Erlebnis, und zwar in doppelter Hinsicht. Das sogenannte Momijigari, die „Herbstlaub-Jagd“, ist wie das berühmte Hanami, ein Ereignis, welches nicht nur Tag für Tag Zigtausende Japaner in die alte Kaiserstadt lockt, sondern auch Abertausende (gefühlt: Millionen) von Koreanern und Chinesen. Bis zum Rien ne va plus.

Zur Foliage in Kyoto: Tausende stehen Stunden in der Schlange, um die beleuchteten Tempelgärten zu sehen. Steht ja auf jeder Bucket List für 紅葉狩り

Superlange Warteschlangen – immer und überall. Bei der Einreise, vor bekannten und weniger bekannten Schreinen, vor abendlichen Light-Shows in Tempelgärten, vor populären Restaurants und an Bushaltestellen. Die engen Gassen der Altstadt Gion zum Bersten gefüllt mit Flaneuren, die Getriebene eines nicht enden wollenden Mahlstroms sind.

Fushimi Inari-Tempel: laut tripadvisor die Attraktion #1 in Kyoto. Zigtausende quetschen sich unter den roten Torbögen den Berg hinauf

Been there, taken a selfie, done that

An vielen touristischen Hotspots ist ein Phänomen zu beobachten, das unseren Fotografen weltweit mehr und mehr zu schaffen macht: Ob am norwegischen Felsen Kjeragbolten, der zwischen zwei Felswänden klemmt, im Devil’s Pool an der Kante der Victoriafälle oder am 842 Meter hohen Felsen Pedra da Gávea über Rio de Janeiro – überall drängen sich Selfie-Künstler ins Bild, mitunter mit lebensgefährlichen Aktionen.

An harmlosen Touristenorten wie Markusplatz, Tower Bridge, Pantheon, Eiffelturm oder in der Verbotenen Stadt sammeln sich zu jeder Tageszeit Heerscharen von Reisenden, die Smartphones und iPads in die Höhe halten, um alles, einfach alles zu fotografieren und, wenn sie schon selbst nichts sehen, alles postquam auf dem Display zu betrachten.

Die einschlägigen „Bucket Lists“ wollen erledigt werden, das führt bei Vielen zu einem fast besinnungslosen Abarbeiten von überlaufenen Sehenswürdigkeiten.

Spontan ist Mist, es lebe die Bucket List

Der digitale Herdentrieb treibt seltsame Blüten. Lokale, die auf Tripadvisor gute Noten haben, ziehen die Traveller an wie der frische Fladen des Kobe-Rinds die Fliegen. Sich treiben und überraschen lassen? Fehlanzeige. Spontan ein Restaurant wählen? Kommt nicht in Frage. Die „Bucket List for Foodies“ will abgearbeitet werden.

Nicht nur in Asien, auch in Europa und Amerika lenkt die Schwarm-Intelligenz Besucherströme. Dort kann man das Phänomen der Scheinreise beobachten: Convenience-„Erlebnisse“, statt sich dem Unbekannten hinzugeben. In-vitro-Stadtbummel durch vorab mit Googles Street View gecheckte Straßenzüge. Alles schon so vertraut, bevor man da ist.  Hotelbewertungen und Restaurantkritiken weisen den Weg. Die Realität ist das, was vorgefiltert, bewertet und in der zielgruppentypischen Echokammer empfohlen wurde.

Garantiert überraschungsfrei: Alle POI in Kyoto sind markiert, gespeichert und vorab über Street View und Fotos gecheckt. Vor Ort denkt man sich dann nicht selten: Da war ich doch schon, alles so schön vertraut hier

Der digitale Pansen rülpst uns den Weg

So wird die Individualreise zur zigfachen Replika und der Reisende zum Wiederkäuer dessen, was der digitale Pansen in Gestalt von Instagram, Facebook und Tripadvisor schon mehrfach zugrundegespeichelt, vorvergoren und mit Hilfe von Algorithmen in die Welt gerülpst hat.

Inspiration, Intuition und Abenteuer weichen „Ratings“, „Top Rankings“, „Top 10“ und „Travel Hacks“. Eigentlich fremde Welten sind schon fast vertraut und Überraschungen so gut wie ausgeschlossen.

Im Bemühen, ganz cool eigene Wege zu gehen, stapfen wir mit „Townstern“ und „Tripstern“ auf so tief ausgetrampelten Pfaden, dass sie nicht halb so weit sehen wie der Selfie-Stick reicht. Das Foto als finale Selbstvergewisserung, dass man wirklich weg, vor Ort war?

Die zweite Reihe der Städte darf jubeln

Die Massenbewegung von Städtereisenden hat längst auch die Metropolen Europas überrollt, die auf den weltweiten Bucket Lists Spitzenplätze einnehmen. Wegen Platzmangels bald geschlossen. Der erste Infarkt droht Venedig – wenn es nicht ganz schnell vorsorglich in den Fluten versinkt.

Das Gute am Selfiestick? Man muss vor Ort nichts sehen. Offenbar genügt es den meisten, zuhause anzuschauen, was sie nicht gesehen haben wollen konnten

Früher oder später schlägt die Stunde der „Alt-Citys“, von Städten in der zweiten Reihe. Paris, London, Rom, Berlin, Barcelona, Prag, Lissabon, New York, Sankt Petersburg und Amsterdam könnten aufgrund von Überfüllung bald ungenießbar werden.

Die Tourismuswerber von Städten in der zweiten und dritten Reihe dürfen sich die Hände reiben. Eine wachsende Zahl von Reisenden, die nicht wie eine Herde Hammel unterwegs sein wollen und keine Lust haben, sich vor Museen und Monumenten in langen Schlangen die Füße plattzustehen, werden sich von den Top 20 abwenden.

Schließlich ist es nicht jedermanns Sache, sich Monate im Voraus online für Tag drei der Städtereise um Punkt 8.25 Uhr in der Früh ein Online-Ticket für die Uffizien in Florenz, die Galleria Borghese in Rom oder den Eiffelturm zu sichern, das bei 20 Minuten Verspätung verfällt. Dabei geht genau jene Freiheit flöten, die man im Alltag so oft vermisst und auf Reisen sucht.

Achtung, Entdecker. Es ist 5 nach zwölf

Fukuoka statt Kyoto, Porto statt Lissabon, Lyon statt Paris, Girona statt Barcelona, Boston statt New York, Breslau statt Prag, Chengdu statt Shanghai und Graz statt Wien? Das wäre eine Option. Die andere Option: eher dann zu reisen, wenn das Wetter am schlimmsten vulgo kältesten, regnerischsten oder heißesten ist. Macht aber auch nur bedingt Spaß.

Sightseeing 2.0: Man sieht nichts mehr außer schmucken Handy-Displays. Zumindest an touristischen Hotspots wie vor der Verbotenen Stadt

Das Allerschlimmste? Wir sollten uns mit dem Erkunden der städtetouristischen Underdogs besser sputen, denn tief in den Gedärmen der digitalen Reiseplattformen brodelt es schon laut und unheilvoll: „The 10 Most Beautiful and Underrated Cities in Europe“, „City Travel Hack: the Sexy Underdogs“, „23 Overlooked Cities You Must Visit In Your Lifetime“.


* Updates:
2016 waren laut UN-Tourismusorganisation UNWTO schon 1,23 Milliarden Touristen auf Auslandsreisen unterwegs.

Laut Global Destination Cities Index war die 2016 meistbesuchte Stadt der Welt Bangkok – mit 21,47 Millionen Übernachtungsgästen, Rang zwei belegt London mit 19,88 Millionen Besuchern.

Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch? 10.000-km-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten in während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „abenteuer und reisen“ liebt fremde Ufer und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up Paddling, auf dem Bike und in der Sauna.

Katalog-Service

Nice 'n' easy

Holen Sie sich für Ihre Reiseplanung die Kataloge renommierter Spezialveranstalter gratis ins Haus